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Wie ein Fächer sind die Gebäude auf dem Pioneer-Areal angeordnet; Die Gesamtanlage ist als Kulturdenkmal geschützt.

Hanau

In Hanau wird ein Vorzeigeviertel geplant

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Der Pioneer Park soll Wohnraum für 5000 Menschen bieten.

Noch wirkt die Pioneer-Kaserne wie eine riesige Geisterstadt. Unkraut wuchert zwischen den massiven, von Nazi-Architektur geprägten Gebäuden, die gelblichen Fassaden sind verblasst, Putz blättert ab. Von der nahen B 43 a ist Verkehrsrauschen zu hören, ansonsten herrscht Totenstille. Auf fast 50 Hektar Fläche.

Viele der Häuser sind gut erhalten. Auch das Casino, das erst von der Wehrmacht genutzt wurde und dann den US-Soldaten bis zum Abzug 2008 als Kantine diente: eine große Halle mit zwei Flügelbauten und Terrassen. Es ist der wohl aufwendigste Bau und einer von dreien, die als Einzelkulturdenkmäler geschützt sind. Geschützt ist auch die Anlage als Ganzes. Geschichte ist in Pioneer überall sichtbar, schon am Eingang, wo ein Gedenkstein für gefallene „Eisenbahnpioniere des Standortes Hanau“ steht – errichtet von den Amerikanern.

In zwei, drei Jahren soll hier viel Leben einkehren: Die Stadt Hanau sowie ihre Bauprojekt GmbH und die DSK Deutsche Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft wollen auf dem Areal im Stadtteil Wolfgang ein ganzes Viertel schaffen, mit mehr als 1500 Wohneinheiten für 5000 Menschen. Spätestens der damit einhergehende Zuzug würde das stark wachsende Hanau, wo etwa 98.000 Menschen leben, zur Großstadt machen.

Die städtische GmbH und die DSK haben für das Projekt die Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) Hessen-Hanau gegründet und das Architekturbüro Albert Speer+Partner (AS+P) mit der Planung beauftragt. Das Interesse des international agierenden Büros kommt nicht von ungefähr: Der „Pioneer Park“, so der Name, ist eines der größten und meistversprechenden Vorhaben in der Region.

Und es zeigt schon jetzt, wie begehrt und umkämpft der Immobilienmarkt im Ballungsraum ist, wie Kommunen mit der Privatwirtschaft agieren und welche Zielgruppen bei Investitionen im Fokus stehen.

Michael Denkel, Geschäftsleiter bei AS+P, spricht von einem einzigartigen Standort und sieht die Möglichkeit, ein Viertel mit „starkem Bezug zum historischen Geist des Ortes“ zu schaffen. In den Plänen heißt es, die Architekten wollten „die grüne Anmutung des Standortes zum Markenzeichen machen“ und eine „Parkstadt“ aufbauen.

Wie ein Halbkreis ist das Pioneer-Gelände geformt, ein Teil der Gebäude ist wie ein Fächer angeordnet. Luftaufnahmen zeigen diese Eigenschaften, genauso wie die Lage: Das Naturschutzgebiet Bulau liegt in der Nähe, aber auch die Hanauer Innenstadt. Gleichzeitig ist Pioneer nicht weit weg vom Hanauer Hauptbahnhof und Autobahnen wie der A 66.

Der Anspruch ist groß: Nicht weniger als „innovatives Vorzeigequartier“ solle entstehen, sagt Martin Bieberle, im Rathaus verantwortlich für Stadtentwicklung und Geschäftsführer der Bauprojekt GmbH. „Hanau ist eine vielfältige Stadt. Das soll sich im Pioneer Park widerspiegeln.“ Ziel sei eine „breite soziale Mischung“, mit Wohnraum für jedes Einkommen und Alter, Menschen mit und ohne Behinderung. Auch generationenübergreifende Wohneinheiten sind geplant. Ein Mix aus Einzel-, Doppel- und Reihenhäusern, darunter Kettenbungalows, und Geschosswohnungen, aus Gastronomie, Geschäften, einer Kita und anderen Einrichtungen sollen den Bewohnern kurze Wege ermöglichen. 

Einen Großteil des Geschosswohnungsbaus will die LEG selbst übernehmen. Der Rest der Grundstücke und Immobilien soll an andere Bauträger weiterverkauft werden. 
Auch die dunklen Kapitel in der Historie des Ortes, von dem einst ein Vernichtungskrieg ausgehen sollte, würden aufgearbeitet, sagt Bieberle und verweist auf das in Hanau geplante militärische Dokumentationszentrum. Außerdem „wollen wir ökologisch ein Zeichen setzen“, kündigt der Stadtentwickler an. Mit dem Projekt „Klima-Pionier-Quartier“ ist die Stadt in das Bundesprogramm Stadtumbau aufgenommen worden.

Ein Teil des Bestandes wird abgerissen, gut erhaltene und schützenswerte Häuser sollen erhalten werden. Eigentlich sollten 700 Wohneinheiten gebaut werden, jetzt werden es mehr als doppelt so viele. Bieberle sieht darin kein Problem. Das Areal sei so groß, dass die Platzverhältnisse nach wie vor großzügig würden. Die LEG wolle der immensen Nachfrage gerecht werden.

Der Pioneer Park ist ein interessantes Projekt – aber auch eines, das mit vielen Herausforderungen verbunden ist. In der Nähe befinden sich nicht nur Naturschutzgebiete, sondern auch vielbefahrene Straßen, eine Bahnstrecke und Industrie, etwa der Reifenhersteller Dunlop. Das stellt besondere Anforderungen, zum Beispiel an den Lärmschutz. Möglicherweise sind Altlasten zu beseitigen.

Bieberle, der die Pioneer-Kaserne als Hanaus „Meisterstück“ in der Konversion bezeichnet, räumt ein, das Areal habe Vor- und Nachteile – ein Grund dafür, dass die Stadt private Partner ins Boot geholt habe. Die DSK - bei der der frühere Frankfurter Bürgermeister und Planungsdezernent Olaf Cunitz (Grüne) die Projektentwicklung leitet – sei kein Investor, der schnelles Geld machen wolle, sondern nachhaltig arbeite. Bieberle fügt hinzu, Hanau könne auf seine Entwicklung – mit dem Innenstadtumbau – stolz sein. Vor zehn Jahren habe sich kaum ein Investor für die Stadt interessiert, das sei heute ganz anders.

Unumstritten ist die Partnerschaft mit der DSK nicht: Kritiker bemängeln etwa, die Stadt habe bei Pioneer das Heft aus der Hand gegeben. Es werde in Hanau weiter an günstigem Wohnraum mangeln.

Noch ist ein Großteil der Flächen im Park nicht vergeben. Eines scheint schon sicher: Brachen wird es hier nicht geben. Während der Immobilienmesse Expo Real in München konnten sich die Hanauer kaum retten vor Anfragen.

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