Der mutmaßliche Mörder von Walter Lübcke Stephan Ernst auf der Anklagebank mit gesenktem Gesicht
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Stephan Ernst hat den tödlichen Schuss auf Walter Lübcke vor Gericht gestanden.

Mordfall Lübcke

Stephan Ernst laut Gutachter nicht krank

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Wie starb Walter Lübcke? Zur Frage, wie die widersprüchlichen Aussagen des Hauptangeklagten Stephan Ernst einzuschätzen ist, hat erstmals ein psychiatrischer Gutachter Stellung genommen.

Es ist eine der zentralen Fragen im Prozess zum Mordfall Walter Lübcke: Was ist in der Nacht zum 2. Juni vergangenen Jahres geschehen, als der Kasseler Regierungspräsident erschossen wurde? Der Hauptangeklagte Stephan Ernst hat mittlerweile drei Versionen des Tatablaufs geschildert. Zunächst hatte der 46-jährige Neonazi den Mord gestanden, dann seinen mitangeklagten Freund Markus H. beschuldigt, Lübcke versehentlich getötet zu haben. Vorige Woche sagte Ernst dann vor Gericht aus, er habe geschossen, H. sei aber ebenfalls vor Ort gewesen – und sie hätten die Tat gemeinsam geplant.

Welche dieser Versionen kommt der Wahrheit am nächsten? Was kann man Ernst glauben? Zu dieser Frage hat am zehnten Prozesstag am vergangenen Montag erstmals der renommierte Psychiater Norbert Leygraf Stellung genommen, der als Gutachter auftritt. Leygraf hatte Anfang des Jahres an zwei Tagen insgesamt neun Stunden mit Ernst gesprochen, um sich ein Bild von dessen psychischer Verfassung zu machen. Eigentlich soll der Gutachter zu seinen Eindrücken erst am Ende des Prozesses aussagen. Doch nun gab Leygraf wegen eines Antrags der Verteidigung von Markus H. schon einmal ein Kurzgutachten zu der Frage ab, ob die Aussagefähigkeit des Angeklagten beeinträchtigt sei. Leygrafs Einschätzung: Er könne bei Ernst keinerlei psychiatrische Erkrankung oder psychische Störung feststellen. Ernst wisse durchaus, was er sage. Seine von ihm selbst beschriebenen Angstzustände und depressiven Verstimmungen seien als „durchaus nachvollziehbare Reaktion“ auf die Untersuchungshaft zu werten.

Die schizoide Persönlichkeitsstörung, die ein Gerichtsgutachter 1994 beim damals 20 Jahre alten Stephan Ernst diagnostiziert hatte, habe er nicht feststellen können, führte der erfahrene Psychiater aus.

Dennoch liege auf der Hand, dass Ernsts Aussagen einander widersprächen und ein Teil seiner Angaben „nicht erlebnisfundiert“ sein könne, also gelogen sein müssten. Herauszufinden, welche Tatversion stimme, sei aber die Aufgabe des Gerichts – dafür brauche es kein psychiatrisches Gutachten.

Ernsts Glaubwürdigkeit wird das Oberlandesgericht weiter beschäftigen. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.

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