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Irmgard Braun-Lübcke beschwor den Angeklagten Stephan Ernst, die Wahrheit zu sagen: „Geben Sie uns wenigstens das.“

Mordfall Walter Lübcke

„Auch unser Leben ist zerstört“

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Im Prozess um den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke sagt dessen Frau Irmgard Braun-Lübcke aus. Am Ende richtet sie einen dringlichen Appell an den Hauptangeklagten Stephan Ernst.

Am schlimmsten sei für sie, sagt Irmgard Braun-Lübcke, dass ihr Mann keinen natürlichen Tod gehabt habe. Wenn ein Mensch an einer Krankheit sterbe, könne man das verarbeiten. Aber dass Walter Lübcke, der so lebensbejahend gewesen sei, so voller Vorfreude auf seinen Ruhestand, erschossen wurde, sei „unfassbar und schrecklich“. Die Stimme der 67-Jährigen stockt. Ihr Mann habe sich sehr über seine beiden Enkelkinder gefreut, das eine noch klein, das andere noch nicht einmal geboren, sagt sie dann. „Er hatte Pläne, was er ihnen sagen wollte, was er mit ihnen machen wollte. Jetzt ist ihm sein Opa-Sein genommen worden durch so einen ganz perfiden Mord.“

Am 30. Tag des Strafprozesses zum Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke wird noch einmal erfahrbar, welches Leid die Tat über die Hinterbliebenen des Opfers gebracht hat. Irmgard Braun-Lübcke, die fast 40 Jahre mit Walter Lübcke verheiratet war, wird an diesem Montag als Zeugin angehört. Man spürt, dass sie sich auf diesen Tag vorbereitet hat, sie wirkt gefasst, spricht klar und ruhig. Und dennoch bricht ihr immer wieder die Stimme. Auch die beiden erwachsenen Söhne, die mit im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts Frankfurt sitzen, kämpfen ohne großen Erfolg gegen ihre Tränen an.

Der Tattag sei „wettermäßig ein wunderschöner Tag“ gewesen, berichtet Braun-Lübcke. Sie und ihr Mann hätten an diesem 1. Juni 2019 zum ersten Mal ihr Enkelkind über Nacht bei sich gehabt, weshalb sie etwas aufgeregt gewesen sei: „Es sollte gelingen als Oma und Opa.“ Am Abend sei zuerst noch ein befreundeter Pfarrer zu Besuch gewesen, dann habe sie sich zu ihrem Enkel gelegt, und ihr Mann habe auf dem Tablet, auf seinem Lieblingsstuhl auf der Terrasse sitzend, ein Hotel für einen geplanten Kurzurlaub gesucht. „So haben wir uns verabschiedet.“

Als ihr jüngerer Sohn sie weckte, „da wusste ich, dass irgendwas passiert ist“, sagt die 67-Jährige. Die ganze Familie sei ins Krankenhaus gefahren, in dem Glauben, Walter Lübcke habe einen Herzinfarkt erlitten. Erst im Krankenhaus habe sie erfahren, dass im Kopf ihres Mannes ein Projektil steckte.

Sein Tod habe die Familie völlig aus der Bahn geworfen, sagt Braun-Lübcke. „Er fehlt uns unendlich.“ An normalen Alltag sei bis heute nicht zu denken, sie sehe es vielmehr so, dass durch den Mord „auch unser Leben zerstört wurde“.

Die Zeugin berichtet, dass es für Walter Lübcke in der Flüchtlingsdebatte ab 2015 wegen seines christlichen Weltbildes klar gewesen sei, dass man helfen müsse. Wie sehr ihn die Anfeindungen geärgert hätten, nachdem er bei einer Bürgerversammlung während eines Wortgefechts mit rechten Pöblern gesagt hatte, wer die Werte des Grundgesetzes nicht teile, könne das Land verlassen. Angst habe ihr Mann wegen der darauf folgenden Drohungen nicht gehabt, sagt Braun-Lübcke. „Ich glaube, er war etwas in Sorge um uns als Familie.“ Sie selbst grübele immer noch, warum ihr Mann zur Zielscheibe geworden sei. „Wir haben es ja oft genug gehört: Aus Worten werden Taten“, sagt sie. Markus H., der ein Video von besagter Bürgerversammlung ins Netz gestellt hatte und in dem Prozess wegen Beihilfe angeklagt ist, sei in ihren Augen mitverantwortlich für den Mord. Dass H. vor Gericht schweige und teils sogar grinse, empfinde sie als „sehr verletzend“.

Am Ende wendet sich die 67-Jährige an den Hauptangeklagten Stephan Ernst. Ihr Mann komme nie mehr zurück, sagt sie, aber sie müsse das Geschehene irgendwann verarbeiten. Und dafür müsse sie wissen, was in den letzten Sekunden im Leben ihres Mannes passiert sei, ob er Ernst noch bemerkt habe, ob Markus H. mit am Tatort gewesen sei. „Sagen Sie die Wahrheit“, beschwört sie Ernst. „Geben Sie uns wenigstens das.“

Stephan Ernst, dem während der Aussage ebenfalls mehrmals die Tränen gekommen sind, räuspert sich. „Es tut mir leid“, sagt der 47-Jährige mit brüchiger Stimme. „Es tut mir leid, dass in Ihrem Herzen Kummer ist Tag für Tag.“ Irmgard Braun-Lübcke erhebt sich. Sie hat ihren schweren Auftritt überstanden.

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