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Dragoslav Stepanovic: immer gute Laune.

Gut gebrüllt

Lebbe geht weider

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Von einer Schweigeminute im Parlament und der Schwierigkeit, trotz des Todes von Walter Lübcke mit der Arbeit fortzufahren. Die Kolumne aus dem hessischen Landtag.

In dieser Woche war Stepi zu Gast im Hessischen Landtag, der stets gut gelaunte frühere Bundesligatrainer Dragoslav Stepanovic.

Er ist berühmt geworden durch seine Weisheit „Lebbe geht weider“, ausgesprochen nach einer der bittersten Stunden für Eintracht Frankfurt, als seine Mannschaft 1992 im letzten Moment die Deutsche Meisterschaft verspielte.

Das war auf eine seltsame Weise passend, denn im Grunde stand ein verzweifeltes „Lebbe geht weider“ als Motto über der gesamten Sitzungswoche.

Es wirkte befremdlich, wie der Landtag im Plenarsaal sein gewohntes Programm abspulte, über ein Seilbahngesetz und über die Digitalisierung in Museen debattierte, als wenn nichts gewesen wäre – während es in der Lobby des Landtags, auf den Fluren und auch beim „Abend des Sports“, zu dem Stepi eingeladen war, um kaum etwas anderes ging als den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke.

Die Abgeordneten waren aufgewühlt durch den Tod ihres ehemaligen Parlamentskollegen, der für viele ein langjähriger Wegbegleiter und Freund war, und durch den dringenden Tatverdacht gegen einen Rechtsextremisten.

Doch während die Fraktionsvorsitzenden und Innenpolitiker im Foyer und in Fernsehsendungen dazu Position bezogen, drehte sich die Welt im Plenum weiter. Auch wenn kaum einem wirklich danach zumute war, mussten erst einmal der Ausbau des Mobilfunks und die Erinnerung an 70 Jahre Luftbrücke debattiert werden, frei nach dem Motto „Lebbe geht weider“.

Die Schweigeminute, die Lübcke am Anfang der Sitzungswoche gemeinsam mit einem anderen verstorbenen Abgeordneten gewidmet worden war, wurde der Sache nicht gerecht, das merkten alle. Der tödliche Schuss hatte offenkundig nicht nur Lübcke gegolten, sondern der demokratischen Politik insgesamt, deren Kern die Parlamente darstellen.

Nach etlichen Stunden Beratung einigten sich mehrere Fraktionen auf eine gemeinsame Erklärung, um das Thema Nummer eins auch dorthin zu tragen, wo eigentlich die „Herzkammer der Demokratie“ sein sollte – in den Plenarsaal des Landtags. Anschließend ging es weiter im Programm, mit Debatten zum Lehrkräftebildungsmodernisierungsgesetz und zum Nachtragshaushalt. Irgendwie seltsam.

Aber wie hätte das Parlament anders reagieren können? Für einen solchen Einschnitt, für eine solche Erschütterung gibt es keine vorgefertigten Formen des Gedenkens. Wie sagte Landtags-Vizepräsident Ulrich Wilken nach der Debatte über den Lübcke-Mord und die Neonazi-Gefahr: „Auch wenn es schwer fällt, wir fahren in der Tagesordnung fort.“

Das Leben ging weiter, bei Bier und Wein und Tombola beim „Abend des Sports“ und beim Fußballspiel der Landtagsmannschaft in Friedberg.

Der Sport, sagte Ministerpräsident Volker Bouffier bei dem gemeinsamen Abend mit Stepi, diene so gut wie nichts anderes dazu, „dieses Land zusammenzuhalten“.

Das wäre jedenfalls im Sinne von Walter Lübcke gewesen.

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