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Die Breite Gasse Anfang der 70er Jahre. Foto: Institut für Stadtgeschichte
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Die Breite Gasse Anfang der 70er Jahre.

Kultur

Lesefest „Frankfurt liest ein Buch“ blickt zurück in die 1970er Jahre

  • Oliver Teutsch
    VonOliver Teutsch
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Der Roman „Scheintod“ von Eva Demski spielt in Frankurt im April 1974. Doch welche Schauplätze sind real? Eine Spurensuche mit dem Stadtführer Christian Setzepfandt.

Zwölf Tage im April 1974. In diesem Zeitraum, beginnend mit dem Ostersonntag, spielt der Roman „Scheintod“. Die Protagonistin, ausnahmslos „Frau“ genannt, versucht den plötzlichen Tod ihres Ehemannes („Mann“) zu verarbeiten und zu ergründen. Dabei streift die Frau durch das Frankfurt der 70er Jahre mit seinen Szenebars, Kaschemmen, Wohnvierteln.

Der Roman wirft viele Fragen auf, die kaum zu beantworten sind, weil die Autorin das nicht will. Sie hat Realität und Fiktion sorgsam miteinander verwoben. Doch welche Lokalitäten sind real, welche fiktiv? Welche Personen leben tatsächlich, welche hat Eva Demski ersonnen? Und inwieweit ist der Roman autobiografisch? Wolfgang Schopf, Leiter des Literaturarchivs der Goethe-Universität, hat das Nachwort zur Sonderauflage des Romans verfasst und rät: „Verzichten Sie auf die Mühe, den Roman als Entschlüsselungsroman zu lesen.“ Doch wenn Frankfurt ein Buch liest, dann reizt natürlich die Suche nach den realen Schauplätzen der Stadt, die in dem Roman zu finden sind.

Daran hat sich auch der Stadthistoriker Christian Setzepfandt versucht. „Da gibt es immer meine Frankfurt-Neugier“, gesteht Setzepfandt, der im Rahmen des Lesefestivals auch einen Streifzug durch Bahnhofsviertel und Westend anbietet. Er kennt Demski seit Ende der 70er Jahre und hat manche Nachfrage zu realen Bezügen beantwortet bekommen. Einfach ist es noch bei Wohnung und Kanzlei des verstorbenen Rechtsanwalts, die sich in der Elbestraße 11 befanden. „Noch vor einem Jahr waren die Löcher des damaligen Kanzleischilds in der Hauswand zu sehen, aber ich habe sie leider nicht fotografiert“, ärgert sich Setzepfandt ein bisschen. Ebenfalls unbestritten ist der Club Voltaire Vorbild für die „linke Kellerkneipe“ in die es am achten Tag geht.

Doch dann wird es schon schwieriger. Die Kneipe „Berlinstube“ an Tag eins? „Gibt es nicht, ich habe Eva gefragt“, verrät Setzepfandt. Bei der berüchtigten Gerichtskneipe am zweiten Tag soll es sich um „Die Letzte Instanz“ handeln, die es aber auch schon lange nicht mehr gibt. Sicher ist sich Setzepfandt auch, dass es sich bei der Schwulen-Bar „Zur Kaub“ am fünften Tag in der Realität um das „Binger Loch“ in der Klapperfeldstraße handelt. Es war die erste Frankfurter Kneipe des Travestiekünstlers Ted Klein, der später mit dem legendären „Elch“ in der Mainzer Landstraße, Ecke Zimmerweg reüssierte. Unklar bleibt hingegen, welche Lokalität mit dem „Zoocafé“ am sechsten Tag gemeint sein könnte.

Das Lesefest

Die zwölfte Auflage von „Frankfurt liest ein Buch“ beginnt am Sonntag um 18 Uhr mit der Eröffnungsveranstaltung im Sendesaal des Hessischen Rundfunks und endet am 18. Juli, 12 Uhr mit der Abschlussveranstaltung in der Evangelischen Akademie.

Von den 77 Veranstaltungen sind bei gutem Wetter auch einige draußen geplant. Darunter natürlich die Stadtspaziergänge und die Veranstaltungen in der Fabrik (6. Juli), im Botanischen Garten (9. Juli) und im Haus am Dom mit Petra Roth (14. Juli). Die letztgenannte Veranstaltung ist allerdings bereits ausverkauft und nur noch im Live-Stream zu sehen.

Autorin Eva Demski hat ihr Kommen zu 15 Veranstaltungen zugesagt, für die meisten davon gab es am Freitag auch noch Tickets, darunter etwa für das Lesefest des Mädchenbüro Milena am 9. Juli, 19 Uhr, im Botanischen Garten. ote

Weiter Informationen unter:
www.frankfurt-liest-ein-Buch.de

Selbst bei den beschriebenen, aber nicht genau bezeichneten Straßen bleibt einiges im Dunkeln. Bei der an Tag zwei beschriebenen „Puffgasse, die allerbilligste Bordellgasse der ganzen Stadt“ handelt es sich Setzepfandt zufolge um die Breite Gasse, die in den 70er Jahren noch eine Adresse mit teils berüchtigten Etablissements wie etwa „Die Sonne Mexikos“ war. Doch die an Tag sieben erwähnte „verborgene Gasse“, in der Rechtsanwalt Hardenberg wohnt, bleibt rätselhaft. Es könnte der Holzgraben an der Zeil sein.

Selbst wenn die Autorin wollte, könnte sie heute wohl auch nicht mehr in allen Fällen Auskunft geben. Denn Demski hat den Roman 1984, zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes geschrieben. Auch das ist schon wieder 37 Jahre her, so dass nicht mehr jede Erinnerung an die Vorlagen präsent sein dürfte. Schließlich war es Demski ja nicht um einen Kneipenführer, sondern um Trauerbewältigung gegangen.

Sicher ist wieder, dass Demski bei der „Wohnung der Frau, in einem besseren Viertel“ ihr eigenes Domizil im Dichterviertel beschreibt, in dem sie schon seit Jahrzehnten lebt. „Ich bin im Grunde sesshaft wie ein Champignon“, hat Demski mal in einem Interview gesagt. Und zu ihren Beweggründen, warum die gebürtige Regensburgerin dem weniger schönen Frankfurt in all den Jahren treu geblieben ist, hat sie in einem anderen Interview 2015 gesagt: „Etwas Mächtiges hat mich gehalten.“ Es könnte die Erinnerung an ihren viel zu früh verstorbenen Mann Reiner Demski sein. Denn „Scheintod“ ist nicht zuletzt eine nachträgliche Liebeserklärung an den 30-Jährigen und verdeutlicht, warum die Autorin dieses Erinnerungswerk nicht zerpflücken will.

Das Bahnhofsviertel. Stadtspaziergang mit Christian Setzepfandt, Freitag 9. Juli, 16 Uhr., 16 Euro. Anmeldung unter www.frankfurter-stadtevents.de

Frankfurt, Bahnhofsviertel, Elbestraße 11 im Jahr 1983.
Der Club Voltaire irgendwann im vergangenen Jahrhundert.

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