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Stephan Ernst am Dienstag vor Gericht. Er soll nicht nur Walter Lübcke erschossen, sondern auch einen Flüchtling überfallen haben.

Lübcke-Prozess

Opfer sagt vor Oberlandesgericht Frankfurt aus

  • Oliver Teutsch
    vonOliver Teutsch
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Im Prozess gegen den Neonazi Stephan Ernst schildert ein Opfer die Folgen des Attentats: „Es hat mein Leben zerstört.“

Mehr als vier Jahre liegt es zurück, dass Ahmed I. nahe seiner Flüchtlingsunterkunft im nordhessischen Lohfelden niedergestochen wurde. Mehr als vier Wochen ist es her, dass in Frankfurt vor dem Oberlandesgericht der Prozess um die Ermordung des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und das Attentat auf Ahmed I. begonnen hat. Am Donnerstag endlich kam das Opfer im Zeugenstand zu Wort. Zu den persönlichen Auswirkungen des Attentats befragt, sagt der 27-Jährige unumwunden: „Es hat mein Leben zerstört.“

Der Iraker war Ende 2015 vor dem „Islamischen Staat“ (IS) aus seiner Heimatstadt Mossul geflohen und über die Türkei und Griechenland nach Lohfelden gelangt. Kurz darauf kommt es in der Silvesternacht auf der Kölner Domplatte zu massiven sexuellen Übergriffen, die überwiegend Menschen mit Migrationshintergrund angelastet werden. In der Flüchtlingsunterkunft sei ihnen daraufhin gesagt worden, sie sollten aufpassen, Neonazis würden jetzt verstärkt aktiv werden, lässt Ahmed I. seinen Dolmetscher aus dem Kurdischen übersetzen.

Wochenlang in Klinik

Am 6. Januar 2016, beschließt I. gegen 21 Uhr, an einer nahegelegenen Tankstelle noch Zigaretten zu kaufen. Es regnet, er hat einen Anorak an und die Kapuze auf, er hört Musik mit Kopfhörern. Über sein Smartphone verschickt er eine Sprachnachricht, als er von hinten einen Radfahrer bemerkt und instinktiv ein Stück zur Seite geht. Doch der Radfahrer attackiert ihn. „Zuerst wusste ich überhaupt nicht, dass ich mit einem Messer angegriffen wurde, ich dachte, ich sei mit einem Stock geschlagen worden“, erinnert sich der 27-Jährige. Doch dann bemerkt er das Blut an seinem Pulli. I. hat eine drei Zentimeter lange und 4,5 Zentimeter tiefe Stichwunde nahe der Wirbelsäule erlitten. Es gelingt ihm nicht, aufzustehen, ein Bein versagt den Dienst. In der Dunkelheit kriecht er schließlich auf die Straße, um auf seine Notsituation aufmerksam zu machen. Ahmed I. wird schließlich notoperiert, muss mehrere Wochen im Krankenhaus bleiben.

Doch die Folgen der feigen Messerattacke sind noch immer immens. Drei Halswirbel sind geschädigt, in einem Bein hat er kaum Gefühl, das andere ist schwach und schmerzt. I. ist noch immer bei einem Orthopäden, einem Neurologen und einem Psychologen in Behandlung. Er schluckt Antidepressiva und Schmerzmittel. Wegen der Schmerzen im Bein hat er Schlafstörungen. Doch das Attentat, das die Anklage wie auch den Mord an Lübcke Stephan Ernst zur Last legt, macht I. vor allem psychisch zu schaffen. „Ich habe mein Land verlassen, um Schutz zu suchen, aber hier ist mein Leben zerstört worden, das belastet mich“, sagt der 27-Jährige.

In gewisser Weise ist Ahmed I. auch am Donnerstag im Zeugenstand wieder ein Opfer. Die ausufernde Befragung der Prozessbeteiligten setzt dem jungen Mann zu, weil er darin wenig Sinn sieht. Vier Jahre und neun Monate nach der Messerattacke soll er beantworten, wie die Straße hieß, in der die Tat geschah, oder ob das Fahrrad des Angreifers irgendwelche Auffälligkeiten hatte. Auch sein Aufenthaltsstatus ist Gegenstand ausufernder Befragungen. Derzeit genießt Ahmed I. den subsidiären Schutz des Landes, in dem er Opfer eines mutmaßlich rassistischen Angriffs wurde.

I. tritt in dem Prozess gegen Stephan Ernst und Markus H. auch als Nebenkläger auf. Sein Anwalt Alexander Hoffmann ist nicht nur überzeugt davon, dass Ernst die Tat begannen hat, sondern auch, dass der Mord an Lübcke knapp dreieinhalb Jahre später hätte verhindert werden können. Ernst, der damals unweit der Flüchtlingsunterkunft wohnte, galt als tatverdächtig, eine Wohnungsdurchsuchung gab es aber nicht. Erst bei den Mordermittlungen fand sich in Ernsts Kellers ein Messer, das womöglich die Tatwaffe des 6. Januar 2016 war. Ähnlich wie Hoffmann sieht es auch Hermann Schaus von der Linken-Fraktion. Mit der Frage, ob der Mord an Lübcke hätte verhindert werden können, müsse sich auch der Untersuchungsausschuss im Landtag befassen. Ein Ausschuss, der Ahmed I. bei dessen Traumabewältigung nicht helfen kann.

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