Lübcke-Prozess: Markus H. im Gerichtssaal.
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Markus H. im Gerichtssaal.

Justiz

Markus H. will zur Tatzeit auf Motorradtour gewesen sein

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Im Lübcke-Mordprozess berichten Mithäftlinge des mutmaßlichen Mordhelfers Markus H. von dessen Aussagen im Knast. Der Neonazi soll demnach unter der Dusche betont haben, unschuldig zu sein.

Im Saal 165 C des Frankfurter Oberlandesgerichtes, in dem der Mordfall Walter Lübcke verhandelt wird, wurde schon alles mögliche thematisiert. Die exakte Position von Stühlen am Tatort, gelöschte Handychats, rechtsextreme Propaganda. Aber um Gespräche, die unter der Knastdusche geführt wurden, ging es bisher nicht. Das ändert sich am 15. Verhandlungstag: Als Zeugen sind an diesem Donnerstag zwei Männer geladen, die eine Zeit lang mit Markus H. in Frankfurt in Untersuchungshaft gesessen haben. Der 44-jährige Neonazi ist wegen Beihilfe zum Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten angeklagt, er soll dem Hauptangeklagten Stephan Ernst geholfen haben. Ernst behauptet sogar, sein Freund H. sei auch am Tatort gewesen.

Weil H. zu den Vorwürfen schweigt, muss das Gericht seine Rolle anders aufklären. Zum Beispiel mit Hilfe von Hassan E. Der 46-jährige gelernte Schweißer sitzt eine Haftstrafe wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung ab und wird in Handschellen in den Gerichtssaal geführt. E. hatte in der Untersuchungshaft einen Job als „Hausarbeiter“, hat Gefängnisflure geputzt und Essen ausgeteilt. Dabei habe er auch Markus H. kennengelernt, sagt E. Der sei ein ruhiger Typ gewesen. Im Fernsehraum oder unter der Dusche sei man aber miteinander ins Gespräch gekommen. Markus H. habe von seiner Tochter erzählt und von seinem Hobby, alte Waffen zu reparieren. Er habe auch berichtet, dass er an Demonstrationen „gegen die Ausländer“ teilgenommen habe.

Anwalt scheitert

Frank Hannig, Rechtsanwalt und früherer Verteidiger von Stephan Ernst, hat eine juristische Niederlage erlitten. Der Bundesgerichtshof verwarf am Donnerstag Hannigs Beschwerde gegen seine Abberufung als Ernsts Pflichtverteidiger im Lübcke-Prozess. Hannig sei nicht beschwerdebefugt, urteilte der BGH.

Ende Juli war Hannig abberufen worden. Stephan Ernst hatte argumentiert, das Vertrauen in seinen Verteidiger sei durch nicht abgesprochene Anträge „auf Dauer zerstört“. han

Als es darum ging, warum er in Haft sei, habe H. gesagt, dass er ein Kollege von Stephan Ernst sei, mit ihm im Schützenverein trainiert und ihm eine Waffe verkauft habe. Dass er es aber nie für möglich gehalten hätte, „dass der diese Waffe für einen Mordfall braucht“. Markus H. habe stets betont, „dass er mit dem Mord nichts zu tun hat“, sagt Hassan E. Als Walter Lübcke erschossen wurde, sei er auf einer Motorradtour gewesen und habe erst später von dem Mord erfahren. Als er gefragt wird, ob er H. das alles abgenommen habe, äußert sich E. sarkastisch über alle seine Mithäftlinge: „Ja gut, 90 Prozent sind unschuldig.“

Dass Stephan Ernst Lübcke erschossen habe, hat Markus H. auch Youssef E. erzählt. Der 36 Jahre alte Unternehmer sitzt wegen Drogendelikten im Gefängnis und hat Markus H. ebenfalls in der Untersuchungshaft kennengelernt. H. habe ihm erzählt, dass er im Ausland legale Waffen kaufe, sie zu scharfen Waffen umbaue und dann weiterverkaufe, sagt E., der aus den Niederlanden kommt und einen Dolmetscher mitgebracht hat. Zum Mord an Lübcke habe H. gesagt, dass er Ernst nur dabei geholfen habe, die Tatwaffe zu kaufen. Am Tattag sei er mit dem Motorrad unterwegs gewesen.

An viele Details kann oder will Youssef E. sich nicht erinnern. Der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel hilft ihm auf die Sprünge: Dem Gericht liegt E.s Aussage bei der Polizei vor und außerdem handschriftliche Notizen über Markus H., die er in der Haft angefertigt hatte. Er habe mal gehört, dass es Vorteile bringen könne, wenn man den Behörden wichtige Informationen liefere, sagt E. dazu.

Und liefert dann doch noch einige Details: So habe Markus H. Angst gehabt, dass auf dem Beifahrersitz eines Autos DNA-Spuren von ihm gefunden werden und dass Ernst ihn in den Mordfall hineinziehen könnte. Außerdem sei er besorgt gewesen, dass die Polizei seine Chats mit Ernst entschlüsseln könne.

Zum Ende des Prozesstages wird über den weiteren Zeitplan gesprochen. Dabei wird deutlich, dass das ursprüngliche Ziel, noch im Oktober ein Urteil zu sprechen, nicht zu erreichen sein wird. Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

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