Der Hauptangeklagte Stephan Ernst (l), der des Mordes an dem Politiker Lübcke beschuldigt wird, betritt den Gerichtssaal.
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Der Hauptangeklagte Stephan Ernst (l), der des Mordes an dem Politiker Lübcke beschuldigt wird, betritt den Gerichtssaal.

Mordfall Lübcke

Angeklagter bricht zusammen

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Im Prozess um den Mord an Walter Lübcke wird der Hauptangeklagte Stephan Ernst zu seiner Biografie befragt. Als es um seine Familie geht, wird er emotional.

Stephan Ernst schweigt. Lange überlegt er, was er sagen soll, sitzt regungslos auf der Anklagebank. Irgendwann sagt er, er sei halt aufgebracht gewesen, wütend. Und er habe damals eine Grundüberzeugung gehabt: „Alle Ausländer sind schlecht, und die müssen halt weg.“ Christoph Koller, Richter am Frankfurter Oberlandesgericht, ist mit der Antwort spürbar unzufrieden. Immerhin hat er Ernst gefragt, was ihn Anfang der 1990er Jahre dazu getrieben habe, einen Rohrbombenanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft zu verüben. Das sei doch ein „großes Ding“ für einen jungen Mann Anfang 20, sagt Koller. Wieso solle er glauben, dass Ernst diesen Tatplan nur aus Wut, ganz allein, gefasst habe?

Am 27. Verhandlungstag im Strafprozess um den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke steht die Person des Hauptangeklagten im Mittelpunkt. Stephan Ernst, 47 Jahre alt, soll den CDU-Politiker im Juni vergangenen Jahres erschossen haben und wird an diesem Donnerstag stundenlang zu seiner Biografie befragt. Die Vernehmung ist mühsam wie zuvor andere Befragungen von Ernst. Der Angeklagte spricht monoton und stockend, seine Schilderungen bleiben blass, er nutzt ständig Floskeln wie „sag’ ich mal“. Wenn er über die brutalen Gewalttaten spricht, die sich wie ein roter Faden durch sein Leben ziehen, klingt es teils so, als sei er kaum dabei gewesen.

Schon in der Grundschule sei er ein Außenseiter gewesen, berichtet Ernst. Zu Hause habe er Ärger mit seinem alkoholkranken Vater gehabt, der SPD gewählt habe, aber „gegen Ausländer“ gewesen sei. In der Schule habe es Prügeleien mit einer Clique türkischstämmiger Jugendlicher gegeben, weswegen er von Migrant:innen „keine gute Meinung“ gehabt habe. Schon Anfang der 1990er Jahre, als Lehrling, habe er sich für die rechtsextremen „Republikaner“ interessiert und sei „über Ausländer sehr negativ eingestellt“ gewesen. Das habe nur an seinen schlechten Erfahrungen gelegen, beteuert Ernst. Das Wort „Rassismus“ kommt ihm nicht über die Lippen.

Schwere Gewalttaten ab 1992

Die schweren Gewalttaten ab 1992, für die er letztlich zu sechs Jahren Jugendhaft verurteilt wurde, führt er ebenfalls auf Persönliches zurück: Von dem Mann mit Migrationshintergrund, den er in einer Toilette am Wiesbadener Hauptbahnhof niedergestochen hatte, habe er sich sexuell bedrängt gefühlt. Den Rohrbomben-Anschlag in Hohenstein habe er verübt, weil er noch wegen der „Sache in Wiesbaden“ aufgebracht gewesen sei und so viele Flüchtlinge nach Deutschland gekommen seien. Auf Nachfrage berichtet Ernst von einer in die Brüche gegangenen Freundschaft zu einem Mann aus einer türkischen Familie, der ihn bei der Polizei verpfiffen und damit verletzt habe. Sein Einstieg in die militante Kasseler Neonaziszene Anfang der 2000er Jahre klingt bei Ernst wie ein Hineinschlittern. Er habe in Haft Rechte kennengelernt und sich „für mein Land einsetzen“ wollen. „So hab’ ich das empfunden.“

Gegen Ende der Vernehmung, als es um seine Frau geht, darum, dass sein Hass sich negativ auf seine Familie ausgewirkt habe, dass er in seinem Leben oft Freunde mit Migrationsgeschichte gehabt und seine Tochter mit ihm gebrochen habe, wird Ernst sehr emotional. Immer wieder kämpft er mit den Tränen, mehrfach bricht ihm die Stimme. Was ihm im Leben wirklich wichtig gewesen sei, sagt er, habe seiner politischen Einstellung eigentlich immer widersprochen.

Als Staatsanwalt Dieter Killmer ihn fragt, wie er in Zukunft mit seiner Schuld umzugehen gedenke, bricht Ernst zusammen. „Ich weiß nicht, wie ich das wiedergutmachen kann, was ich Herrn Lübcke angetan habe, was ich der Familie angetan habe“, presst er unter Tränen hervor. „Ich empfinde jedes Wort, das ich dazu sage, als heuchlerisch.“

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