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Justitia ist wachsam (Symbolfoto).
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Justitia ist wachsam (Symbolfoto).

Prozess in Frankfurt

Die Luftnummer mit dem Zeil-Imbiss

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Das Frankfurter Amtsgericht verhandelt gegen einen Mann wegen Betrugs. Der 39-Jährige soll einen Imbiss auf der Zeil verpachtet haben, den er niemals besaß.

Der 39 Jahre alte Harkomal S., schlecht bezahlter Kurierfahrer, steht wegen eines besonders bizarren Betrugsvorwurfs vor dem Amtsgericht. Er soll im Oktober 2015 dem 37 Jahre alten Vici V. und dessen Schwager einen China-Imbiss auf der Zeil verpachtet und dafür im Voraus mehr als 20 000 Euro kassiert haben – obwohl er diesen Imbiss weder besaß noch irgendetwas damit zu tun hatte.

Die Masche wäre originell, aber nicht einzigartig: 1925 verhökerte das böhmische Betrugsgenie Victor Lustig den Eiffelturm für mindestens 50 000 Dollar an den Pariser Schrotthändler André Poisson. Lustig führte danach noch ein herrliches Gaunerleben und legte sogar Al Capone aufs Kreuz. Aber Harkomal S. ist nicht Victor Lustig. Dem betrogenen Schrotthändler Poisson war die Eiffelturm-Sache damals so peinlich, dass er die Tat nie bei der Polizei anzeigte. Aber Vici V. ist nicht André Poisson.

Harkomal S. leugnet den Betrug. Er kenne Vici V., da beide Mitglieder der Sikh-Gemeinde in Höchst seien, lässt er durch seinen Verteidiger ausrichten, denn er selbst spricht kein Wort Deutsch. Man habe auch öfter gemeinsam Kaffee getrunken. Er habe aber nie versucht, ihm einen China-Imbiss anzudrehen. Er sei auch kein Betrüger. Andersrum werde ein Schuh draus: In der Sikh-Gemeinde wisse jeder, dass Vici V. gegen Bezahlung B-1-Deutschzertifikate für erfolgreiche Teilnahme an Sprachkursen verhökere. An einem solchen sei er interessiert gewesen. Warum ihn Vici V. nun des Betrugs zeihe, wisse er nicht. Fragen werden nicht beantwortet.

Einstieg in die Gastronomie

„Ich habe ihm vertraut“, sagt Vici V. im Zeugenstand, und das ist einer der wenigen Sätze, deren Sinn sich dem Zuhörer erschließt. Nach eigenen Angaben war V. früher im Sicherheitsgewerbe tätig und arbeitet derzeit als Dolmetscher für die Flüchtlingshilfe. Das wäre allerdings ein dickes Ding, denn V. verfügt zwar über einen beachtlichen Wortschatz, seine Sätze aber wollen sich nicht dem Joch einer ordnenden Struktur beugen und verwirren eher, als sie aufklären.

Durch geduldiges Nachfragen der Richterin kristallisiert sich schließlich folgende Version heraus: Er und sein Schwager hätten Interesse am Einstieg in die Frankfurter Gastronomie gehabt. Harkomal S. habe ihm erzählt, er könne Kontakt zu den Besitzern des China-Imbisses herstellen, der Ende 2015 zur Pacht frei werde.

Nachfragen zu den Besitzern sei er aber ausgewichen, und dem Imbiss, der pikanterweise direkt neben dem Polizeirevier steht, hätten sie auch keinen Besuch abstatten dürfen: Die Köche, hieß es, wüssten noch nichts von der bevorstehenden Schließung des Ladens und könnten den Aufstand proben.

Knapp 15 000 Euro habe er S. in bar für die vermeintlichen Verpächter ausgehändigt – als Kaution und erste drei Monatsmieten. Knapp 8000 Euro habe S. als Provision kassiert. Für die 15 000 hat V. tatsächlich eine von einem gewissen „A. Krämer“ unterzeichnete Quittung. Für die Provision nicht. Dafür hat er einen umfangreichen, real existierenden Mietvertrag – mit einem Wiesbadener Immobilienunternehmen, das leider nicht real existiert.

Als er endlich Verdacht geschöpft habe, hätten er und sein Schwager den China-Imbiss doch noch besucht. Die Köche hätten sie an den wahren Besitzer im Bahnhofsviertel verwiesen. Und der habe ihm und seinem Schwager mitgeteilt, er sei glücklicher Vermieter und gedächte nicht, dies zu ändern.

Als ob die ganze Sache nicht bizarr genug wäre, meldet sich plötzlich ein Überraschungszeuge aus dem Zuschauerraum. Sein Name sei Kuldip S., übersetzt der Dolmetscher, und er könne bezeugen, dass Harkomal S. seinerzeit den China-Imbiss innerhalb der Höchster Sikh-Gemeinde wie sauer Bier angeboten habe, so auch ihm. Er sei aber nicht drauf reingefallen, er sei ja nicht blöd.

Prozess dauert länger

Zu blöd wird es jetzt aber der Richterin. Der zusehends eskalierende Prozess wird verlängert, neue Zeugen werden gesucht. Fortsetzung: 12. Mai.

Mitunter nehmen solche Geschichten ein versöhnliches Ende. Als Victor Lustig 1935 nach einem spektakulären Ausbruch eingefangen und ins Hochsicherheitsgefängnis Alcatraz gebracht wurde, wo er den Rest seines Lebens verbringen sollte, sorgte der Legende nach der dort ranghöchste Insasse für Lustigs persönliche Sicherheit – vielleicht zollte Al Capone so den kollegialen Respekt für eine originelle Gaunerei auf seine Kosten.

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