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Die Kühltürme der älteren Kraftwerksblöcke (vorne) werden nach und nach abgerissen. Ob in diesem Jahr, ist noch unklar.

Rhein-Main

Abriss in aller Stille

  • Detlef Sundermann
    vonDetlef Sundermann
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Der erste Kühlturm des Kraftwerks Staudinger zwischen Großkrotzenburg und Hanau ist niedergelegt. Die Altblöcke weichen neuem Gewerbe.

In wenigen Jahren wird im Südosten des Rhein-Main-Gebiets eine Landmarke deutlich geschrumpft und irgendwann ganz verschwunden sein: die gewaltige Anlage des Steinkohlekraftwerks Staudinger zwischen Großkrotzenburg und Hanau. Der Anfang wurde dieser Tage mit dem Abriss des Kühlturms von Block 3 gemacht – ohne, wie sonst beim Pulverisieren großer Betonruinen üblich, daraus ein öffentliches Spektakel zu machen. Man habe ein Abbruchverfahren für die Altanlagen erprobt, das den laufenden Betrieb nicht gefährde, heißt es.

Betriebsleiter Matthias Hube gibt sich wehmütig: „Es ist der Beginn vom Ende einer langen Kraftwerksära auf Staudinger.“ Und der ist mit ein paar Treffern einer Abrissbirne auf der eierschalendünn wirkenden Betonwand des gut 50 Meter hohen Gebäudes eingeläutet worden. „Der Kühlturm hat sich wie ein Lampion zusammengefaltet“, heißt es.

Das Kraftwerk

1965 ging das E-Werk, benannt nach dem Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Staudinger der früheren Preussen-Elektra, mit zwei Steinkohleblöcken in Betrieb.

1970 kam Block 3 hinzu. Der mit Erdgas befeuerte Block 4 lief erstmals 1977 an, zu Spitzenzeiten. 1992 ging der Steinkohleblock 5 ans Netz, er liefert heute auch die Fernwärme.

Nach Eon ist die 2016 gegründete Uniper SE die heutige Besitzerin, die seit März 2020 dem finnischen Energiekonzern Fortum angehört.

Wegen des Kohleausstiegs des Bundes hat Uniper das Laufzeitende für Staudinger auf 2025 festgesetzt. sun

Vor 50 Jahren ging Block 3 als Mittellastanlage in Betrieb – also als zuschaltbarer Stromerzeuger, wenn etwa mittags auf E-Herden Essen gekocht wurde. 2012 wurde er ebenso wie die fünf Jahre älteren Blöcke 1 und 2 abgeschaltet. Die Anlagen hatten ihre Laufzeit erreicht und hätten für weitere Betriebsjahre modernisiert werden müssen. Dazu waren sie jedoch nicht effizient genug, nicht zuletzt aufgrund der Kühltürme, in denen kein Natursog herrschte, sondern ein riesiger Propeller für Luftzug über dem Rieselfeld sorgte. Wegen der geringeren Bauhöhe eine landschaftsästhetisch zwar bessere Lösung, aber die Ventilatoren waren Stromfresser.

Die Flächen sollen künftig als Gewerbe- und Industriegebiet genutzt werden. Im vergangenen Jahr hat die Großkrotzenburger Gemeindevertretung dem Vorhaben zugestimmt. Staudinger nannte auch schon Interessenten: ein Rechenzentrum im benachbarten Kahlstein und ein niederländischer Asphalt- und Teerrecycler der sich die Nähe zum Main zunutze machen wolle. Letzteres Unternehmen soll seine Anfrage mittlerweile aber zurückgezogen haben. Als potenzieller Standortnutzer haben sich seit kurzem auch die Stadtwerke Hanau ins Spiel gebracht. Es könnte ein großes Blockheizkraftwerk entstehen, dass die Fernwärmeversorgung für Hanau und Großkrotzenburg übernimmt, wenn ab 2025 die haushohe Brennkammer im Block 5 kalt bleibt.

Der Rückbau der Blöcke 1 bis 3 gestaltet sich schwierig. Seit 1977 geht es wegen der Nachverdichtung durch Block 4 und 5 auf dem Gelände beengt zu – auch gemessen an der Höhe der Bauten. Mit Sprengladungen die Stahlbetonkonstruktionen in sich zusammensacken zu lassen, soll laut Betriebsleiter Hube keine Option gewesen sein. Der Abriss des Kühlturms von Block 3 war nun eine Übung für die vier 38 Meter hohen Türme der Blöcke 1 und 2, die sich am Horizont im Vergleich zu den beiden bis zu 141 Meter hohen Türmen der Anlagen 4 und 5 wie Töpfchen ausnehmen.

Neben den gewaltigen Betriebsgebäuden müssen auch die drei Schlote fallen, die einst knapp 200 Meter gen Himmel ragten und im Vorjahr wegen herabfallender Ziegelsteine schon ein paar Meter gekürzt werden mussten. Bis zum gesetzlich vorgeschriebenen Einbau von Filtern 1983 brachten die Schornsteine eine gewaltige Fracht aus Feinstaub und Schwefeldioxid in die Höhe, die sich je nach Windrichtung etwa über Frankfurt oder Luftkurorte wie Bad Orb senkte. Die Brennkammern haben immerhin 90 bis 110 Tonnen Kohle pro Stunde verschlungen.

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