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Thomas Bernt verteilt Essen an Bedürftige.

Abfallreduzierung

Die Lebensmittelretter im Main-Kinzig-Kreis

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Der Verein „foodsharing Hanau und Main-Kinzig-Kreis“ wächst. Die Mitglieder kämpfen jetzt um die Gemeinnützigkeit.

Ein extremer Missstand treibt Thomas Bernt an: „Fast die Hälfte aller Lebensmittel, die für Industrieländer produziert werden, landen im Müll“, sagt er. Das sei ökologisch, wirtschaftlich und ethisch absolut unverantwortlich. Deshalb haben Bernt und seine Mitstreiter im März 2018 den Verein „foodsharing Hanau und Main-Kinzig-Kreis“ gegründet. Auf ihrer Webseite und in lokalen Facebook-Gruppen können Leute etwa Gemüse, das sonst weggeschmissen worden wäre, teilen. Mitglieder holen Produkte auch bei Händlern ab und verteilen sie an Bedürftige und Nichtbedürftige.

Die Bewegung wächst stetig, was Bernt auch deshalb freut, „weil so wieder nachbarschaftliche Netzwerke geknüpft werden“. In den Facebook-Gruppen zählt er jetzt etwa 6000 Mitglieder, der Verein hat 52 aktive, zu Beginn waren es 15. Mit Foodsharing fingen viele von ihnen schon vor sechs Jahren an und forcierten in Folge des Wachstums 2017 die Vereinsgründung.

„Ein Grund war die Haftungsfrage.“ Für den Fall, dass etwas passiert, beispielsweise beim Abholen, wollten sie sich versichern. Und zudem als gemeinnützig gelten. Vereine mit diesem Status haben unter anderem steuerliche Vorteile. Sie sind zum Beispiel von der Körperschafts- sowie Gewerbesteuer befreit und können Spenden empfangen, die Geldgeber absetzen können. Über die Gemeinnützigkeit entscheidet das Finanzamt. Es prüft, ob die Tätigkeit darauf ausgerichtet ist, „die Allgemeinheit auf materiellem, geistigen oder sittlichen Gebiet unmittelbar ausschließlich sowie selbstlos zu fördern“. Die in der Satzung angegebenen Zwecke müssen das Kriterium erfüllen.

Den Antrag der Foodsharer lehnte das Amt zunächst ab. Die Behörde erkannte den Zweck des Umweltschutzes, etwa durch Abfallreduzierung, nicht an und monierte, dass die Foodsharer nicht nur an Bedürftige verteilen, wie es die Tafeln tun, sondern auch an Nichtbedürftige.

Der Verein konnte die Entscheidung überhaupt nicht nachvollziehen, auch weil er mit weiteren gemeinnützigen Tätigkeiten argumentierte: „Verbraucherberatung“ und „Volksbildung“. So organisieren die Mitglieder Treffen, bei denen sie kostenlos über Lebensmittelrettung aufklären und mit Teilnehmern aus geretteten Produkten etwas Leckeres zubereiten.

Doch nach der Ablehnung durch das Finanzamt gaben Bernt und seine Unterstützer nicht auf, aus Prinzip und weil der Status wichtig ist: Spenden brauchen sie für die Produktion von Flyern. Gemeinnützig müssen sie auch sein, um kostenlos Infostände aufstellen und öffentliche Gebäude nutzen zu dürfen. Und viele Händler geben nur an gemeinnützige Vereine ab.

Der Einsatz lohnte sich. Nach vergleichbaren Fällen hatte die Oberfinanzdirektion (OFD) in Nordrhein-Westfalen festgestellt, dass Foodsharing-Vereine bei entsprechender Satzung gemeinnützig sind, da sie sich aktiv für das Schonen von Ressourcen und Vermeiden von Müll einsetzen. Auch die hessische OFD und das Hanauer Finanzamt folgten letzten Endes dieser Auffassung, seit Mitte November 2018 sind die Foodsharer gemeinnützig.

Bernt ist froh, dass es zu einer Einigung gekommen ist, wünscht sich für seine und andere soziale Initiativen aber weniger bürokratische Hürden. Schließlich muss in erster Linie der Kampf gegen Verschwendung geführt werden.

Hürden bei Gemeinnützigkeit

Die Auslegung von Gemeinnützigkeit sorgt oft Kritik, zuletzt als der Bundesfinanzhof den Globalisierungskritikern von Attac den Status aberkannte, weil sie öffentliche Meinung „im Sinne eigener Auffassungen“ beeinflussen wollen würden. Jochen Dohn von der Hanauer Attac-Gruppe spricht von einer politisch motivierten Entscheidung gegen kritische Stimmen.

Probleme mit dem Finanzamt kennen auch andere hessiche Foodsharing-Vereine. In Groß-Gerau wurde zunächst bemängelt, die Satzung habe nicht ausgeschlossen, dass Mitglieder Lebensmittel behalten. Dabei kommt dies nur bei einem kleinen Bruchteil in Frage, weil das meiste an Bedürftige verteilt wird. Erst später wurde in Aussicht gestellt, die Gemeinnützigkeit wegen des Umweltschutz-Aspektes anzuerkennen. gha

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