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Lauter Höhepunkte

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Im Dorischen Tempel brachte die Konzertmusikerin Daphné Milio die mehr als 200 Jahre alte Érard-Harfe zum Klingen. Der Heilige Michael bietet einen passenden Hintergrund.
Im Dorischen Tempel brachte die Konzertmusikerin Daphné Milio die mehr als 200 Jahre alte Érard-Harfe zum Klingen. Der Heilige Michael bietet einen passenden Hintergrund. yvonne späne © ys

Kulturnacht ist auch mit reduziertem Licht ein Erfolg

BAD HOMBURG - Götterdämmerung im Gustavsgarten! Verheißungsvolles Licht strahlt zwischen den dorischen Säulen in die Dunkelheit. Im renovierten Tempel fand bei der Kulturnacht am Samstagabend - zwei Mal hintereinander - das erste Konzert überhaupt statt. Wer einen der 48 Plätze ergattert hat, war schon früh da. Was man sieht und hört, ist spektakulär: Die Lanze des Heiligen Michael, der jüngst freigelegten Putzintarsie hinterm Altarpodest, zeigt genau auf die gülden schimmernde Érard-Harfe. Diesem 214 Jahre alten Instrument entlockt Harfenistin Daphné Milio himmlische Töne. Mit der Leichtigkeit des Profis spielt sie drei verschnörkelt-barocke Stücke und ein romantisches Nocturne. Zwischendurch muss sie die Saiten immer wieder stimmen - die Feuchtigkeit macht sich bemerkbar.

So schmuck dieser schlichte Raum auch ist - wie Kulturamtsleiterin Dr. Bettina Gentzcke sagte, wird der Dorische Tempel nur zu besonderen Anlässen mit kleinem Publikum geöffnet werden, am besten wenn die benachbarte Villa Wertheimber auch offen ist. Zumindest wird man die Kapelle bald zum Heiraten mieten können.

Dorischer Tempel mit Harfenkonzert eingeweiht

Im Foyer der Villa sitzen die Mitarbeiter des Stadtarchivs mit Laptop an Tischen und erläutern Interessierten, wie modern Archivarbeit heute funktioniert. Welche Kurhotels gab es vor 150 Jahren, wie sahen sie aus und wer stieg darin ab? All dies zaubern die Kulturhistorikerinnen per Klick auf den Bildschirm.

In der Ecke steht eine Security-Frau. Sie bewacht eine Original-Handschrift des Dichters im Hölderlin-Kabinett, die extra für dieses Wochenende aus der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart geholt worden ist. Es ist die erste Seite von Hölderlins Gedicht „Patmos“. Wir suchen den berühmten Satz „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ - da steht er, tatsächlich, in blasser Tintenschrift, viel durchgestrichen, gezeichnet von dem genialen Dichter selbst. Still, aber auch spektakulär.

Weiter geht’s in die Innenstadt - Shuttlebusse gibt es dieses Jahr leider nicht. Doch dafür, dass die Stadt sparen muss, gibt es bei dieser Kulturnacht viel zu erleben. Die Bauwerke sprechen für sich, auch wenn die Kirchen an der Dorotheenstraße nicht illuminiert sind: St. Marien wirkt einladend. Vor der Kirche Kerzen und Stehtische. Drinnen leuchtet die Apsis farbig; gerade spielen Monika Nebel und Daniela Wolfrom (Orgel und Querflöte) Schuberts Ständchen. Die Kirchenbänke sind voll, aber nicht zu voll, die Türen Corona-konform geöffnet. Zur Musik können die Augen in der Pracht des Kirchen-Interieurs spazieren gehen.

21 Uhr: Rasch weiter in die Stadtbibliothek - und ins Kontrastprogramm. Etwa 200 Menschen warten darauf, dass bereits zum dritten Mal an diesem Abend Guadalupe Jiménez Rodríguez im roten Röschenrock das Podest betritt und zwischen Reiseführern und Kochbüchern ein paar feurige - man muss das Klischee bedienen - Flamencos hinlegt. „¡Hola España!“ heißt das Programm, passend zum Buchmessenland, und der Charme ist, dass Sänger Elias Feijoo Gómez eben noch Frankfodderisch schwätzt und dann mit seiner Gitarre loslegt, dass „Heroes del Silencio“ erblassen würden. Drei Kinder lernen dann noch, wie sie (auch ohne Rüschenrock) Flamenco tanzen: „Äpfelchen holen, essen, wegwerfen“ - komisch und elegant zugleich.

Zur Erlöserkirche. Voll die Bänke auch hier. Vorne großes Programm: Generalprobe eines Händel-Oratoriums, ein großer, leider gerade schweigender Chor, Solosänger, ein Mann singt mit Kopfstimme. Kantorin Susanne Rohn dirigiert zackig.

Das Sinclair-Haus mit der Eis-Ausstellung sieht auch gut besucht aus. Wir nutzen die Gelegenheit, im Stockfinstern den Schlosspark betreten zu dürfen. Aus den Fenstern im Königsflügel strahlt heimelig Licht. Unter der Zeder mit ihren riesigen schwarzen Armen hindurch geht es ins Foyer und über den roten Teppich die Treppe hoch in die Gemächer. Dort reges Treiben; ein blinkender Kinderroller auf dem ehrwürdigen Parkett. In fast jedem Raum eine Mitarbeiterin, die den Vorbeiziehenden Einzelheiten über Kaiser und Kaiserin erzählt. Sie müssen aber auch des Öfteren ermahnen, dass nicht auf die Teppiche getreten wird. „Toll, das ist besser als eine Führung“, meint eine Besucherin und steht staunend vor Auguste Viktorias Telefonschrank. Wir erklimmen schließlich noch die 174 Stufen des Weißen Turms - ein krönender Abschluss. Von oben haben wir klare Sicht auf die Frankfurter Skyline und sehen, dass auch dort nachts viel Licht reduziert wird. Die Kulturmeile schwarz mit vielen hellen Punkten. Noch immer sind etliche Menschen unterwegs.

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