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Nur scheinbar ein Idyll. Die Odenwaldschule in Ober-Hambach war für viele die Hölle.

Interview

Lehren aus dem Fall Odenwaldschule: „Endlich zuhören“

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Wissenschaftlerin erläutert, warum die Vorfälle an der Odenwaldschule sich wiederholen können.

Frau Professor Andresen, unter welchen Bedingungen kann in Institutionen der Missbrauch von Schutzbefohlenen über einen langen Zeitraum gedeihen?
Schon in den 1950er Jahren gab es dazu in der Soziologie einen Begriff. Ein solcher langanhaltender Missbrauch mit vielen Betroffenen ist möglich, wenn beispielsweise die Schule eine gierige Institution ist. Also wenn etwa Schülerinnen und Schüler nicht gehört werden, wenn sie keine Wahl haben und keine Möglichkeit auszusteigen. Ein weiterer wesentlicher Punkt ist, dass es einem Leiter oder einer Gruppe gelingt, Abhängigkeitsverhältnisse herzustellen, und damit jene, die vielleicht etwas ändern wollen, sofort mundtot gemacht werden können. Das ist etwas, was wir sicher aus der Geschichte der Odenwaldschule und ihres Leiters Gerold Becker lernen sollten. Gerade in der Pädagogik hat es sich gezeigt, dass Kritik nicht mehr geübt wird, wenn einzelne Figuren heroisiert und nahezu unangreifbar werden.

Wie belastet ist die Reformpädagogik insgesamt durch den tiefen Fall der Odenwaldschule, die ja lange Zeit als deren Vorzeigeinternat galt?
Ganz wichtig ist sich klarzumachen, dass es die eine einzige Reformpädagogik nicht gibt. Die Odenwaldschule kam von Anfang an mit der Attitüde daher, unangreifbar die einzig richtige Pädagogik zu vertreten. So hat schon ihr Gründer Paul Geheeb in einer unsympathischen Arroganz etwa Mütter abgewertet. Das muss einen heute skeptisch machen. Es gibt aber reformpädagogische Konzepte, die sehr gut sind. Wir sollten da in der Beurteilung nicht zu undifferenziert sein und dürfen reformpädagogische Ansätze nicht per se unter Verdacht stellen. Außerdem muss man auch sehen, dass die Reformpädagogik etwa als guter Unterricht nach allem, was wir heute wissen, in der Odenwaldschule unter Gerold Becker kaum eine Rolle gespielt hat.

Ist man heute gefeit davor, dass sich so etwas wie in der Odenwaldschule, der massive und jahrzehntelange sexuelle Missbrauch, wiederholen könnte?
Wir haben jetzt gerade den Fall des Kindesmissbrauchs auf dem Campingplatz in Lüdge. Auch da stellt sich die Frage, wie das nur so lange geschehen konnte. Deshalb würde ich nicht sagen, das kann uns nicht mehr passieren. Ich hoffe natürlich, dass die gesellschaftliche Aufmerksamkeit und die Sensibilisierung für das Thema dazu führen, dass andere Strukturen geschaffen werden und man Kindern und Jugendlichen endlich zuhört. Aber es braucht weiterhin eine enorme Intensivierung der Qualifizierung von Fachkräften nicht nur im pädagogischen und sozialen Bereich, sondern auch für Richterinnen und Richter oder etwa in der Medizin. Da sehe ich noch viel Luft nach oben, um tatsächlich wirkungsvoll sexuellen Kindesmissbrauch zu verhindern.

Sabine Andresen - Zur Person

Sabine Andresen (53) ist Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Deren Mitglieder untersuchen sämtliche Formen sexuellen Kindesmissbrauchs in der Bundesrepublik Deutschland und der ehemaligen DDR. Sie ist Professorin für Sozialpädagogik und Familienforschung an der Johann-Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt.

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