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Ligavorsitzender Carsten Tag: „Den sozialen Frieden sichern“

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Von: Gregor Haschnik

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Einkommensschwache Gruppen müssen entlastet werden, fordert der Liga-Vorsitzende. Dazu zählen auch Menschen, die auf die Angebote der Tafel angewiesen sind.
Einkommensschwache Gruppen müssen entlastet werden, fordert der Liga-Vorsitzende. Dazu zählen auch Menschen, die auf die Angebote der Tafel angewiesen sind. © ROLF OESER

Carsten Tag, Vorstandsvorsitzender der Liga, spricht im Interview über Armut, Krisen und die Kampagne „Zusammen Hessen Stärken“.

Seit einem halben Jahr steht Carsten Tag, Chef der Diakonie Hessen, auch an der Spitze der hessischen Liga der Freien Wohlfahrtspflege. In dieser Zeit hat sich die wirtschaftliche Situation für viele Menschen aufgrund der Folgen des Kriegs in der Ukraine verschärft. Dass die Lage so ernst ist wie lange nicht mehr, ist deutlich aus Tags Worten herauszuhören, aber auch die Überzeugung, dass Solidarität der Krise spürbar entgegenwirken kann.

Herr Tag, die Liga der Freien Wohlfahrtspflege versteht sich als sozialpolitisches Bündnis. Wie sehen Sie die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung?

Wir leben leider in einer Zeit der multiplen Krisen, unter anderem mit der Corona-Pandemie und dem Ukrainekrieg. Die Herausforderungen für die Bevölkerungsgruppen, die ohnehin schon benachteiligt sind, haben bereits während der Pandemie weiter zugenommen – Stichwort Kurzarbeit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ungleiche Bildungschancen. Die Belastungen treffen jeden Einzelnen und jede Einzelne, machen sich aber auch im Hinblick auf die Gesellschaft insgesamt und den Zusammenhalt bemerkbar.

Inwiefern?

Zum einen haben die Krisen kurzfristige Folgen: Der Ukrainekrieg trifft uns zum Beispiel bei den Energiepreisen. Hier plädieren wir dafür, vor allem für die einkommensschwachen Gruppen zu sorgen, die Rechnungen nicht mehr begleichen können, weil diese um ein Vielfaches höher ausfallen als kalkuliert. Das kann auch Teile der Mittelschicht betreffen, weil die Kostensteigerungen so massiv sind.

Und welche langfristigen Konsequenzen haben die Krisen?

Wir wissen zum Beispiel, dass psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen während der Pandemie deutlich zugenommen haben. Außerdem ist die Gefahr, dass unsere Gesellschaft auseinanderdriftet, sehr groß. Die aktuellen Umstände können dazu führen, dass viele Menschen, die sich abgehängt fühlen, sich weniger demokratischen, radikalen Kräften zuwenden. Wir wissen aus Studien, dass der sozioökonomische Status Einfluss auf das Vertrauen in die Politik hat. Menschen wenden sich ab, wenn sie sich vergessen fühlen. Je größer die Unsicherheit, desto größer ist die Anfälligkeit für Populismus, wie wir leider auch in anderen europäischen Ländern sehen. Wir dürfen niemanden alleinlassen und müssen den sozialen Frieden sichern.

Was wollen Sie dafür tun?

Wir werden im Herbst eine Kampagne mit dem Slogan „Zusammen Hessen Stärken“ starten. Das haben wir in Abstimmung mit den Arbeitskreisen gemeinsam im Vorstand entschieden. Die Initiative richtet sich – etwa ein Jahr vor der Landtagswahl – besonders an die politischen Entscheidungsträger:innen in Hessen. Wir wollen auf die Bedarfe und dringend notwendige Maßnahmen aufmerksam machen, die die verantwortlichen Politiker:innen auf Landesebene und in den Kommunen umsetzen können.

Was planen Sie noch?

Wir werden auf unsere soziale Infrastruktur aufmerksam machen und dazu auch unsere Orts- und Kreisligen einbinden, beispielsweise mit einer Social-Media-Kampagne und Aktionen vor Ort zu bestimmten Themen. Dabei wollen wir auch Begegnungen mit den Betroffenen schaffen. Unsere 26 Orts- und Kreisligen werden in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielen. Wir sind in jeder Kommune mit Einrichtungen vertreten, zum Beispiel mit Beratungsstellen. Wir bekommen unmittelbar mit, wie sich die Stimmung im Land entwickelt, wie ein Seismograf, und wir haben von daher ein gutes Gespür für bestehende Bedarfe.

Was möchten Sie durchsetzen?

Zur Person

Carsten Tag , Jahrgang 1964, ist evangelischer Pfarrer und seit 2020 Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen. Zuvor leitete er unter anderem die Fachstelle für Suchtprävention des Main-Taunus-Kreises und war zwölf Jahre lang Dekan im Evangelischen Dekanat Rodgau. Vor sechs Monaten hat er turnusmäßig den Vorsitz der Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Hessen übernommen. Er folgte auf Yasmin Alinaghi, die Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Hessen.

Zu den wichtigen aktuellen Projekten zählt die Kampagne „Zusammen Hessen Stärken “, bei der laut Tag Liga-Geschäftsführerin Petra Goertz und ihr Team auch eine ganz wesentliche Rolle übernehmen. Zudem steht etwa eine umfangreiche Studie über die Sozialrendite bevor, also den gesellschaftlichen Mehrwert gemeinnütziger Arbeit. Denn, so Tag, die „guten Taten“ ließen sich in ihrer Wirksamkeit auch mit ganz nüchternen Zahlen und Fakten belegen.

Der Zusammenschluss der Wohlfahrtsverbände, dem unter anderem Diakonie, Paritätische und Caritas angehören, versteht sich als sozialpolitisches Bündnis. Die Liga ist Interessenvertretung der Verbände und Ansprechpartnerin für Politik und Behörden im Bereich Soziales. Die Freie Wohlfahrtspflege in Hessen umfasst etwa 7300 Einrichtungen mit 113 000 Beschäftigten. Laut den Verbänden unterstützen darüber hinaus 160 000 Ehrenamtliche die soziale Arbeit in Hessen. gha

Entscheidend ist, einerseits die sozialen Rahmenbedingungen zu verbessern und andererseits auch zugleich diejenigen in den Blick zu nehmen, die unmittelbar auf Hilfe angewiesen sind. Davon wird letzten Endes die gesamte Gesellschaft profitieren. Es kommt darauf an, kurzfristig für Entlastung zu sorgen und mittelfristig die soziale Infrastruktur zu stärken, Bildungsangebote zu verbessern, etwa die Schulsozialarbeit, sowie niedrigschwellige Beratungs- und Unterstützungsangebote auszubauen.

Worauf noch?

Wir sollten den Blick auch darauf richten, wie gerecht Reichtum und Armut in unserem Land verteilt sind. Nur ein Prozent der Bevölkerung in Deutschland verfügt über insgesamt 48 Prozent des Nettovermögens, die ärmere Hälfte der Bevölkerung, also 50 Prozent, nur über 1,4 Prozent. Wenn Bundesländer wie Hessen nur einen Armutsbericht und keinen Reichtumsbericht präsentieren, ist das durchaus eine politische Entscheidung mit entsprechender Signalwirkung. Es gibt derzeit dazu auch einen Solidaritätsappell unter anderem der Diakonie Deutschland mit dem Motto: Starke Schultern können und sollten auch starke Lasten tragen.

Plädieren Sie für eine umfassende Umverteilung?

Es geht darum, aus Gründen der Gerechtigkeit und Fairness auf die Situation im gesamten Land zu schauen, zum Beispiel auch auf Mineralölkonzerne, deren Gewinne in diesen Tagen exorbitant sprudeln. Es funktioniert nur mit vereinten Anstrengungen, die letzten Endes allen dienen. Nur so können wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt wahren.

Viele Leute geraten wegen der hohen Inflationsrate in Not. Welche konkreten Maßnahmen dagegen halten Sie für richtig?

Etwa 17,4 Prozent der Bevölkerung sind in Hessen von Armut betroffen, womit unser Bundesland im Ländervergleich überdurchschnittlich schlecht abschneidet. Wir merken zum Beispiel an der drastisch gestiegenen Nachfrage in den Tafeln oder auch unseren Schuldnerberatungen, dass sich die Lage weiter zuspitzt. Gerade im kommenden Winter werden wir eine Durststrecke haben. Eine Möglichkeit wäre, einkommensschwachen Haushalten sechs Monate lang zusätzlich 100 Euro zur Verfügung zu stellen. So würde das Geld diejenigen erreichen, die wirklich bedürftig sind, unter anderem auch Familien mit Kindern. Das ist ein großes Anliegen von uns als Liga.

Was noch?

Weiterhin fordern wir einen Notfallfonds für Menschen, die ihre Energiekosten nicht bezahlen können, und ein Aussetzen von Stromsperren. 2018 waren in Hessen mehr als 22 000 Menschen davon betroffen. Schon bald könnten es deutlich mehr sein. Wichtig sind zielgerichtete Hilfen, kein – ökologisch ohnehin fragwürdiger – Tankstellenrabatt, der nach dem Gießkannenprinzip funktioniert.

In kaum einem anderen Land sind etwa Bildungschancen so ungleich verteilt, und zwar seit vielen Jahren.

Dass die Ungleichheit in der Bildung in Deutschland nach wie vor so groß ist, macht mich tatsächlich sehr ärgerlich. Wir müssen deutlich mehr tun, um dies zu ändern, um allen Kindern eine gerechte Chance zu geben – und, wem das nicht reicht, auch um unseren eigenen Wohlstand zu sichern. Schon jetzt mangelt es überall an qualifizierten Fachkräften. Wir werden nur dann genügend von ihnen haben, wenn wir allen gerechte Bildungschancen ermöglichen.

Der Weg zu mehr Gerechtigkeit ist sehr lang. Was treibt Sie an?

Was mich grundsätzlich motiviert und mir in meiner Arbeit trotz der „dicken Bretter“ Kraft gibt, ist jede einzelne positive Veränderung: Ich freue mich beispielsweise über jeden jungen Erwachsenen, der mit Hilfe einer entsprechenden Fördermaßnahme seinen Schulabschluss nachmachen kann, über jedes Kind, das zum Beispiel ein Tablet für den digitalen Unterricht bekommt und dann in Zeiten der Quarantäne dennoch dem Unterricht folgen kann.

Interview: Gregor Haschnik

Carsten Tag ist Vorstandsvorsitzender der Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Hessen.
Carsten Tag ist Vorstandsvorsitzender der Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Hessen. © Gaby Gerster

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