Lebenswerk Affenstein

Wie sich Hoffmann die Irrenanstalt erbettelte

Von FELIX HELBIG

Mindestens zwei der Zipfel, die zeitlebens an Heinrich Hoffmann zerrten, führten den Mann hinauf auf den Affenstein. Zu Beginn des Jahres 1856 erkundete Hoffmann mit einigen Mitarbeitern des Pflegeamtes die Frankfurter Gemarkung auf der Suche nach geeignetem Baugrund, "da kamen wir auch über den Affensteiner Weg nach der Eschersheimer Chaussee… Wir stiegen aus und waren entzückt von der schönen und gesunden Lage. Ich rief aus: Hic manebimus optime!" Hier werden wir am besten bleiben. "Und so geschah es."

Hoffmann hatte Grund und Boden zum Bau seiner Irrenanstalt gefunden, an jener Stelle in den Hügeln über der Stadt, an der heute die Goethe-Universität ihre Studenten lehrt. Am Ziel aber war er damit noch lange nicht.

Schon mit der Kampagne für sein Projekt hatte Hoffmann sich Jahre zuvor auf heikles Terrain begegeben, das ihm allerlei Geschick abverlangte. Zunächst galt es, seinen Arbeitgeber, das Pflegeamt, von der Notwendigkeit eines Neubaus zu überzeugen, dann musste dem Senat zumindest ein Eingeständnis über die untragbaren Zustände in der bestehenden Anstalt abgerungen werden. Zwar gelang beides, doch musste Hoffmann gleichzeitig hinnehmen, dass er für seinen Neubau nicht mit Beihilfe aus dem Stadtsäckel rechnen konnte. Also galt es, der Frankfurter Bevölkerung die nötigen Geldmittel abzutrotzen.

Hoffmann zog alle Register, veröffentlichte Artikelserien, versammelte vermögende Bürger und griff letztlich zu einem Trick: Weil er durch eine Indiskretion von seinem Freund Georg Christoph Binding, dem Testamentsvollstrecker von Ludwig Freiherr von Wiesenhütten, erfahren hatte, dass dieser die Irrenanstalt in seinem Testament mit 100 000 Gulden bedacht hatte, nahm er Verhandlungen mit dem alten Freiherrn auf.

Dabei gelang ihm ein genialer Schachzug: Indem er dem Stifter Bedingungen ins Testament diktierte, wurde der Senat zur Beihilfe verpflichtet, die Anstalt den Bewohnern umliegender Dörfer und allen Konfessionen geöffnet und - vor allem - mit dem Bau binnen Jahresfrist begonnen. Andernfalls, so die Bedingungen im Testament, sollte das Geld Wiesenhüttens verfallen. Die Rechnung ging auf: Mit den Spenden reicher Bürger, einem Darlehen der Schwesteranstalt vom Heiligen Geist und dem Testament des Freiherrn hatte er die veranschlagte Bausumme von 368 000 Gulden beisammen.

Moderner Bau

Gemeinsam mit dem Architekten Oskar Pichler, den Hoffmann selbst ins Boot geholt hatte, weil er ihm aufgrund einer Nervenerkrankung seiner Frau persönlich betroffen und entsprechend sensibilisiert erschien für die Erfordernisse des Vorhabens, begann Hoffmann 1859 mit dem Bau. Vor allem die Größe des Bauwerks trug ihm aber alsbald neue Probleme ein. Weil Hoffmann ein komplett einstöckiges Gebäude plante, um etwa Tobsüchtige nicht in mehreren Stockwerken übereinander schichten zu müssen, und einen Bedarf von 200 Betten errechnete, wurden Stimmen laut, die die Anstalt als zu groß und eine heillose Verschwendung erachteten. Hoffmann antwortete einerseits mit bemühten Rechtfertigungen über die Notwendigkeit der Irrenfürsorge auf die Vorwürfe, andererseits voller Sarkasmus: "Ich mein', meine Herrn, ein Haus, wo halb Frankfurt hineingehört, könnt' gar net groß genug werden."

Im Ergebnis zeigte sich, wie weit Hoffmann seiner Zeit voraus war. Als der Bau 1864 abgeschlossen und bezugsfertig war, öffnete er sich den Kranken als eine der modernsten Kliniken ihrer Tage. Das Irrenhaus berücksichtigte die Unterbringung nach Geschlecht, Standeszugehörigkeit und Krankheitsbild, es war zweckmäßig eingerichtet und verletzte dennoch nicht das "Zartgefühl der Kranken". Und der Erbauer? Der "erbettelte", wie er selbst schrieb, noch etliche Bilder für die Flure. Und Klaviere für die Kranken.

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