Was an Papier bleibt vom Bürgermeisterleben, in einem Einkaufswagen: Frieder Gebhardt musste aussortieren.
+
Was an Papier bleibt vom Bürgermeisterleben, in einem Einkaufswagen: Frieder Gebhardt musste aussortieren.

Langen

Das Langener Rathaus war sein erstes Zuhause

  • Annette Schlegl
    vonAnnette Schlegl
    schließen

Heute ist der letzte Tag im Bürgermeisterleben von Frieder Gebhardt. Das Langener Stadtoberhaupt nimmt nach zwölf Jahren seinen Hut, ab morgen regiert ein Anderer.

Der Einkaufswagen im Bürgermeisterzimmer füllt sich zusehends. Langens Stadtoberhaupt Frieder Gebhardt (SPD) legt dort die Aktenordner ab, die er binnen zwei Legislaturperioden gesammelt hat. Ein Dutzend Jahre stand der 70-Jährige an der Spitze der Stadtverwaltung – und am heutigen Dienstag ist sein letzter Arbeitstag. Ein Abschied, der ihm nicht leicht fällt, gibt er zu, denn er war „mit Leib und Seele Bürgermeister“. Gerne hätte er noch eine Amtsperiode drangehängt. Aber die Gesundheit sei ihm wichtig – und seine Frau, die schon seit fünf Jahren zu Hause sei und endlich ein Anrecht auf seine Person habe.

Er sei ein Mensch, der Dinge gerne aufhebt, sagt Gebhardt. Deshalb gab es für ihn in den vergangenen Tagen viel zu entsorgen. Das Wochenende verbrachte er im Rathaus, um in seinem Büro „reinen Tisch“ zu machen. Fremd ist ihm das nicht: „Das Rathaus war mein erstes Zuhause“, sagt er, und witzelt, zu Hause bei seiner Frau habe er eigentlich „nur gegessen und geschlafen und Rasen gemäht“.

Umso mehr tut es dem Verwaltungschef jetzt leid, dass er sich von vielen seiner Mitarbeiter nicht verabschieden kann, weil das Rathaus wegen Corona immer noch zu ist. Der Umtrunk musste entfallen, aber er hat am Montag wenigstens einen Rundbrief ins Intranet gestellt.

Insgesamt 54 Jahre lang war Gebhardt berufstätig, „Ich habe nie gefaulenzt. Arbeit war mein Leben“, sagt er. Die Politik wird nun aber trotzdem ohne ihn auskommen müssen. Es ist für ihn nämlich kaum vorstellbar, dass er sich in seiner Heimatstadt nochmals auf eine Parteiliste setzen lässt. Er wolle jetzt das Leben genießen – und zwar dort, wo er auch gewirkt habe. „Ich kann mir keinen schöneren Platz fürs Alter vorstellen als Langen“, sagt er. „Meine Frau und ich lieben das urbane Leben.“

Die Langener haben Gebhardt viel zu verdanken. Ihm war klar, dass die Stadt nur prosperieren kann, wenn sie beim Wohnen und beim Gewerbe wächst. „Es war seine Grundsatzentscheidung in der ersten Amtszeit, dass sich westlich der Bahn Gewerbe und östlich der Bahn Wohnen entwickeln sollten“, lobt Erster Stadtrat Stefan Löbig (Grüne), der in den vergangenen sechs Jahren zusammen mit Gebhardt am Ruder saß. Auch der politische Gegner zollt dem scheidenden Bürgermeister Respekt: Er habe das größte Bauvorhaben im Langener Norden initiiert, „alles, was zwischen der Liebigstraße und der Hans-Kreiling-Allee gebaut wird“, so Berthold Matyschok, Ex-Fraktionsvorsitzender der CDU. Auf lange Sicht wird Langen von 39 000 auf 42 000 Einwohner wachsen.

Die Beliebtheit von Langen als Wohnstandort hat aber auch ihre Schattenseiten: Es gibt viel zu wenig Kitaplätze, Eltern müssen bis zu einem Jahr warten. „Die Kinderbetreuung ist die große Baustelle, die ich hinterlasse“, weiß Gebhardt.

Er hatte gehofft, den Ausbau der Bundesstraße 486 noch begleiten zu dürfen, den Fachleute schon im Jahr 1981 gefordert hatten. Erst vor drei Monaten machte ihm aber das Verkehrsministerium erneut einen Strich durch diese Rechnung, als es fürs kommende Jahr zusätzliche Untersuchungen forderte.

Gebhardt sei immer höflich geblieben, habe sich im Gegensatz zu seinem Vorgänger Dieter Pitthan eher zurückgehalten, sagt Matyschok. Löbig beschreibt ihn als „ausgleichend, sachlich, fair und nicht nachtragend“. Der 70-Jährige steht am Ende einer Ära: Seit 1945 hat die SPD in Langen stets den Bürgermeister gestellt. Sein Nachfolger Jan Werner ist CDU-Mitglied.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare