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Lore Schwarz (links) mit David Hess, Enkel von Regina Hess, Museumsdirektorin Sara J. Bloomfield und der Schatulle.

Geschichte

Letztes Lebenszeichen

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Lore Schwarz übergibt die Postkarte einer Sprendlinger Jüdin aus dem Frühjahr 1944 an das United States Holocaust Memorial Museum in Washington.

„Meine Lieben, hoffentlich seid ihr alle gesund, was ich auch von mir sagen kann. Ich würde mich sehr freuen, einige Zeilen von euch zu bekommen, das Päckchen hat mir viel Freude gemacht und schmeckte mir, hauptsächlich der Kuchen sehr gut. Was machen eure Kinder, sind sie weiter recht fleißig in der Schule? Mit Sehnsucht erwarte ich eure Nachrichten. Ihr könnt euch denken wie sehr man sich über jede Aufmerksamkeit freut ...“

Es ist das letzte Lebenszeichen der Jüdin Regina Hess, das Georg Anthes, ein Freund der Sprendlinger Familie Hess, im Mai 1944 erhält. Wenige Tage, nachdem er die Postkarte bekam, starb Regina Hess im KZ Auschwitz. Ihr Mann Daniel Hess, auch das steht auf der Karte, kam im November 1942 in Theresienstadt ums Leben.

Viele Jahre hatte Georg Anthes die Postkarte im Geheimfach einer Holzschatulle versteckt, die er extra hatte anfertigen lassen. Nun sind die historische Karte und die Schatulle Teil des Archivs im United States Holocaust Memorial Museum in Washington. Georg Anthes‘ Enkelin Lore Schwarz hat dem Museum beides Ende April persönlich überbracht. Bei der Übergabe war auch Regina Hess‘ Enkel dabei, der mit seiner Familie in Arizona lebt.

Lore Schwarz ist Mitglied des Heimatvereins Freunde Sprendlingens und war damals ein kleines Mädchen. Sie kannte die jüdische Familie Hess, die in der Hauptstraße in Sprendlingen wohnte. Sie mochte Regina „Recha“ Hess sehr, die mit Kurzwaren handelte und oft zu Besuch gewesen sei. Und gern wäre ihr Großvater der Bitte Reginas, sich doch zu melden, nachgekommen, erzählt Schwarz. Doch der Sozialdemokrat, der mit mehreren jüdischen Sprendlinger Familien befreundet war und von den Nationalsozialisten selbst denunziert und eingeschüchtert wurde, vermutete, dass die Karte eine Falle ist. „Kontakt zu Juden zu haben, war verboten“, erzählt Lore Schwarz. Und er habe gewusst: Wo immer Regina Hess ist, es geht ihr dort wahrscheinlich nicht so gut, wie die Postkarte suggeriert. 

Die Vermutung liege auch nahe, weil die Handschrift des Textes und die Unterschrift nicht von selber Hand stamme, erzählt Lore Schwarz. Und die Karte wurde laut Poststempel nicht in Theresienstadt oder Ausschwitz, sondern in Berlin aufgegeben – einen Monat, nachdem sie geschrieben worden sein soll. Schwarz vermutet, Regina Hess könnte zur Unterschrift gezwungen worden sein. Zudem hatte die Familie Anthes nie Kuchen geschickt. Sie wusste ja gar nicht, wo sich Regina Hess aufhielt. Wenn sie zurückkommt, habe ihr Großvater damals gesagt, will er sie fragen, erzählt Schwarz. Doch Regina Hess kam nie mehr zurück.

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