Ein Blick in den Saal des Frankfurter Oberlandesgerichts, in dem der Prozess um den Mord an Walter Lübcke verhandelt wird.
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Ein Blick in den Saal des Frankfurter Oberlandesgerichts, in dem der Prozess um den Mord an Walter Lübcke verhandelt wird.

Mordfall Lübcke

Migranten und Juden abgelehnt

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Im Lübcke-Prozess wird ein Mann als Zeuge vernommen, der beide Angeklagten aus der rechten Szene kennt. Alexander S. sagt vor Gericht eher ungern aus.

Besonders gesprächig ist der Zeuge nicht. Seine Antworten sind einsilbig, seine Stimme ist monoton, Details nennt er oft erst auf Nachfrage. Kein Zweifel: Alexander S. sitzt an diesem Donnerstag eher ungern auf dem Zeugenstuhl im Frankfurter Oberlandesgericht. Alles andere wäre auch überraschend, denn der 30-jährige Softwareentwickler muss im Prozess zum Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke aussagen, weil er den Hauptangeklagten Stephan Ernst, vor allem aber dessen mutmaßlichen Helfer Markus H. gut kennt – aus seiner aktiven Zeit in der hessischen Neonaziszene.

Alexander S., ein schmaler Mann, erscheint vor Gericht in Jeans und hellgrauem Kapuzenpullover. Seine Aussage wird im Saal durchaus mit Spannung erwartet, immerhin hatte S. in den Jahren vor dem Mord an Walter Lübcke mehrfach gemeinsam mit Stephan Ernst und Markus H. AfD-Veranstaltungen besucht; mit beiden hatte er zudem über den verschlüsselten Messengerdienst „Threema“ geschrieben und die Chats nach dem Mord an Walter Lübcke gelöscht. In der Berichterstattung zu dem Mordfall war sogar spekuliert worden, ob S. etwas mit der Tat zu tun haben könnte.

S. selbst schildert seine Rolle anders. Zwischen 2008 und 2014 sei er „politisch aktiv in der rechten Szene“ gewesen, sagt er, könne aber mit deren Ideologie „nichts mehr anfangen“. Damals habe er an Aufmärschen der NPD und der Freien Kameradschaftsszene teilgenommen, dabei habe er auch Markus H. kennengelernt. Über die Jahre habe man sich immer wieder in Kassel getroffen, sich viele Nachrichten geschrieben und sei sogar einmal zusammen nach Holland gefahren. „Wir haben uns sehr gut verstanden“, sagt S., bei dem all das nach einer normalen Freundschaft klingt. Auf Nachfrage sagt er zwar, dass H. „politisch rechts“ und „geschichtlich interessiert“ gewesen sei und er selbst Migranten, Juden und „Zionismus“ ablehnend gegenübergestanden habe, an ideologische Debatten mit Markus H. will er sich aber nicht erinnern. Einmal habe man sich über eine Spiegel-TV-Reportage über „arabische Clans“ unterhalten, sagt S. auf intensives Nachhaken einer Richterin.

„Komisches Gefühl“

Stephan Ernst will er nur bei den AfD-Demonstrationen getroffen haben, die er mit beiden Angeklagten 2017 in Erfurt und 2018 in Chemnitz besucht hatte. Und einmal habe er Ernst gebeten, ihm ein Bauteil für sein Studium herzustellen, was dieser auch getan habe. Als Ernst als Verdächtiger im Mordfall Lübcke verhaftet wurde, sei das „erst mal ein Schock“ für ihn gewesen, sagt S. Auch Markus H., mit dem er am Tag nach der Tat noch gemeinsam einen Flohmarkt besucht habe, sei überrascht gewesen. Als H. verhaftet worden sei, habe er das „gar nicht verstanden“, erzählt S. Seinen Threema-Chat mit Ernst habe er nur gelöscht, weil es „ein komisches Gefühl“ gewesen sei, Nachrichten eines Mordverdächtigen auf dem Telefon zu haben.

Gegen Ende räumt S. dann noch interessante Details ein: Er habe jahrelang Neonazidemos gefilmt und das Material dann auf Youtube veröffentlicht, gibt er zu. Und vom AfD-„Trauermarsch“ im September 2018 in Chemnitz sei er nicht mit Ernst und H. zurückgefahren, sondern mit einem Bekannten. Schließlich gibt S. dann auch den Namen des Bekannten preis. Es handelt sich um einen Mann, der Anfang der 2010er-Jahre in Mittelhessen bekannt war – als militanter Neonazi.

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