Oberursel Umbau Trafohäuschen Simone Stiefel (l, 59) und ihr Lebensgefährte Achim Schollenberger (r, 58)
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Simone Stiefel (l, 59) und ihr Lebensgefährte Achim Schollenberger (r, 58) sitzen gemeinsam im Dachgeschoss in ihrem kleinen Wohnhaus im Stadtteil Stierstadt im Bett.

Wohnen

Leben im 14-Quadratmeter-Stromhäuschen

Ein Architekt hat in Oberursel eine frühere Trafostation als Wohnhaus umgebaut. Nach jahrelanger Arbeit ist daraus ein Schmuckstück namens „Villa Stierstadt“ geworden.

Das Faible von Achim Schollenberger und Simone Stiefel für ungewöhnliche Behausungen ist offensichtlich. Meistens leben sie in einem ehemaligen Wasserturm in Usingen im Hochtaunuskreis, als Wochenenddomizil haben sie sich im nahen Oberursel in einer früheren Trafostation häuslich eingerichtet. Auf 14 Quadratmetern befinden sich Schlaf-, Wohnzimmer, Küche und Bad. „Es ist das kleinste freistehende Haus Deutschlands“, sagt Stiefel auf der „Terrasse“, die eigentlich der Parkplatz des 23 Quadratmeter großen Grundstücks ist.

„Villa Stierstadt“ hat das Paar sein Häuschen mitten im gleichnamigen Stadtteil genannt, das dort längst zur Sehenswürdigkeit avanciert ist. Die Außengestaltung ist von der Alten Oper in Frankfurt inspiriert; der Graffiti-Künstler Markus Janista hatte das Gebäude entsprechend besprüht, inklusive der Aufschrift „Dem Wahren Schoenen Guten“.

Innen mangelt es zwar an Platz, aber nicht an Komfort. Eine elektrische Fußbodenheizung sorgt für angenehme Wärme, die schallgeschützten Fenster halten den Verkehrslärm draußen, dank ausgeklügelter Technik gibt es einen satten Sound aus der Musikanlage. Etliche kleine Details zeigen, wie viele Gedanken sich das Paar bei der Gestaltung gemacht hat. So ist an der Mikrowelle in der Küche ein altes Autoradio inklusive Zigarettenanzünder verbaut. „Damit laden wir auch die Handys auf“, so der Hausherr.

Ein Stockwerk höher im Wohnzimmer löst das Paar gerne Sudoku in der Sitzecke, mit wenigen Handgriffen wird daraus abends eine Couch; gegenüber in der Ecke ist ein Fernseher angebracht. Zur Toilette und Dusche auf derselben Etage sind es nur wenige Schritte. Ganz oben unter dem Dach wird geschlafen, das Bett füllt den kompletten Raum. Durch die großen Dachfenster ist der Feldberg zu sehen. „Hier kann man es gut aushalten“, sagt Stiefel zufrieden. Lediglich für eine Waschmaschine fehle der Platz, doch das mache nichts: Ganz in der Nähe gebe es einen Waschsalon.

Das umgebaute Trafohäuschen.

Etwa zwei Jahre lang hat ihr Partner, der einst den Beruf des Architekten gelernt hat und nun in der Verwaltung der Stadt Neu-Anspach arbeitet, nach Feierabend und im Urlaub an dem Häuschen gewerkelt. Ganz am Anfang hatte seine Idee gestanden, ein solches Gebäude wohnlich umzugestalten. Deutschlandweit gebe es etliche umgebaute Transformatorenstationen, schreibt der Ingenieur Ilo-Frank Primus in seinem Buch „Geschichte und Gesichter der Trafostationen“. Sie dienen als Atelier, Glockenturm oder Hotel. Im mittelhessischen Weilmünster wurde eine ehemalige Station in ein Mini-Museum verwandelt.

Die erste Trafostation in Deutschland ist nach Angaben von Primus 1891 im baden-württembergischen Lauffen gebaut worden. Im selben Jahr habe es zum ersten Mal eine Fernübertragung von Strom gegeben, und zwar ins rund 170 Kilometer entfernte Frankfurt am Main. In den folgenden Jahren mehrten sich die Häuschen, die zunächst überwiegend in Großstädten gebaut wurden.

So gab es im Jahr 1896 in Frankfurt bereits 136 Trafostationen. Ab 1905 wurde verstärkt auch der ländliche Raum mit Strom versorgt, dabei entstanden dort die individuell gefertigten, zum Teil imposanten Stationen. Bis zum Ersten Weltkrieg waren es in Deutschland bereits über 41 000 Umspannstationen. Ihre Epoche ging erst in den 1980er Jahren zu Ende, als sie wegen des technischen Fortschritts nicht mehr benötigt wurden.

Schollenberger hatte sich damals mehrere Stationen angeschaut, bevor seine Wahl auf das etwa 100 Jahre alte, etwas über zwei mal drei Meter große Oberurseler Häuschen fiel. Er bezahlte den Kaufpreis von einigen Tausend Euro, mittlerweile hat das Paar etwa 65 000 Euro in das ehemalige Trafohäuschen gesteckt.

Doch nach dem Kauf waren mehrere böse Überraschungen gefolgt. Von der ersten Besichtigung bis zum Einzug dauerte es fast zehn Jahre. Am Anfang machten dem heute 58-Jährigen die Behörden das Leben schwer, der erste Bauantrag wurde sogar abgelehnt. Als es endlich losgehen konnte, mehrten sich die Katastrophen. „Der Holzwurm war in den Balken und wir haben ein Riesen-Wespennest entdeckt“, erinnert er sich. Das Paar nahm es mit Humor und nutzte jeden kleinen Fortschritt zum Feiern, etwa als dem Holzwurm endlich der Garaus gemacht wurde. „Da haben wir zur Holzwurmbeseitigungsfeier eingeladen“, erinnert sich Stiefel. (dpa)

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