Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Der Landtagsabgeordnete Felix Martin (Grüne) geht offen damit um, dass er HIV-positiv ist. Foto: Renate Hoyer
+
Der Landtagsabgeordnete Felix Martin (Grüne) geht offen damit um, dass er HIV-positiv ist.

Hessen

Landtagsabgeordneter: „Wenn ich die Menschen für Aids interessieren will muss ich sagen, dass es um mich geht“

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
    schließen

Der Grüne n Landtagsabgeordnete Martin spricht offen über seine Aids-Erkrankung. Im Landtag bekam er dafür von allen Fraktionen langen Applaus.

Mit einer sehr persönlichen Bemerkung hatte der Grünen-Abgeordnete Felix Martin in der vergangenen Woche seine Rede im Landtag eingeleitet: „Ich bin HIV-positiv und an Aids erkrankt.“ Er hat es nicht bereut.

Herr Martin, wie schwer fiel Ihnen dieser Satz?

Der sonst so turbulente Landtag wurde plötzlich ganz ruhig. Ich hatte den Eindruck, mir wird von allen Fraktionen Respekt gezollt. Trotzdem ist es ein Satz, der schwerfällt. Ich wusste ja nicht, wie die Kolleginnen und Kollegen reagieren.

Was hat Sie veranlasst, so persönlich einzusteigen?

Bei diesem Thema geht es nicht nur um Wissen, sondern auch darum zu sensibilisieren. Am besten erreicht man die Menschen mit einer persönlichen, emotionalen Geschichte. Wenn sie von einer betroffenen Person erzählt wird, können die Menschen sich am besten hineinversetzen. Es geht um eine Thematik, mit der sich die meisten Menschen sonst wahrscheinlich nicht beschäftigen würden. Ich habe dieses Podium nutzen wollen, die Chance haben nur wenige. Mit einem Kollegen in Berlin bin ich meines Wissens nach einer von insgesamt zwei Landtagsabgeordneten in Deutschland, die offen sagen, dass sie HIV-positiv sind.

Wie haben Sie die Reaktionen im Plenum erlebt?

Im ersten Teil meiner Rede habe ich inhaltlich gesprochen. Im zweiten bin ich persönlich geworden. Ich habe berichtet, wie Menschen lügen und Spekulationen über mich verbreitet haben, als ich meine Diagnose öffentlich gemacht habe. Wie Wildfremde mir im Netz fiese Dinge an den Kopf geworfen haben, was das mit einem macht. Dass ich mir Gedanken gemacht habe: Vielleicht bin ich ja selbst schuld. Vielleicht war ich ja zu blöd, um mich zu schützen, vielleicht muss ich mich jetzt verstecken. Aber dann habe ich beschlossen: Nein, das mache ich nicht. Nach meiner Rede haben alle sechs Fraktionen lange applaudiert, das ist sehr, sehr ungewöhnlich. Das hat mich bestärkt.

Sie sehen sich als Vermittler. Auf welchen Wegen geben Sie ihre Botschaft weiter?

Zur person

Felix Martin , Jahrgang 1995, zog 2018 in den Landtag ein. Für die Grünen-Fraktion ist er Sprecher für Arbeitsmarkt, Ausbildung, Kommunalfinanzen, Jugend, Antidiskriminierung und Queerpolitik.

Seit vier Jahren weiß er, dass er HIV-positiv ist. jur

Die Geschichte, die ich im Landtag erzählt haben, war einer der autobiografischen Texte, die ich auch schon an anderen Stellen vorgetragen habe. Etwa bei einer Aids-Gala in Darmstadt oder anlässlich des Christopher Street Days in Kassel. Einen selbst geschriebenen Text vorzulesen, fällt mir sehr viel leichter als spontan zu erzählen, was ich erlebt habe. Zu Beginn habe ich diese Texte noch unter einem Pseudonym geschrieben. Das machte mir das Schreiben einfacher, weil ich zu mir selbst auf Distanz gehen konnte. Doch wenn ich die Menschen wirklich erreichen will, macht es Sinn zu sagen: Es geht hier um mich.

Welche Fragen stellen Ihnen die Leute danach?

Das ist abhängig von dem Wissen, das sehr unterschiedlich ist. Manche sind total aufgeklärt, manche wissen nichts, weil sie noch nie einen Anlass hatten, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Es gibt Fragen zu Lebenserwartung, Medikamenten und Ansteckungsgefahr. Es gibt Menschen, die haben Angst um ihre eigene Gesundheit, gehen im Wortsinn auf Distanz. Da braucht es Überzeugungsarbeit, damit sie verstehen, dass unter normalen Umständen HIV nicht übertragen werden kann und auch auf anderen Wegen so gut wie kein Risiko besteht, wenn eine Person Medikamente nimmt und unter der Virusnachweisgrenze liegt, so wie ich.

Im Moment liegt der Fokus der Wissenschaft auf dem Corona-Virus. Eine Gefahr für die Forschung im Bereich HIV?

Ich gehöre einer Generation an, die von Anfang an eine gute und hochwertige Behandlung bekam. Mir ging es am Anfang ein paar Monate schlecht, auch weil ich mich zu spät gekümmert habe. Danach hatte ich keinerlei Einschränkungen mehr. Es ist derzeit richtig, alle Kapazitäten in die akute Corona-Infektion zu investieren. Die Corona-Forschung profitiert auch von der zu HIV. Wirkstoffe des Medikaments, das ich nehme, könnten auch bei Corona wirken. Umgekehrt könnten auch HIV-Positive von den Forschungsergebnissen in der Corona-Krise profitieren.

Der Antrag im Landtag soll die Ziele der Vereinten Nationen unterstützen, die den sperrigen Titel tragen UNAIDS 95/95/95. Was ist damit gemeint?

Die Vereinten Nationen haben sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Bis zum Jahr 2030 sollen 95 Prozent aller Menschen mit HIV von ihrer Infektion wissen, 95 Prozent davon sollen Medikamente nehmen. Und ebenso viele der Behandelten eine Viruslast aufweisen, die unter der Nachweisgrenze liegt. Hessen fördert jetzt ein Forschungsvorhaben, das noch offene Potenziale in der HIV-Prävention evaluiert.

Wie weit sind wir auf dem Weg?

Als Zwischenziel war 90 Prozent für 2020 angepeilt. Ob die erreicht sind, lässt sich mangels Zahlen noch nicht sagen. 2019 hatten wir das Ziel nur noch knapp verfehlt. Insofern sind wir auf einem guten Weg.

Interview: Jutta Rippegather

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare