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Vor und nach dem Film wird diskutiert.

Wiesbaden

Lernen im Kino

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Junge Flüchtlinge schauen im Zuge eines Modellprojekts in Wiesbaden Filme, um ihre neue Heimat zu verstehen.

Zekria lacht. „Wir sind jung, wir sind frei“, sagt er und murmelt ein „und wir sind high“ hinterher. Zekria ist der Spaßvogel der Runde junger Flüchtlinge, die im Murnau-Filmtheater in Wiesbaden über den eben gezeigten Streifen diskutieren. Billy Elliot – ein Film über einen Jungen, der Anfang der 80er Jahre in England nur eines will: tanzen. Sein Vater will ihn zunächst davon abbringen, unterstützt ihn dann aber doch. Happy End.

Zekria stammt aus Afghanistan. Er geht auf eine Wiesbadener Berufsschule, besucht eine der sogenannten InteA-Klassen. „InteA“ steht für Integration durch Abschluss. Einmal im Monat hat der junge Afghane die Möglichkeit, einen Film im Murnau-Filmtheater zu sehen. Seit September läuft das Modellprojekt „Lernort Kino“, das die Wiesbadenerinnen Rita Thies und Birgit Goehlnich gestartet haben. Ein einzigartiges Projekt, das bundesweit großes Interesse hervorgerufen hat.

Goehlnich ist ständige Vertreterin der obersten Landesjugendbehörden bei der freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) der Filmwirtschaft. Thies ist Lehrerin, arbeitet im Kulturmanagement und war Kultur- und Schuldezernentin. Beide kennen sich aus der Flüchtlingsarbeit. „Im Gespräch entstand dann die Idee für das Filmprojekt“, sagt Goehlnich. „Über Filme lässt sich am besten das Verständnis für Demokratie vermitteln und über Geschlechterrollen diskutieren.“ Und sie hätten eine identitätsstiftende Wirkung auf Heranwachsende, fügt Thies hinzu.

Projektträger ist der Verein „MIK – Netzwerkarbeit im Berufschulzentrum Wiesbaden“ in Kooperation mit der FSK, der Murnau-Stiftung und der Hochschule Rhein-Main. Gefördert wird es von der Landeshauptstadt Wiesbaden, zudem gab es einen Obolus vom Land Hessen. Die Streifen, die gezeigt werden, wählen Birgit Goehlnich und Rita Thies selbst mit großem Bedacht aus. Sie arbeiten ehrenamtlich und lernen dabei einiges über die jungen Neuankömmlinge – zu freizügige Szenen kommen zum Beispiel bei den jungen Flüchtlingen nicht gut an, wie in der anschließenden Diskussion deutlich wird. Und zu grausam sollten sie ebenfalls nicht sein.

Diskutiert wird überhaupt viel. Nach jedem Film reflektieren die Jugendlichen, was sie gesehen haben. Sammeln Themen, tauschen sich aus, erzählen von eigenen Erfahrungen. In der großen Runde, in der Zekria sitzt, wird deutlich, was sich die Neuankömmlinge wünschen: Freiheit, Akzeptanz, Unterstützung. „Man sollte alles machen können, was man will, egal, ob man reich oder arm ist“, sagt Omran. „Wir sind alle Menschen und haben die gleichen Rechte“, fügt sein Sitznachbar Srosh hinzu.

In kleinerer Runde gehen die Jungen und Mädchen noch weiter aus sich heraus. Sie erzählten von Beleidigungen und Beschimpfungen, erzählt Thies. Von Begebenheiten, an die der gesehene Film erinnere. „Vor allem am nächsten Tag wird in der Klasse viel über das Gesehene diskutiert“, sagt Goehlnich.

Bis zu den Sommerferien läuft das Projekt der beiden Wiesbadenerinnen weiter. Dann werden die Gespräche und Erfahrungen ausgewertet. Ob es fortgeführt wird, wissen die beiden noch nicht. „Wenn wir die Kraft dazu haben, sicher. Aber Unterstützung wäre schön“, sagt Goehlnich.

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