Es fehlt an einer Wirtschaft, die sich am Gemeinwohl orientiert.
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Es fehlt an einer Wirtschaft, die sich am Gemeinwohl orientiert.

Gastbeitrag

Wir stehen wieder vor einer Stunde null

Von Heiko Nickel, Politischer Geschäftsführer des Verkehrsclubs Deutschland (VCD), Landesverband Hessen.

Am 22. März 1944 tobte um meinen Großvater Wilhelm ein Inferno. Er stand auf der Spitze des Domturms inmitten der Fachwerkhäuser Frankfurts mit der Aufgabe, die Brandorte der Bombeneinschläge an die Feuerwehr zu melden.

In dieser Nacht gab es nichts zu retten. Frankfurts Innenstadt brannte komplett ab.

Zu gleichen Zeit trieben die Sowjettruppen Großvater Eduard kilometerweit barfuß ins Gefangenenlager. Bis zur „Stunde null“, dem Neuanfang in Hessen vor 75 Jahren, kämpften beide um ihr nacktes Überleben.

Zum Ende des Krieges wurden beide Opfer des von ihnen gewählten NS-Regimes; Mitleid wäre fehl am Platz.

Was habt ihr gewusst? Was habt ihr gemacht? Eine Frage, die ich gar nicht stellen musste, weil Eduard sie sich selbst immer wieder an endlosen Abenden stellte und doch nie befriedigend beantwortete.

Die Nazidiktatur warf ihre Schatten in den 1920er Jahren weit voraus. Mit wachem Blick und unbequemem Handeln hätte sich Europa diese Schande ersparen können.

1990 studierte ich Geografie: CO2-Anstieg, Klimawandel, Auftauen des Permafrostes, Erliegen des Golfstromes, Abklingen der Jet-Streams, eisfreier Nordpol, die planetaren Grenzen, das Ende der menschlichen Lebensgrundlagen. All das studierten wir damals anhand von in Magnetband-Computern berechneten Modellen. Zu der von den Wissenschaftler:innen über zehn Jahre (!) lang vorbereiteten Klimakonferenz von Rio 1990 wussten wir bereits ALLES!

Wollen wir Flughäfen und Autobahnen bauen, bis kein Wasser mehr aus dem Hahn kommt? Und weiter wirtschaften, bis Menschen auf der Straße durch die Hitze sterben?

Wollen wir um des Konsums willen wieder eine „Stunde null“ riskieren? Wo sich alle Gedanken nur um die Frage drehen: Wie überlebe ich mit meiner Familie diesen Tag?

Photovoltaik, Windkraft, Digitalisierung etc.: Die Techniken sind alle da, gerade hier in Hessen. Wasser, Wald und Ackerbau, unsere Lebensgrundlagen, sind ebenfalls noch da.

Es fehlt an einer Wirtschaft, die sich am Gemeinwohl orientiert. Bei der Nachhaltigkeit, Resilienz, Empathie, Mitmenschlichkeit und Gemeinwohl mehr sind als Faktoren auf der Kostenseite. Im ersten Schritt bedarf es einer Marktwirtschaft, die die gemeinschaftlichen, wahren Kosten abbildet. Eine kostendeckende CO2-Abgabe von 18 Cent pro Kilogramm wäre ein Anfang. Anderenfalls gibt es wieder nichts zu retten.

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