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Zahlreiche Menschen füllten den Marktplatz in Hanau am Donnerstagabend und hörten Bundespräsident Steinmeier zu. Martin Meissner/dpa

Hanau

Mahnwachen in Hessen: Vereint in Trauer und Zorn

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Tausende gedenken bei Mahnwachen in mehreren hessischen Städten der Opfer des Terrors von Hanau. Bundespräsident Steinmeier spricht. Es gibt Applaus aber auch Kritik.

Zahlreiche Kerzen leuchteten rund um das Brüder-Grimm-Denkmal. Angehörige und Bekannte hielten Fotos der Opfer hoch, andere Teilnehmer Transparente mit Aufschriften wie „Kein Platz für Hass“ und spendeten sich Trost: Am Donnerstagabend haben auf dem Hanauer Marktplatz nach Angaben von Stadt und Polizei mehr als 5000 Menschen der Opfer des Terroranschlags gedacht. Die Menge war so „bunt“, wie Hanau ist. Etwa jeder zweite hier hat einen sogenannten Migrationshintergrund.

Bundespräsident Frank-Walter-Steinmeier (SPD) sagte in Hanau: „Was geschehen ist, das macht uns fassungslos, das macht uns traurig, und es macht uns zornig.“ Er handele sich um einen brutalen, terroristischen Akt. Denn mit Terror solle Gewalt und Schrecken verbreitet werden, um die Gesellschaft zu spalten. Umso wichtiger sei es, jetzt zu zeigen, „dass wir uns nicht einschüchtern lassen“ und nicht auseinander laufen, sondern Seite an Seite stehen – gegen Gewalt, aber auch gegen „die Sprache der Ausgrenzung“, die Gewalt häufig den Weg bereite. Steinmeier rief dazu auf, aktiv zu werden, wenn Minderheiten die Würde genommen werde. „Zeigen Sie Rücksichtnahme, zeigen Sie Solidarität“, nicht nur in diesen Stunden, so der Bundespräsident. Das sei das stärkste Mittel gegen Hass.

Kritik an der Politik

Steinmeier erntete an mehreren Stellen Applaus, doch es gab auch Kritik. Nach seiner Rede kritisierte eine Frau lautstark den Umgang mit der AfD: Wenn eine solche Partei legal sei, sei auch Rassismus legal, sagte sie sinngemäß. Heftige Kritik äußerten Teilnehmer an Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) für dessen Verhalten im NSU-Skandal. Sätze wie „Nazis morden und der Staat schaut zu!“ wurden skandiert und immer wieder die Freigabe der NSU-Akten gefordert.

Bouffier sprach in seiner Rede von einem „Tag des Schreckens, des Grauens“. „Wir müssen alles dafür tun, dass alle in diesem Land ohne Angst leben können. Wir lassen uns nicht spalten.“

Zuvor hatte Hanaus OB Claus Kaminsky (SPD) von einer Welle der Anteilnahme berichtet, aus aller Welt. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) habe am Telefon gesagt, sie stehe an Hanaus Seite. Die Stadt, so Kaminsky, sei stolz darauf, dass sie seit Jahrhunderten Menschen aus anderen Nationen aufnehme und es hier ein friedliches Zusammenleben gebe.

Unter den Teilnehmern war Alma Syla. Die junge Frau, die wegen ihrer Schwerhörigkeit ein Cochlea-Implantat trägt, kannte einen der Getöteten aus dem Kiosk. Er sei immer höflich gewesen und habe ihr nach dem Fußball auch mal etwas zu trinken spendiert. Zudem wolle sie ein Zeichen dafür setzen, dass alle Menschen gleich seien, zusammenhalten sollten. Egal, woher sie kommen, und ob sie eine Beeinträchtigung haben oder nicht.

Atila Karabörklü, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde, sagte zur Kundgebung, es sei gut, dass sich die Menschen versammelten und Solidarität zeigten. Von den Reden der Politiker war er enttäuscht. Sie hätten keinerlei konkrete Maßnahmen angekündigt. Reden reiche nicht, es müsse endlich richtig gehandelt werden, etwa in Sachen NSU.

Kämpferische Reden

In Frankfurt hatte der Deutsche Gewerkschaftsbund, ebenso wie in Marburg und Wetzlar, zu einer Mahnwache vor der Paulskirche aufgerufen. Dem Ruf nach Frankfurt sind nach Polizeiangaben 3500 Menschen gefolgt, die Veranstalter sprachen von 5000. Am Rande der Mahnwache nahm die Polizei einen Mann fest, der den Hitlergruß gezeigt hatte.

OB Peter Feldmann (SPD) sagte, dass in Frankfurt aber auch dem Rhein-Main-Gebiet kein Platz für Rassismus und Antisemitismus sei und verurteilte jene, die den Terror von Halle heruntergespielt hätten. In Richtung der politischen Gegner sagte Feldmann: „Wir lassen uns von nichts und niemanden einschüchtern. Kein Fußbreit den Faschisten.“

Auch Özgün Önal aus Frankfurt ist zur Mahnwache gekommen. Für sie rücke der rechte Terror immer mehr in den Lebensmittelpunkt. Sie habe Angst, sei aber auch wütend: „So lange kein Zeichen gesetzt wird, wird der rechte Terror kein Ende nehmen.“

In Dietzenbach rief der Ausländerbeirat zu einer Mahnwache auf. Die Stimmung auf dem Europaplatz war kaum auszuhalten. Die Blicke ernst, die Augen der vielen Menschen gläsern. Der Schock nach den Morden hatte die Menschen hierher kommen lassen. Nicht zuletzt, aber auch weil zwei der Ermordeten aus Dietzenbach kamen. „Ich habe selbst Angst, hier zu stehen“, sagte eine junge Frau, die mit ihrem kleinen Kind im Wagen gekommen war. Sie hatte Grablichter dabei, die sie am Fuß des Rathauses aufstellen wollte. Neben ihr stand ihre Schwägerin. Beide kannten eines der Opfer aus Dietzenbach. „Er war ein Freund meines Bruders“, sagte die andere der beiden Frauen. Vor ein paar Tagen hätten ihr Bruder und der Ermordete noch miteinander geschrieben.

Als Aykan Aydin, Vorsitzender der Ditib-Gemeinde, seine Worte an die Menschen richtete, zitterte seine Stimme. Doch seine Worte waren bestimmt: „Die seelische, gesellschaftliche Verwundung geht tief. Sie trifft Migrantinnen und Migranten, Musliminnen und Muslime bis ins tiefste Mark.“ Er kritisierte, dass auf dem politischen und gesellschaftlichen Parkett rassistische und antimuslimische Statements unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit probates Mittel zur Stimmungsmache wurden.

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