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Insgesamt 23 Straftaten werden N. zur Last gelegt.

Hanau

Landgericht Hanau: Angeklagter bestreitet Vorwürfe

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Versuchter Mord, sexueller Missbrauch, Besitz von Kinderpornografie - die Liste der Vorwürfe gegen einen ehemaligen Lokalpolitiker ist lang. Jetzt steht er vor Gericht.

Der Inhalt der Briefe, aus denen Staatsanwalt Oliver Piechaczek zitiert, als er die Anklage verliest, ist unerträglich: Da wird Kindern gedroht, dass ihnen oder Familienmitgliedern etwas zustößt, wenn sie keine pornografischen Aufnahmen von sich liefern. Und dass es zu Vergewaltigungen kommt. Detailliert wird an einer Stelle gefordert, wie die sexuellen Handlungen auszuführen sind und mit wem: Jens N.

Seit Donnerstag muss sich der 47-Jährige, der solche Schreiben an seine Tochter und die Nachbarstochter verfasst haben soll, vor dem Landgericht Hanau verantworten. N. werden 23 Straftaten zur Last gelegt, darunter sexueller Missbrauch, Besitz von Kinderpornografie, falsche Verdächtigung, Diebstahl und versuchter Mord: N. habe seiner von ihm getrennt lebenden Frau im Januar 2018 in Seligenstadt aufgelauert und mit einer Holzlatte auf die 39-Jährige eingeschlagen, um sie zu ermorden.

Der 47-Jährige ist im Main-Kinzig-Kreis kein Unbekannter. Bis Herbst 2018 war er Vize-Fraktionschef der Langenselbolder CDU und Vorstand im Turnverein. Nach seiner Verhaftung verzichtete er auf seine Ämter.

N. weist alle Vorwürfe zurück, die ein Konstrukt von seiner Noch-Ehefrau seien. Parallel zu den Anschuldigungen seien vor dem Familiengericht Verfahren gelaufen, in denen die Noch-Ehefrau das alleinige Sorgerecht für die drei Kinder beanspruchte. Die Ermittlungen seien einseitig gewesen. „Wir gehen davon aus, dass sich im Rahmen der Beweisaufnahme die gegen unseren Mandanten erhobenen Vorwürfe entkräften lassen“, sagt Verteidiger Christian Freydank. Sie verweisen etwa darauf, dass die Frau ihm einen weiteren Überfall habe anhängen wollen, den er gar nicht habe begehen können. N. habe ein Alibi für die Zeit, durch Zeugen und Videoaufnahmen.

Angespannt wirkte N., machte aber umfangreiche Aussagen. Die Beziehung zu seiner Noch-Frau sei zunächst harmonisch gewesen, habe sich nach der Geburt aber immer weiter verschlechtert, bis hin zu „Eiseskälte“. Seine Frau sei mit dem Nachwuchs überfordert gewesen. Beide hätten Verhältnisse gehabt, N. mit einer 17-Jährigen aus dem Sportverein.

Ab 2017 habe er Drohanrufe erhalten, sei erpresst worden, so N. Man habe gedroht, seine Tochter zu vergewaltigen. Deswegen habe er mehrere Tausend Euro gezahlt und sei der Forderung nachgekommen, ein Auto zu mieten, es abzustellen und den Schlüssel da zu lassen. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass N. lügt und damit nur den Verdacht auf andere lenken will: Er soll mit diesem Auto nach Seligenstadt gefahren sein und seine Noch-Ehefrau überfallen haben.

Kammer zeigt Zweifel

Die Kammer ließ Zweifel an N.s Version durchblicken, fragte oft kritisch nach: Warum vertraute er sich nicht der Polizei an? Warum nahm er als IT-Fachmann die Anrufe nicht auf? Wie wahrscheinlich ist das Ganze?

Als die Frau des Angeklagten schilderte, wie sie Anfang 2018 in der Einfahrt ihres Elternhauses attackiert wurde, brach die 39-Jährige in Tränen aus. „Ich habe gedacht, der zertrümmert mir den Schädel“, sagte Nadine N. Der Angreifer „kam auf mich zugeschossen“ und habe sofort auf sie eingeschlagen, auf ihren Kopf, Hals und Oberkörper. Die Schläge seien noch heftiger geworden, als Blut spritzte. Sie habe um Hilfe geschrien – zunächst vergeblich. „Das war so eine hilflose Situation.“ Dann, endlich, sei bei ihrem Onkel nebenan das Licht angegangen. Sie habe weiter geschrien, und schließlich sei ihr Peiniger geflüchtet und sie habe dem Onkel zugerufen, er solle den Rettungsdienst verständigen. Die Verwaltungsbeamtin erlitt zahlreiche Wunden an Kopf, Hals und Oberkörper, lag vier Tage im Krankenhaus. Sie hat nach wie vor Angst vor der Dunkelheit und macht eine Psychotherapie.

Erkannt hat sie den Schläger nicht, sah lediglich, dass es sich offenbar um einen größeren Mann handelte, der dunkel gekleidet war. Nach der Attacke sei ihr Jens N. aber zuerst als Täter in den Kopf gekommen – auch weil sie Anfang Januar die Scheidung eingereicht, es Streit etwa um Unterhalt gegeben und sich abgezeichnet habe, dass der 47-Jährige das Sorgerecht für die Kinder verlieren würde. Außerdem soll er sie „wie sein Eigentum“ behandelt und gesagt haben, er akzeptiere keine Trennung. Er entscheide, wann es vorbei sei.

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