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Auf nach Amerika: Musterung in der Gegend von Bern, Lithographie nach einer Zeichnung von 1789 von Franz Niklas König.

Hanau

Bawwelnde Söldner für die Krone

Den neusten Stand der Forschung mit Auszügen aus bislang unbekannten Tagebüchern und Briefen fasst das Buch „Die ‚Hessians‘ im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg“ zusammen.

Von Sebastian Meineck

Sie wollten die USA in die Knie zwingen: Etwa 30 000 deutsche Söldner reisten im 18. Jahrhundert über den Atlantik, wohl zwei Drittel davon waren „bawwelnde“ Hessen. Etwa 2500 von ihnen wurden über Hanau verschickt, stiegen an der Kinzigmündung in die Boote. Sie kämpften im Namen der britischen Krone gegen eine junge Nation, die bald zur Weltmacht aufsteigen sollte. Bücher und Kinofilme berichten vom Schicksal der „Hessian Mercenaries“. Den neusten Stand der Forschung mit Auszügen aus bislang unbekannten Tagebüchern und Briefen fasst das Buch „Die ‚Hessians‘ im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg“ zusammen.

Dem Buch liegen Ergebnisse einer internationalen Tagung zugrunde, die im März vergangenen Jahres etwa 100 Gäste und Forscher nach Hanau-Wilhelmsbad lockte – jenem prunkvollen Ort, dessen Bau auch durch die Söldner finanziert wurde. Über die großen Weltkriege wird viel gesprochen, der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg scheint weit entfernt.

Trotzdem lohnt es sich, den Blick ins späte 18. Jahrhundert zu richten, davon ist Historiker Holger Thomas Graef vom Hessischen Landesamt für geschichtliche Landeskunde Marburg überzeugt. „Es geht um die Geburtsstunde des USA“, sagt Graef. „Ein Schlüsselereignis: Hessen und das kleine Hanau werden vom Mantel der Weltgeschichte gestreift.“

„Die Hessen standen auf der falschen Seite“

Doch der Historiker erinnert: „Die Hessen standen auf der falschen Seite.“ Als der Krieg mit dem Sieg der Vereinigten Staaten endete, blieben viele Hessen auf dem Kontinent, einige siedelten nach Kanada über. Von den 30 000 Soldaten seien nach Angaben des Historikers etwa 6000 im Krieg gestorben – erstaunlich wenig im Vergleich zum extrem verlustreichen Siebenjährigen Krieg (1756-1763), betont Graef.

Die Forscher wollen in der Publikation auch mit einem alten Mythos aufräumen: Dem Mythos des verschleppten Soldaten, der gegen seinen Willen in einem fremden Land für eine fremde Krone kämpft. „Der Einsatzort war unerhört“, räumt Graef ein. Aber Söldnerheere, sogenannte Subsidientruppen, hätten damals schlicht zum Alltag gehört. „Die Bauern waren auch Soldaten“, sagt Graef. „Zwangsrekrutierungen waren eher die Ausnahme.“

Viele Männer hätten mit ihrem Einsatz nur den rechtlich verankerten Kriegsdienst abgeleistet. Andere wollten Armut und Hunger entkommen, wie Graef erklärt. Das habe vor allem Männer mit älteren Geschwistern gereizt, die keine Aussicht auf ein gutes Erbe hatten.

Allein in Hanau hätten sich 600 bis 800 Mann völlig freiwillig gemeldet, viele davon seien aus dem Ausland angereist.

Wer die etwa 20 000 Hessen waren, die für die britische Krone um die halbe Welt fuhren, lässt sich auf www.lagis-hessen.de nachschlagen. Die Archive haben dafür zehntausende Datensätze digitalisiert. Die Nachfahren der Söldner bleiben neugierig. „Jede Woche kommen Anfragen von Amerikanern mit hessischen Wurzeln“, sagt Andreas Hedwig vom Hessischen Landesarchiv. Sie fragen nach ihren deutschen Ahnen.

Das Buch „Die ‚Hessians‘ im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg“ hat die Historische Kommission für Hessen als Hardcover herausgegeben. Auf über 300 Seiten erläutern Aufsätze mehrerer Historiker den historischen Rahmen und die Rolle neuer Quellen und neuer Medien. Erhältlich ist das Buch für 28 Euro im Handel und bei der Tourist-Information Hanau. ISBN 978-3-942225-27-4.

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