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Blick auf das Podium im überfüllten Saal der Deutschen Nationalbibliothek.

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Hessen: Lautstarke Kritik an HR2-Reform

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Mehr als 400 Menschen kommen zur Protestveranstaltung in die Nationalbibliothek. Sie sprechen sich gegen den Abbau von Kultur und Qualität aus.

Es ist ein Abend voller Emotionen, voller Aggressionen auch. Mehr als 400 Menschen drängen sich im überfüllten Saal der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt. Es ist die angekündigte Reform der Hörfunkwelle HR2-Kultur, die sie auf die Barrikaden treibt. Es wird aber mehr spürbar in diesen Stunden. Eine Trauer über das „allgemeine Verkommen der Wichtigkeit von Kultur“, wie es Michi Herl formuliert, nicht nur mit seinem Stalburg-Theater seit langem als engagierter Kritiker deutscher Verhältnisse bekannt.

Mehr als 10 000 Menschen haben mittlerweile eine Petition gegen die Pläne der HR-Führung mit HR2 unterschrieben. Intendanz und Programmdirektion reagieren auf die sinkende Zahl von Hörerinnen und Hörern und wollen die Reichweite der Sendungen über Online-Formate erhöhen. Alf Mentzer, seit zwei Jahrzehnten profilierter Kulturjournalist und Mitglied der HR-Arbeitsgruppe für die Reform, formuliert es so: „Wir versuchen, über digitale Angebote ein Publikum zu finden, das HR2 nicht einschaltet.“

Aber das will an diesem Abend niemand hören, Mentzer hat einen absolut schweren Stand. Zwischenrufe wie „Berliner Flughafen“ oder „Stuttgart 21“ aus der wütenden Menge treffen und irritieren ihn: „Man kann natürlich alles mit allem vergleichen.“

Mentzer beteuert: „HR2 wird nicht abgeschafft und wird auch keine Klassikwelle!“ Viele Menschen brächten aber die Bereitschaft für lange Wortbeiträge nicht mehr auf. Der HR definiert die Zielgruppen der HR2-Reform, zum Beispiel „zielstrebige Junge“ oder „moderne Etablierte bis 47“.

Höhnische Zwischenrufe, Gelächter. Der 80-jährige Wolfram Schütte, legendärer FR-Feuilletonredakteur und einer der Initiatoren der Petition, muss immer wieder an sich halten. Viele Autorinnen und Autoren sitzen im Publikum, um ihre Solidarität zu bekunden: Andreas Maier etwa oder Eva Demski.

Vorwürfe und Flüche

Auf dem Podium bricht sich die Sorge Bahn um den Niedergang des „Qualitätsjournalismus“, wie ihn Barbara Determann von der Autorenbuchhandlung Marx & Co beschwört. „Ein Podcast ersetzt nicht das Radioprogramm“, sagt die Buchhändlerin. Gerade kleine Buchhandlungen seien auf HR-Kultur und die Wortbeiträge dort angewiesen, auf legendäre Sendungen wie „Doppelkopf“ oder „Der Tag“.

Schriftsteller Matthias Altenburg droht, sein Auto zu verkaufen, „weil ich es nur brauche, um HR2-Kultur zu hören“. Er fordert: „Ich will, dass meine Neugier geweckt wird, nicht meine Faulheit genährt.“ Altenburg stellt auch den Zusammenhang her mit dem Erstarken des Rechtspopulismus und Rechtsextremismus: „Der Kampf ist eröffnet, für den Kampf brauchen wir HR2-Kultur.“

EPD-Redakteur Michael Ridder wirft der HR-Führung vor, schon bei der Vermittlung ihrer Reformpläne „alles falsch gemacht“ zu haben. „Man hätte die Leute mitnehmen müssen.“ Ridder sieht ARD und ZDF insgesamt „in einer großen Legitimitätskrise“. Michi Herl beginnt seine Rede mit dem Ausruf „Scheiß-HR!“ und erinnert daran, dass er vor 14 Jahren vom Sender entlassen worden sei, „nach 1000 Sendungen Late Lounge“. Herl fordert, insbesondere die freien Journalisten des Senders besser zu bezahlen und so die Qualität zu erhöhen. Der Abend macht deutlich: Es gibt ein grundlegendes Misstrauen gerade bei vielen älteren Menschen gegen die Veränderungen, die mit dem Internet einhergehen. Immer wieder wird Alf Mentzer aus dem Publikum mit der Frage konfrontiert: „Warum muss das sein?“ Eine mit großer Mehrheit beschlossene Resolution wendet sich gegen eine Aufspaltung von HR2-Kultur in eine linear ausgestrahlte Klassikwelle und eine vorrangig über Online-Kanäle laufende Kulturinformation.

Die HR-Geschäftsleitung freut sich in einer Presseinformation später „über die Wertschätzung für die aktuelle Programmgestaltung von HR2-Kultur“. HR2 werde „mit einem veränderten musikalischen Schwerpunkt“ auch weiterhin ein qualitätsvolles Angebot sein „mit Wort und Musik und attraktiven Inhalten aus und für Hessen“.

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