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Samstags ertönt im Wächtersbacher Stadtteil Leisenwald aus mehr als ein Dutzend Lautsprechern „Atemlos durch die Nacht“ aus den Kehlen des örtlichen Chors, gefolgt von Bekanntmachungen des Ortsvorstehers Thomas Lindt oder seiner Frau Iris.  

Wächtersbach

Ausgebüxte Kühe und anderes

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Auch in Internetzeiten hängt der Ort Leisenwald an seinem Dorffunk.

Immer samstags gegen 13 Uhr ist es mit der dörflichen Stille im Wächtersbacher Stadtteil Leisenwald vorbei. Manch einer wird mit der Arbeit innehalten oder das Fenster öffnen, um nichts zu verpassen. Dann ertönt aus mehr als einem Dutzend Lautsprechern im von Feldern und Wald umgebenden Dorf „Atemlos durch die Nacht“ aus den Kehlen des örtlichen Chors, gefolgt von Bekanntmachungen.

Internet, Whatsapp oder Facebook – nichts kann in Leisenwald das ersetzen, was den sperrigen Namen „Ortrufanlage“ trägt. Neben Leisenwald, das jüngst mit viel Geld die Anlage instand setzte, gibt es in Hessen beispielsweise mit Allendorf (Dautphetal) und Schönbach (Herborn) Kommunen, die den Dorffunk als identitätsstiftendes Ortsmerkmal hochhalten.

„Die Leute warten samstagmittags auf die Durchsagen“, sagt der Leisenwalder Ortsvorsteher Thomas Lindt. Einfach mal ausfallen lassen, das geht nicht. Das könnte gleich schlimme Vermutungen produzieren. Genug zu melden hat Lindt immer, so dass nicht nur an Samstagen „Atemlos“ als akustischer Trailer ertönt. Mehr als 60 Mal im Jahr schaltet Lindt die Anlage an, um Termine und Ereignisse der Vereine im Ort zu verkünden. Hin und wieder verliest er - bei seiner Abwesenheit Ehefrau Iris - aus dem ehemaligen Backhaus auch eine amtliche Bekanntmachung. Einst waren auch ausgebüxte Kühe dabei. In der Zeit von Corona erinnert er daran, Abstand zum Mitmenschen zu halten und „auf alte Leute in der Nachbarschaft zu achten“.

Anfang der 1960er Jahre wurde die Ortsrufanlage installiert, damals keine seltene Einrichtung auf Dörfern. Nachdem der Gemeindediener, der sich mit dem Gebimmel der Handschelle in den Gassen Gehör verschaffte, in Ruhestand gegangen war, zog in den 450-Seelen-Ort die moderne Kommunikationstechnik ein. Am Mikrophon sitzt wie eh und je der Ortsvorsteher. Und wie all die Jahrzehnte gibt es als Vorspann Musik.

Aus mehr als einem Dutzend Lautsprechern sind die Dorfnachrichten immer samstags zu hören. 

„Meine Vorgänger hatten Volksmusik oder Schlager aus den 70er Jahren aufgelegt“, sagt Lindt. In Allendorf spielt Ortsvorsteher Tim Vollmerhausen gerne Rustikales wie die „Löffelpolka“ von Ernst Mosch oder Die Dorfrocker. In Leisenwald gibt es hingegen nur noch ein Lied, das zu einer Hymne des Leisenwalder Dorffunks geworden ist, „Atemlos durch die Nacht“ von Helene Fischer, eingesungen vom Frauen- und Männerchor Liederzweig Leisenwald. Vor gut drei Jahren sei man bei einer Faschingsveranstaltung der Freiwilligen Feuerwehr auf die Idee gekommen.

Atemlos war über die Jahre auch die Technik in Leisenwald geworden. „Die Anlage war weitgehend noch im Originalzustand mit Telefondraht und den 18 Druckkammerlautsprechern“, sagt Lindt. Da kam es den Dorfbewohnern zupass, dass im vergangenen Sommer eine Lokalzeitung in einem Wettbewerb 1000 Euro auslobte. Die Leisenwalder gewannen mit dem Aufstellen des Festumzugs. Die Stadt legte den gleichen Betrag drauf, und der Techniker für die Ortsrufanlage konnte bestellt werden.

Der Erhalt der historischen Elektronik macht auch den Schönbachern Sorgen. „Es ist schwierig, diese Technik zu unterhalten“, sagt Jörg Kring, Schönbacher und Büroleiter bei der Stadt Herborn. Die Vereine hätten sich nunmehr zusammengetan, um etwa Sponsoren für neue Lautsprecher zu finden.

Aufgeben möchte man die Mitteilungstechnik aus längst vergangenen Zeiten nicht. Aus Allendorf, Leisenwald oder Schönbach heißt es unisono, der Dorffunk sei etwas Besonderes für den Ort und halte die Gemeinschaft zusammen. Nur heißt es heute nicht mehr: „Der Billig steht wieder auf der Brücke.“ Damit war der mobile Krämerladen gemeint, der einst übers Land zog.

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