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Der Hauptangeklagte Stephan Ernst (l), der des Mordes an dem Politiker Lübcke beschuldigt wird, betritt den Gerichtssaal.
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Der Hauptangeklagte Stephan Ernst (l), der des Mordes an dem Politiker Lübcke beschuldigt wird, betritt den Gerichtssaal.

Mordfall Walter Lübcke

Lübcke-Prozess dauert länger

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Der Prozess gegen Stephan Ernst und Markus H. wird nicht im Dezember zu Ende gehen. Die Familie des ermordeten Walter Lübcke und das Gericht haben noch Fragen.

Im Strafprozess zum Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke werden die Urteile gegen die beiden angeklagten Neonazis Stephan Ernst und Markus H. nicht wie geplant noch in diesem Jahr fallen. Das Verfahren werde „nicht im Dezember zu Ende gehen“, sondern sich mindestens bis in den Januar ziehen, sagte der Vorsitzende Richter Thomas Sagebiel am Donnerstag während der Verhandlung vor dem Oberlandesgericht Frankfurt.

Zur Begründung gab Sagebiel an, im Laufe des Tages hätten sich neue Widersprüche und zahlreiche zusätzliche Fragen an den Hauptangeklagten Stephan Ernst ergeben. Der Senat wolle den 47-Jährigen daher noch einmal „grundsätzlich“ zum Tatablauf in der Nacht auf den 2. Juni vergangenen Jahres befragen.

Zuvor hatte Stephan Ernst Fragen der Familie von Walter Lübcke beantwortet, die in dem Prozess als Nebenklägerin auftritt. Irmgard Braun-Lübcke, die Witwe des Opfers, hatte Ernst bei ihrer eigenen Zeugenaussage Mitte November beschworen, ihre offenen Fragen zum Tatablauf zu beantworten, damit die Familie das Geschehene verarbeiten könne. Zu Beginn verlas Ernst, immer wieder von Schniefen und Schluchzen unterbrochen, daher vorbereitete Antworten auf Fragen, die die 67-jährige Witwe erwähnt hatte. Dabei wiederholte er hauptsächlich Angaben, die er vor Gericht bereits gemacht hatte – etwa, dass der wegen Beihilfe angeklagte Markus H. mit am Tatort auf Lübckes Terrasse gewesen sei und es noch einen verbalen Streit gegeben habe, bevor er selbst, Ernst, Lübcke erschossen habe. Walter Lübcke habe sich nicht körperlich wehren oder fliehen können, weil er die ganze Zeit gesessen habe.

Mordfall Lübcke: Viele Fragen ungeklärt 

Im Anschluss stellte Holger Matt, der Anwalt der Familie Lübcke, weitere Fragen. Daraufhin wiederholte Ernst, dass er bereits in den Jahren vor der Tat mehrfach in Wolfhagen-Istha gewesen sei, dem Wohnort der Familie Lübcke, teils gemeinsam mit Markus H. Er bestätigte, dass er Walter Lübcke bei einem der Besuche mit einem Nachbarn habe sprechen sehen – woraufhin Rechtsanwalt Matt sagte, es habe sich womöglich um einen von Lübckes Söhnen gehandelt.

Ernst wiederholte auch, dass die zweite von ihm geschilderte Version des Tatablaufs eine Idee seines früheren Anwalts Frank Hannig gewesen sei. Ernst hatte nach seiner Verhaftung zunächst angegeben, den Mord allein verübt zu haben, später aber behauptet, Markus H. habe Lübcke erschossen. Wie es sich wirklich zugetragen habe, habe Hannig stets gewusst, sagte Ernst.

Bei einigen Details, etwa zu einem Treffen mit Markus H. wenige Wochen vor dem Mord, bei dem der genaue Tatplan beschlossen worden sein soll, äußerte Ernst sich dagegen anders als in früheren Angaben. Daraufhin kündigte Richter Sagebiel an, weitere Nachfragen zu haben.

Ermittlungsrichter sagt als Zeuge aus

Am Ende wandte sich Irmgard Braun-Lübcke noch einmal persönlich an Stephan Ernst. „Ist es wirklich wahr, dass mein Mann in der letzten Sekunde seines Lebens in das Gesicht von Herrn H. geschaut hat?“, wollte die Witwe wissen. Ernst antwortete mit einem klaren „Ja“.

Neben der Befragung von Ernst verlas ein Richter am Donnerstag Auszüge aus Unterlagen von Ernsts früherem Verteidiger Frank Hannig. Teile der Handakte des Rechtsanwalts waren zuvor auf Anregung der Familie Lübcke beschlagnahmt worden, die sich aus Hannigs Notizen weitere Hinweise auf den Tatablauf erhofft. Viel Neues ergab sich aus den Akten nicht, es wurde allerdings deutlich, dass Ernst seinem Anwalt Hannig offenbar ebenfalls unterschiedliche Versionen zum Verlauf der Tatnacht erzählt hatte. So verlas einer der Richter handschriftliche Notizen, in denen es heißt, dass der 47-Jährige womöglich „Scheiße labert“. An anderer Stelle heißt es: „Der verarscht uns.“

Am Nachmittag sagte noch ein Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs als Zeuge aus, der Ende Juni vergangenen Jahres entschieden hatte, dass Markus H. in Untersuchungshaft zu nehmen sei. Der Jurist berichtete von einem Detail, das ihn sehr verwundert und länger beschäftigt habe: Als er H. eröffnete, dass gegen ihn wegen Beihilfe zum Mord ermittelt werde, habe dieser gefragt: „Und was ist mit Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung?“ Er habe das damals als Hinweis darauf verstanden, dass es möglicherweise noch weitere Mittäter:innen und weitere Straftaten einer Gruppe geben könnte, so der Richter.

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