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Alles der Reihe nach. Kinder müssen erst wieder lernen, wie es ist, in die Schule zu gehen. Ina FASSBENDER/AFP
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Alles der Reihe nach. Kinder müssen erst wieder lernen, wie es ist, in die Schule zu gehen. Ina FASSBENDER/AFP

Corona bringt Kinder in Not

Zwei hessische Sozialarbeiterinnen sagen: „Die Kinder können in der Schule nicht mehr zuhören“

  • Peter Hanack
    VonPeter Hanack
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Claudia Römer und Petra Schmidt versuchen als Sozialarbeiterinnen, den Schülerinnen und Schülern aus der Isolation nach den coronabedingten Schulschließungen in Hessen herauszuhelfen

Frau Römer, Frau Schmidt, kehrt in dem aktuellen Schuljahr wieder Routine in die Klassenräume ein?

Römer: Es ist weit weg von Routine. Wir bekommen jetzt die Auswirkungen des vergangenen Jahres zu Gesicht, in dem es ja zeitweise nur Online-Unterricht gegeben hat, die Schulen für viele Kinder und Jugendliche geschlossen waren. Wir merken, wie schwer es für manche Kinder ist, wieder hier zu sein.

Schmidt: Es ist ein sehr ungewöhnliches Schuljahr. Es ist ein Ankommen mit der Frage: Wie finden wir uns hier wieder zurecht?

Was meinen Sie mit ungewöhnlich?

Schmidt: Die Regelmäßigkeit, wieder in der Schule zu sein, erscheint vielen ungewöhnlich. Die Kinder müssen wieder in eine Lebenswelt hineinkommen, die früher ganz alltäglich und selbstverständlich war.

Wie äußert sich das?

Schmidt: Sie empfinden es als ungewöhnlich, mit so vielen Menschen in einem Raum zu sein. Manche sagen mir, dass ihnen das körperlich unangenehm ist.

Römer: Viele hatten lange Zeit kaum soziale Kontakte außerhalb der Familie, Freundschaften konnten nicht gepflegt werden. Auch in den Vereinen gab es ja nur wenige Möglichkeiten für gemeinsame Erlebnisse.

Beobachten Sie verstärkt Konflikte zwischen den Schulkindern?

Schmidt: Es wird versucht, wieder eine Rangordnung in der Klasse herzustellen – wer hat das Sagen, wer ist mein Freund, meine Freundin? Es läuft so wie am allerersten Schultag. Es gibt vermehrt Rangeleien, Beschwerden darüber, was andere über jemanden gesagt haben. Irgendwie müssen alle lernen, wie man in einer Gruppe agiert. Und die Kinder können gar nicht mehr zuhören, sie sind wie in einer eigenen Blase unterwegs. Manche reden und reden und merken gar nicht, dass es gerade um etwas ganz anderes geht.

Römer: Die Kinder und Jugendlichen waren ja ganz lange nicht mehr in ihrem Klassenverband, natürlich müssen sie sich daran erst wieder gewöhnen, müssen Grenzen neu austesten, sind sehr verunsichert.

Wo kommen Sie beide da ins Spiel?

Schmidt: Wir sind regelmäßig eine Stunde in der Woche in den fünften bis siebten Klassen, wir hören von den Lehrkräften, die uns auf Probleme der Kinder aufmerksam machen, Eltern rufen uns an, und natürlich kommen auch die Kinder selbst mit ihren Sorgen und Problemen zu uns.

Römer: Wir sind ja beide schon lange an den Schulen, da ist zu vielen auch ein Vertrauensverhältnis entstanden.

Schmidt: Und wir haben auch online Kontakt gehalten. Wir können jeden Einzelnen anschreiben und die Schüler auch uns, was sie auch genutzt haben.

Wie können Sie helfen?

Römer: Wir bieten in den Klassen beispielsweise Projekte an, die das soziale Lernen fördern, wo man übt, wie man Konflikte löst, mit Enttäuschungen und Kränkungen umgeht und dass man auch andere Meinungen und Ansichten akzeptieren muss. Und natürlich beraten wir auch die Lehrkräfte und die Eltern, am Telefon oder im persönlichen Gespräch.

Müssen Sie Kinder auch mal in den Arm nehmen?

Schmidt: Ja natürlich. Aber das ist etwas schwierig, denn wir dürfen das ja nicht. Aber gerade die Kleinen kommen auf einen zu und klammern sich fest, da kann man ein Kind ja nicht wegstoßen. Man muss sie schon mal in den Arm nehmen.

Ist das häufiger geworden?

Schmidt: Sie suchen schon sehr die Nähe und erzählen einem auch viel. Gerade die Kleineren haben ein größeres Bedürfnis danach, mehr als früher.

Schaffen Sie es, mit den ganzen Aufgaben zurechtzukommen?

Römer: Wir sind an meiner Schule fünf ausgebildete Sozialpädagoginnen im Ganztag bei knapp 1000 Schülerinnen und Schülern.

Schmidt: Wir sind drei Personen und haben 950 Schüler. Wir bräuchten sicher mehr Menschen, um die Kinder und Eltern zu unterstützen. Wir sind ganz schön belastet.

Was belastet Sie besonders?

Schmidt: Dass ich bei manchen Schülern zu spät erfahre, wie es ihnen geht. Dass es sich breitgemacht hat, nicht unbedingt regelmäßig in die Schule zu kommen, gerade unter den Älteren. Viele haben sich eine ganz andere Tagesstruktur angewöhnt. Ich haben sogar von Zehnjährigen nachts um zwölf noch Nachrichten über Teams bekommen.

Haben Sie zu manchen in der Corona-Zeit den Kontakt verloren?

Römer: Während der Schulschließungen haben wir uns mit Lehrkräften und auch den Schulpsychologen auf den Weg gemacht zu den Schülern nach Hause, haben geklingelt und nachgefragt, wo die Kinder und Jugendlichen sind. Wir haben es immer wieder probiert. Bei all jenen, von denen ich wusste, dass sie nicht mehr in die Schule gegangen sind, haben wir es geschafft, dass sie wieder kommen. Vielleicht nicht immer regelmäßig, aber sie kommen. Man muss dann immer wieder nachfragen, nachhaken. Aber natürlich weiß ich bei knapp 1000 Schülerinnen und Schülern auch nicht über jeden Einzelnen immer Bescheid.

Schmidt: Ich fürchte auch, dass es Schüler oder Schülerinnen gibt, von denen ich nicht weiß, dass es Probleme gibt, dass sie verloren gehen. Gerade da, wo sich auch die Eltern zurückziehen.

Wie groß sollten Ihre Teams sein, um den Aufgaben gerecht werden zu können?

Schmidt: Es gibt die Maßgabe, dass eine Fachkraft je 150 Schüler angemessen wäre. Es brauchen ja nicht alle Hilfe, viele sind auch gut mit dem Homeoffice zurechtgekommen, aber bei anderen geht es eben gar nicht.

Dann müsste man Ihre Teams fast verdoppeln. Haben Sie Sorge, dass man das alles gar nicht mehr richten kann?

Schmidt: Wir müssen in der Schule vor allem den Fokus auf das soziale Lernen lenken.

Römer: Natürlich gibt es Schülerinnen und Schüler mit Lernrückständen, Lücken im Unterrichtsstoff, und die müssen ja auch aufgeholt werden. Ich bin mir aber sicher, dass man das am besten schafft, wenn man nicht noch ganz viele andere Sorgen und Probleme hat, Dinge, die einen blockieren. Wenn man jetzt investiert und den Fokus auf das soziale Miteinander und die psychischen Nöte richtet, dann schaffen wir auch alles andere.

Interview: Peter Hanack

Claudia Römer (55) ist Diplom-Sozialpädagogin und arbeitet seit Ende 2006 an der Schule auf der Aue in Münster bei Dieburg, einer Kooperativen Gesamtschule. Sie ist Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft Sozialarbeit in Schulen Hessen. pgh/Bild: Hanack
Petra Schmidt (52) ist Diplom-Sozialarbeiterin und hat seit 2008 ihre Stelle an der Goetheschule in Dieburg, einer Kooperativen Gesamtschule. Sie ist stellvertretende Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft Sozialarbeit in Schulen Hessen. pgh/Bild: Hanack

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