Lübcke-Mord

Giftgas-Dose als Stiftehalter: Justiz wusste länger über rechte Lebenswelt von Markus H. Bescheid

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
    schließen

Eine Giftgas-Dose als Stiftehalter, zahlreiche Waffen und in der Küche eine Drehbank: Die Justiz in Hessen wusste schon 2018, wie es beim mutmaßlichen Helfer im Lübcke-Mord, Markus H., aussah.

  • Markus H. steht vor Gericht wegen Beihilfe zum Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke
  • Lange vor der Tat hatte die hessische Justiz einen Einblick in dessen Lebenswelt
  • Ob die Erkenntnisse an die Staatsanwaltschaft weitergegeben wurden, ist fraglich

Frankfurt/Kassel - Die hessische Justiz besaß lange vor dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke einen tiefen Einblick in die Lebenswelt des Neonazis Markus H., der wegen mutmaßlicher Beihilfe zu der Bluttat in Frankfurt vor Gericht steht. So soll H. zu Hause eine Zyklon-B-Dose stehen gehabt und als Stifthalter verwendet haben.

Das geht aus einer Auskunft von Justizministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) hervor. Darin beantwortet die Ministerin Fragen des Linken-Abgeordneten Hermann Schaus. Sie geht aber auf die entscheidende Frage nicht ein – ob frühzeitige Hinweise auf eine Zugehörigkeit zur rechtsextremen Szene an die Staatsanwaltschaft weitergegeben wurden. Schaus wertet das als Hinweis darauf, dass die Weitergabe unterblieb.

Mord an Walter Lübcke: Komplize nutzte Giftgas-Dose als Stiftehalter

Markus H. hatte 2018 vor dem Amtsgericht Korbach einen Sorgerechtsstreit mit seiner früheren Lebensgefährtin geführt. In diesem Zusammenhang wurde ein Verfahrensbeistand vom Gericht bestellt, der die Situation in H.s Wohnung beschrieb. Aus diesem Dokument zitiert Kühne-Hörmann: „Als Stifthalter dient eine – laut Herrn H. (…) originale – Zyklon-B-Dose.“ Zyklon B ist der Name des Giftgases, das von den Nazis zum Massenmord im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau eingesetzt wurde.

Markus H. muss sich derzeit wegen Beihilfe im Mordfall Walter Lübcke vor dem Oberlandesgericht Frankfurt verantworten.

Der Verfahrensbeistand schrieb laut Kühne-Hörmann weiter, der Zyklon-B-Stifthalter habe ihn zutiefst schockiert, was er Markus H. auch habe wissen lassen. Dieser habe mit dem Satz „Tja, dumm gelaufen, dass Sie die jetzt gesehen haben“ reagiert.

Unklar ist, ob der Verfahrensbeistand die Behörden informierte. Er hatte angegeben, bei der Polizei nachgefragt und die Antwort erhalten zu haben, der Besitz der Zyklon-B-Dose sei nicht strafbar. Der Polizei lägen aber „keine Erkenntnisse“ vor, dass der Verfahrensbeistand tatsächlich den Kontakt zur Polizei hergestellt habe, schreibt die Justizministerin.

Waffen im Glasschrank und Drehbank in der Küche: Einblicke in die Wohnung von Markus H.

H.s frühere Lebensgefährtin hatte in dem Verfahren laut Ministerin angegeben: „Er hat zahlreiche legale und illegale Waffen in seiner Wohnung, füllt selber Munition bzw. stellt Munition her und hat sich chemische Produkte zur Herstellung von Sprengkörpern beschafft. In der Küche seiner Wohnung befindet sich eine Drehbank.“ H. spreche „ständig über einen bevorstehenden Krieg oder interne Konflikte, in denen man sich selbst verteidigen können müsse“. Markus H. hatte in dem Verfahren entgegnet, er habe nie Sprengstoff „besessen oder hergestellt“.

Der Verfahrensbeistand beschrieb die Situation in H.s Wohnung laut der Auskunft der Ministerin so: „Die Küche ist praktisch nicht benutzbar, dort steht eine Drehbank, die durch diverse Teile (möglicherweise Eigenbau??) ergänzt wurde. Im Flur steht ein verschlossener Waffenschrank, ein anderer hängt über der Tür. Diverse Waffen – laut Herrn H. (…) Luftgewehre bzw. funktionsuntüchtige Repliken – stehen in einem Glasschrank.“

Details zur rechtsextremen Gesinnung von Markus H. nicht an Staatsanwaltschaft gegeben?

Noch ein interessantes Detail fiel dem amtlichen Besucher ins Auge: „Über dem Tisch hängt eine DDR-Fahne, darunter ist eine große Sammlung von NVA-Soldatenfiguren aufgereiht.“

Der Linken-Abgeordnete Hermann Schaus sagte der FR, er finde es „suspekt“, dass die Hinweise der Ex-Lebensgefährtin von Markus H. über dessen rechtsextremistische Gesinnung anscheinend nicht an die Staatsanwaltschaft weitergegeben worden seien. Dieses Thema werde er im Lübcke-Untersuchungsausschuss des Landtags aufgreifen, kündigte Schaus an. (Pitt von Bebenburg)

Die Bluttat an Walter Lübcke ist nicht der einzige Mord mit rechtsextremem Motiv* in Deutschland: ein Überblick.

*op-online.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Rubriklistenbild: © Thomas Lohnes

Kommentare