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Stephan Ernst (r.) wurde gestern erneut befragt.
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Stephan Ernst (r.) wurde gestern erneut befragt.

Lübcke-Prozess

Einige Ungereimtheiten bleiben

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Im Lübcke-Prozess bemüht sich der Senat noch einmal um Antworte n vom Hauptangeklagten Stephan Ernst. Doch letzte Klarheit lässt sich auch diesmal nicht in seine Aussagen bringen.

Es ist eine Art letzter Versuch des Gerichts, als Thomas Sagebiel sich an diesem Donnerstag Stephan Ernst zuwendet. Der Vorsitzende Richter am Frankfurter Oberlandesgericht will dem 47-Jährigen, der im Juni vergangenen Jahres den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke erschossen haben soll, noch einmal die Chance geben, sich zu erklären. Man habe es in diesem Prozess mit sehr widersprüchlichen Angaben des Hauptangeklagten zu tun, erklärt Sagebiel. Und so probiert er noch einmal, die vielfältigen Ungereimtheiten aufzulösen.

Die unterschiedlichen Angaben, die Stephan Ernst zu seiner Tat gemacht hat, haben den Prozess zum Mordfall Lübcke von Anfang an geprägt. Direkt nach seiner Festnahme hatte er behauptet, alleine gehandelt zu haben. Dann widerrief er sein Geständnis und präsentierte eine neue Geschichte, der zufolge sein Freund Markus H., der in dem Prozess wegen Beihilfe angeklagt ist, Lübcke aus Versehen erschossen habe. Vor Gericht sagte Ernst dann aus, dass H. mit am Tatort auf Lübckes Terrasse gewesen sei, er selbst aber den Schuss abgegeben habe.

Seine ersten beiden Geständnisse schob Ernst auf seine damaligen Anwälte. Doch nicht nur zum Tatablauf, auch zu anderen Details hatte er sich so widersprüchlich eingelassen, dass der Eindruck entstand, er passe seine Aussagen je nach Lage an.

Richter Sagebiel versucht es zunächst mit Ernsts angeblichem Ausstieg aus der rechtsextremen Szene. Nachdem er sich 2009 in Dortmund an einem Angriff militanter Neonazis auf eine DGB-Kundgebung beteiligt hatte, will Ernst sich aus der Szene gelöst haben. Sagebiel konfrontiert ihn mit im Prozess bekanntgewordenen Fotos, die Ernst 2011 auf einer „Sonnenwendfeier“ beim bundesweit bekannten Neonazifunktionär Thorsten Heise zeigen. „Ich wollte eigentlich nichts mehr mit den Leuten machen“, erklärt Ernst. Zu Heise sei er nur mitgekommen, weil ihn sein alter Bekannter Mike S. gebeten habe, als Fahrer zu fungieren. Und diese Sonnenwendfeier habe er als normales „Grillfest“ verstanden. Man merkt dem Richter an, dass er Schwierigkeiten hat, bei dieser Logik mitzukommen.

Das ändert sich auch nicht, als Ernst erklärt, sein Ausstieg aus der Szene sei in der Psychotherapie, die er damals absolvierte, kein Thema gewesen. „Da ging es mehr darum, wie ich mit Aggressionen umgehe, wie ich mit Gewalt umgehe“, sagt Ernst. Aber gerade dann sei es doch zwingend, über einen Ausstieg aus der gewaltbereiten Neonaziszene zu sprechen, erwidert Sagebiel. Doch Ernst bleibt dabei: Der Ausstieg sei für die Therapie „nicht so relevant“ gewesen.

In der Folge wird Ernst noch zu mehreren Themenkomplexen befragt. Auf Nachfrage räumt er etwa ein, dass er Markus H., dem er seine erneute Hinwendung zu rechtsextremer Ideologie zuschreibt, nicht wie behauptet 2014, sondern wohl schon 2011 bei der Arbeit wiedergetroffen hatte. „Dann war’s so“, sagt Ernst schlicht, als ihm entsprechende Belege vorgehalten werden. Er habe sich in der Zeit wohl „ein bisschen verschätzt“.

An einem Punkt kann Ernst seine Glaubwürdigkeit dann aber doch noch untermauern: Auf einem Foto erkennt er das Haus von Christoph Lübcke, dem älteren Sohn von Walter Lübcke. Ernst hatte angegeben, im Frühjahr 2018 zusammen mit Markus H. in Lübckes Wohnort Wolfhagen-Istha gewesen zu sein und den Politiker dort mit einem Nachbarn gesehen zu haben.

Christoph Lübcke hatte zuletzt vor Gericht geschildert, dass er im März oder April 2018 vor seinem Haus mit seinem Vater geredet habe, als zwei Fremde vorbeigegangen seien, die sie angestarrt hätten. Nachdem Ernst das Haus wiedererkannt hat, scheinen die beiden Aussagen immer besser zueinander zu passen – ein Indiz dafür, dass Markus H. zumindest einmal mit Ernst in Istha war, um den späteren Tatort auszuspähen.

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