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Im Müll: Das Mahnmal für die Opfer des Rassenwahns am Platz der Deutschen Einheit in Offenbach.

Offenbach

Mahnmal in Offenbacher Innenstadt mit Müll verschandelt

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Unternehmer kritisiert respektlosen Umgang mit Opfern des Holocaust rund um Baustellen. OB Felix Schwenke verspricht schnelle Beseitigung von Abfällen und Baumaterial.

Christos Vittoratos ist entsetzt. Seit einiger Zeit ist der Gedenkstein zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus auf dem Platz der Deutschen Einheit zugemüllt mit Rohren, Paletten, Kabeln, Rollen, einer Hebebühne und Abfällen zweier Baustellen in der Nähe. Das Mahnmal ist als solches nicht mehr zu erkennen, der Text größtenteils verdeckt. Der Offenbacher Unternehmer und Designer spricht von einem respektlosen Umgang.

Und was ihn wütend macht: Der Platz befindet sich nicht etwa in einer abgelegenen Ecke Offenbachs, sondern in zentraler Innenstadtlage auf der Südseite schräg gegenüber vom Rathaus. Doch bislang habe sich offensichtlich niemand an der unwürdigen Situation gestört und darüber beschwert, sagt Vittoratos.

Die Pressestelle der Stadt beantwortete eine FR-Anfrage von Montagfrüh zu den Umständen der Vermüllung bis gestern Abend nicht. Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD), angesprochen auf den Zustand rund um den Gedenkstein, nahm Stellung. Er nannte es respektlos, wie sorglos mit dem Mahnmal umgegangen werde.

Er bedankte sich für den Hinweis und versprach, das Ordnungsamt werde sich darum kümmern, den Verursacher zu ermitteln. Außerdem werde er veranlassen, dass der Müll schnellstens beseitigt und die Fläche freigeräumt werde. Nach Einschätzung des Oberbürgermeisters befinden sich Müll und Baustellenmaterial rund um die Gedenktafel außerhalb der genehmigten und eingezäunten Baustelleneinrichtung.

Die von dem Schriftdesigner und Typographen Karlgeorg Hoefer geschaffene Gedenktafel aus Bronze ist als Opferdenkmal in der Denkmalliste der Stadt Offenbach aufgeführt. Der Text lautet: Den Opfern für den Frieden / Und die Völkerverständigung / Den Opfern des Rassenwahns / und der Reaktion“. Die Initiative für das Mahnmal war vom Verein der Verfolgten des Naziregimes und dem Bund der Antifaschisten ausgegangen. Es ist auch den Widerstandskämpfern gewidmet, die im Dritten Reich verfolgt worden waren.

Hoefer hatte mehr als drei Jahrzehnte an der Hochschule für Gestaltung (früher Werkkunstschule) bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand 1979 gelehrt. Für sein Werk wurde er 1993 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Vier Jahre zuvor hatte die Stadt Offenbach dem renommierten Schriftkünstler die Bürgermedaille in Silber verliehen. Dieser hatte 1982 mit seiner Frau Maria die Schreibwerkstatt Klingspor gegründet.

Nach Recherchen des Hauses der Stadtgeschichte war die Gedenktafel nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst am provisorischen Rathaus an der Kaiserstraße 18 angebracht gewesen. Am 23. April 1950 soll die Tafel mit dem Stein auf dem damaligen Stadthof (seit 1990 Platz der Deutschen Einheit) aufgestellt worden sein.

In unmittelbarer Nähe zu der von Hoefer gestalteten Gedenktafel befindet auf anderen Seite des 1971 eröffneten Rathauses an der Berliner Straße ein weiteres Mahnmal „Zur Erinnerung an die Opfer der Gewaltherrschaft“. Das drei Meter hohe Kunstwerk aus poliertem Edelstahl war im selben Jahr von dem Offenbacher Künstler Bernd Rosenheim geschaffen worden, der seinerzeit als Sieger aus einem Ideenwettbewerb hervorgegangen war.

„Flamme“ nannte der Bildhauer die aus 160 Stahlsegmenten gefügte Plastik. Die Inschrift in einer neben dem Fuß der Skulptur liegenden Platte lautet: „den wehrlosen / und den widerstehenden / den schwachen und den tapferen / den verratenen und verkauften / opfern der gewalt. / die bürger von offenbach“. Dieser Text stammte von dem katholischen Publizisten, Schriftsteller und Journalisten Walter Dirks.

Beide Gedenktafeln widmen sich den Opfern der Gewalt. Die Stadt legt dreimal im Jahr an beiden Standorten Kränze nieder, und zwar am Volkstrauertag, zum Gedenken an die Pogromnacht 1938 und jeweils am 20. Juli zur Erinnerung an das misslungene Stauffenberg-Attentat 1944.

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