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Der Regionalverband Wetterau-Frankfurt vertritt rund 1600 MItgliedsbetriebe.

Wetterau

„Die Landwirte brauchen keine Unterstützung von rechts“

Die Wetterauer Bauernverbandsvorsitzende Andrea Rahn-Farr spricht im Interview über den Populismus der AfD, Kritik am Agrarpaket und die nächste bundesweite Schlepper-Demo.

Der Mais ist geerntet, die Kartoffeln sind eingefahren und die Äcker ruhen bald im Winterschlaf. Doch unter den Wetterauer Bauern kehrt keine Ruhe ein. Viele sind sauer und enttäuscht. „Sie fühlen sich von der Politik im Stich gelassen“, sagt Andrea Rahn-Farr. Die Vorsitzende des Regionalbauernverbandes Wetterau-Frankfurt setzt sich dafür ein, dass die Sorgen und Probleme gehört werden. Denn sie hat Bedenken, dass sich manche unter dem Druck radikalisieren könnten.

Frau Rahn-Farr, unter den Wetterauer Landwirten herrscht Unmut. Das machen sie seit einigen Wochen zum Beispiel mit grünen und schwarzen Kreuzen am Wegesrand sichtbar. Was sind die Gründe dafür?
Das stimmt, es herrscht Unmut unter den Kollegen. Das kürzlich vorgestellte Agrarpaket hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Es steht an der Spitze einer langen Liste von Verordnungen und Auflagen, die uns schneller erreicht haben, als wir sie umsetzen können. Viele sind enttäuscht von der Politik und fühlen sich im Stich gelassen. Die Ministerinnen haben das Agrarpaket verhandelt, ohne die Landwirte miteinzubeziehen. Dementsprechend ist vieles für uns schwer umsetzbar.

Was denn zum Beispiel?
Zum Insektenschutz sollen in Vogelschutzgebieten bestimmte Pflanzenschutzmittel nicht mehr eingesetzt werden. In der Wetterau haben wir viel Ackerland in FFH- und Vogelschutzgebieten, circa 3500 Hektar.

Was sind das für Flächen?
Das sind Flächen, die etwa für das Rastvogel-Management ausgewiesen wurden. Dort sehe ich kein Insektenproblem, offenbar fühlen sich die Vögel sehr wohl. Bei der Ausweisung wurde uns von der Politik versprochen, dass die Flächen normal zu bewirtschaften sind. Die Landwirte führen in Absprache mit Naturschützern Maßnahmen zum Vogelschutz durch. Dafür bekommen sie Ausgleichszahlungen, weil das meistens auf Kosten des Ertrags geht oder höhere Bewirtschaftungskosten entstehen. Dieses Modell der Kooperation hätten wir gerne beibehalten.

Andrea Rahn-Farr ist die Vorsitzende des Regionalbauernverbands Wetterau-Frankfurt.

Der Regionalbauernverband vertritt die Interessen von rund 1600 Mitgliedsbetrieben und 148 Ortsverbänden. Er ist für die Landwirte der Region in den meisten Fällen erster Ansprechpartner. Zum Beispiel bei rechtlichen Fragen oder wenn es um Ideen zur Umsetzung öffentlichkeitswirksamer Aktionen geht. 

Welche Befürchtungen haben Sie?
Dass durch eine pauschale Gesetzgebung, die für uns nicht hilfreich ist, einfach nur die Auflagen erhöht werden und damit die vereinbarten Ausgleichzahlungen wegfallen. Denn was gesetzlich gilt, ist nicht mehr ausgleichspflichtig.

Die Landwirte fürchten also vor allem wirtschaftliche Verluste?
Ja. Landwirte, die neue Auflagen in Vogelschutzgebieten erhalten, müssen mit Ertragseinbußen von 20 bis 30 Prozent rechnen. Das ist nicht wenig.

Was tun Sie jetzt?
Wir sprechen mit den Vertretern aus dem Wetteraukreis im Landtag und im Bundestag. Sie entscheiden, welche Regelungen aus dem Agrarpaket Gesetz werden. Wir möchten, dass sie wissen, was es für uns bedeutet, wenn die Gesetze so durchgehen. Wir hoffen, dass wir Gehör finden und noch an den Regelungen gearbeitet wird.

Was fordern Sie?
Verträge statt Verbote und dass man sich auf wissenschaftliche Fakten stützt. Wir wollen, dass Maßnahmen gemacht werden, die nachweislich Erfolg bringen. Daran arbeiten wir auch gerne mit. Aber wir lassen uns nicht missbrauchen, um Politik für den schönen Schein zu machen. 

Sie stehen also im Austausch mit der Politik?
Ja, das machen wir seit vielen Jahren. Wir sehen es als unsere Aufgabe an, Feedback aus der Praxis an die Politik zu bringen, damit es in Entscheidungen mit einfließen kann. Der Austausch mit unseren Abgeordneten funktioniert gut. Die Frage ist nur, was über das Zuhören hinaus passiert.

Welche weiteren Möglichkeiten nutzen Sie, um sich Gehör zu verschaffen?
Es gab erst kürzlich eine große bundesweite Schlepper-Demo. Die nächste steht am 26. November in Berlin an. Auch Wetterauer Landwirte werden dabei sein. In Deutschland ist es seit Jahrzehnten nicht mehr gelungen, so viele Landwirte mit Schleppern auf die Straße zu holen. Das ist ein deutliches Signal, dass in unserer Branche etwas nicht stimmt. Die Zukunfts- und Existenzangst geht um. Landwirte raten ihren Kindern davon ab, den Betrieb weiterzuführen.

Warum?
Wir haben eigentlich gut aufgestellte Höfe in der Wetterau. Was dahinter steckt, ist der allgemeine Druck. Die Landwirte haben das Gefühl, dass die Leute sie als Sündenbock für viele Dinge sehen, die sie aber nicht alleine zu verantworten haben. Zum Beispiel beim Insektensterben oder dem Grundwasserschutz. Wir haben den Eindruck, dass wir in der Politik nicht ernst genommen werden. Den Politikern sollte bewusst sein, dass die Bauern und die Bewohner im ländlichen Raum nicht hinter den urbanen Räumen zurückstehen dürfen. Das wird, finde ich, im Moment etwas vernachlässigt.

In der aktuellen politischen Debatte werben rechte Parteien immer wieder damit, sich für die Landwirte stark machen zu wollen. Im Wetterauer Kreistag gab es in der Vergangenheit entsprechende Anträge. Brauchen die Landwirte diese Unterstützung von rechts?
Nein.

Welche Bedenken haben Sie?
Wir wollen nicht, dass sich die Landwirte unter dem Druck der Auflagen radikalisieren. Wir glauben nach wie vor, dass in unserem demokratischen System eine Mitarbeit und Zusammenarbeit möglich ist. Auf Kreisebene klappt das auch sehr gut. Mit Populismus Wählerstimmen zu fangen, ist einfach. Es gibt Parteien, die auf dieser Schiene arbeiten. Wir möchten mit unseren Zielen und Forderungen aber nicht in die Nähe solcher Parteien, wie etwa der AfD, gerückt werden. Die betreiben Populismus in Reinkultur und versuchen, den Bauern nach dem Mund zu reden. Sie haben aktuell aber nur die Rolle der Opposition und müssen sich deshalb nirgendwo verantworten. Wir glauben, dass wir im demokratischen Spektrum der Parteien – und dazu gehört für mich die AfD nicht – durchaus gute Ansprechpartner haben und dort auch in Zukunft ernst genommen werden.

Interview: Anna-Luisa Hortien

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