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Auge in Auge mit dem Täter

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Von: Gregor Haschnik

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Hanauer Hilfe unterstützt am Amts- und Landgericht Opfer und Zeugen von Straftaten.

Was wird er mir antun, wenn ich gegen ihn aussage? Wie wird es sein, ihm das erste Mal nach der Tat wieder zu begegnen? Soll ich seinem Blick ausweichen? Opfer und Zeugen von Straftaten ringen mit vielen Fragen und mit Bildern, die ihnen nicht mehr aus dem Kopf gehen wollen. Es ist ein innerer Kampf, der sich auf den Körper niederschlägt: Sie zittern, haben Schweißausbrüche, können kein Auge zumachen.

Die Hanauer Hilfe unterstützt Betroffene seit 29 Jahren, sie startete als bundesweites Pilotprojekt. Seit zwei Jahren bietet die Einrichtung Zeugen und Opfern ihren Beistand nicht nur in ihrer Beratungsstelle in der Salzstraße, sondern auch in ihrem Zeugenzimmer direkt am Amts- und Landgericht an. Im vergangenen Jahr nutzten rund 170 Menschen das Angebot, zwei Drittel davon waren Frauen. Drei Viertel der Hilfesuchenden waren Opfer einer Straftat oder als Zeuge geladen, 20 Prozent Angehörige von Betroffenen. In fast der Hälfte aller Fälle waren die Menschen von Gewalttaten betroffen, zum Beispiel Raubüberfällen oder Körperverletzung, wobei es sich meistens um häusliche Gewalt handelte. In 20 Prozent der Fälle ging es um Einbruch, Diebstahl oder Bedrohung, in zehn Prozent der Fälle um Sexualstraftaten.

„Reden, reden, reden – das ist es, was den Betroffenen am meisten hilft“, sagt Edith Domokosch-Jeske von der Hanauer Hilfe. Die Sozialpädagogin und ihre Kolleginnen nehmen sich viel Zeit für die Opfer und Zeugen und sprechen mit ihnen intensiv, aber einfühlsam über die Tat, die Folgen und den Prozess.

Die Pädagoginnen zeigen ihnen Entspannungs- sowie Stabilisierungstechniken. Sie lernen, wie man schreckliche Bilder in Gedanken in einen Tresor schließt oder auf Miniaturgröße schrumpft. Und, nicht zuletzt, bereiten die Beraterinnen ihre Schützlinge auf die Verhandlung vor: „Wer sitzt wo im Saal? Welche Rechte habe ich als Zeuge? Je mehr man weiß, desto leichter kann man Ängste abbauen.“

Wichtig sei eine individuelle Ansprache: „Jeder Beteiligte nimmt das Geschehen anders wahr, zeichnet sein eigenes Bild davon“, sagt Domokosch-Jeske und nennt ein Beispiel: Ein Mann wurde von einem Bankräuber auf der Flucht angeschossen. Der Räuber hatte nicht auf ihn gezielt, sondern um sich geschossen. Doch für den Getroffenen war klar, dass ihn der Schütze ermorden wollte.

Große Veränderungen bei den Bedürfnissen ihrer Klienten oder bei der Art der Straftaten hat Domokosch-Jeske, die seit 13 Jahren für die Hanauer Hilfe im Einsatz ist, nicht ausgemacht. Und an zwei großen Problemen habe sich auch kaum etwas geändert. „Männer nehmen unsere Hilfe zu selten in Anspruch.“ Das liege, so Domokosch-Jeske, wohl auch an der verbreiteten Einstellung: Ein Mann braucht keine Hilfe. Dabei seien Männer viel häufiger von Straftaten betroffen als Frauen.

Und: „Opfer und Zeugen werden nach wie vor vernachlässigt.“ Das zeige die geringe Zahl von Beratungsstellen; in Bayern und Thüringen zum Beispiel gibt es gar keine. Die Vernachlässigung spiegele sich aber auch während des Prozesses wider: „Ein Tatverdächtiger kann schweigen und lügen, Opfer und Zeugen dürfen sich nicht mal von einem Anwalt vertreten lassen.“ Die Rechte der Betroffenen „müssen dringend gestärkt werden“.

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