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Weniger Gläubige in Hessen: „Wir werden jedes dritte Gebäude verkaufen müssen“

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Von: Peter Hanack

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Dunkle Wolken oder heiterer Himmel? Die Kirchen verlieren Mitglieder, so viel steht fest. Was das für ihre Zukunft heißt?
Dunkle Wolken oder heiterer Himmel? Die Kirchen verlieren Mitglieder, so viel steht fest. Was das für ihre Zukunft heißt? © Christoph Boeckheler

Thomas Striegler, viele Jahre Finanzdezernent der Evangelischen Kirche, spricht über Mitgliederschwund, sinkende Kirchensteuereinnahmen und was ihm dennoch Hoffnung gibt.

Zum ersten Mal tagt die Synode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) in der Offenbacher Stadthalle. Hier ist mehr Platz als im Frankfurter Karmeliterkloster, wo das Kirchenparlament sonst zusammenkommt. Die luftige Sitzordnung ist der Corona-Prävention geschuldet. Thomas Striegler behagt sie nicht. Er vermisst die dichte Atmosphäre des Klosters und die Debatten, die daraus entspringen. Viele Jahre hat der heute 65-Jährige die Geschicke der Kirche als Kämmerer und Verwaltungsleiter begleitet. Wir haben ihn gefragt, was ihm Sorgen bereitet und wo er Hoffnung schöpft.

Herr Striegler, die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau steckt mitten in einem Reformprozess mit dem Ziel, bis zum Jahr 2030 die Strukturen an schwindende Mitgliederzahlen und geringere Kirchensteuereinnahmen angepasst zu haben. Wie wird Ihre Kirche dann aussehen?

Wir erleben eine Gesellschaft, die sich immer mehr aufspaltet. Es ist deshalb für die Politik, große Institutionen wie Gewerkschaften, Vereine, aber natürlich auch für die Kirchen schwieriger geworden, die Kommunikation mit den Mitgliedern aufrechtzuerhalten. Die klassischen Gottesdienstbesucher sind weniger geworden, und wir müssen uns darauf einstellen, dass dieser Trend anhält und die evangelische Kirche damit tatsächlich kleiner wird.

Für den Mitgliederschwund gibt es ja mehrere Gründe. Die demografische Entwicklung mit weniger jungen Menschen, die schwindende Bindung innerhalb der Familien an die Tradition der Kirchenmitgliedschaft, und last, not least Kirchenaustritte. Welcher Punkt ist für Sie der wesentliche ?

Der Traditionsabbruch. Wenn Taufe und Konfirmation früher selbstverständlich waren, ist das nicht mehr so. Dieser Traditionsabbruch führt dann auch zu kritischen Fragen der jungen Leute. Wenn die ihre erste Gehaltsabrechnung bekommen, fragen sie sich, was bekomme ich eigentlich für die Kirchensteuer, die ich zahle?

Die meisten Austritte kommen ja in der Altersgruppe vor, die ins Berufsleben eintritt, eine eigene Familie gründet.

Ja, und wir müssen überlegen, wie wir die Menschen erreichen und was wir ihnen bieten können. Das sind dann eben nicht nur die klassischen Sonntagmorgengottesdienste, sondern vielleicht auch Projekte und Aktionen, wo sich jemand für eine bestimmte Zeit engagieren kann, ohne sich gleich in den Kirchenvorstand wählen lassen zu müssen. Das können zum Beispiel Projekte sein in der Flüchtlingshilfe oder Angebote, wie die Gemeinden etwas gegen den Klimawandel tun können. Ich denke schon, dass das Menschen anspricht. Und natürlich müssen wir viel mehr auch digitale Medien nutzen, um sie zu erreichen. Aber da fehlen uns heute etwa noch die E-Mail-Adressen, vom Zugang in sozialen Medien ganz zu schweigen. Aber auch klassische kirchliche Arbeit ist nicht obsolet. So sehe ich zum Beispiel in Darmstadts Stadtkirche eine hervorragende Arbeit mit einem Kinderchor. Auch damit kann man Menschen ansprechen.

Könnte die Kirche jungen Familien bevorzugt Kita-Plätze anbieten, wenn sie Kirchenmitglieder sind?

Ich bekomme schon immer wieder Post von Menschen, die sich ärgern, dass sie der Kirchengemeinde angehören, dort aber in der evangelischen Kindertagesstätte keinen Platz bekommen. Ich habe dafür durchaus Verständnis. Wir wollen mit unserer Arbeit in den Kitas für alle Familien da sein. Dafür erhalten wir ja auch öffentliche Förderung. Daher orientieren wir uns bei den Vergabekriterien auch an denen der jeweiligen Kommunen vor Ort. Wir wollen natürlich auch eine möglichst gute soziale Durchmischung in den Gruppen, was auch für die pädagogische Arbeit sinnvoll ist.

Der Mitgliederschwund ist ja wohl nicht wirklich aufzuhalten, die Prognose lautet Halbierung der Mitgliederzahlen bis zum Jahr 2060. Wie gehen Sie damit um?

Zur Person

Thomas Striegler (65) war viele Jahre lang Finanzdezernent der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Aktuell ist er noch Leiter der Kirchenverwaltung. Diese Aufgabe gibt er im März nächsten Jahres ab.

Vor seiner Zeit bei der EKHN arbeitete der Jurist im Bundesbauministerium und war Stadtdirektor und Kämmerer von Lengerich im Kreis Steinfurt (Nordrhein-Westfalen). Der gebürtige Dresdner kam mit vier Jahren mit seinen Eltern an den Niederrhein.

Striegler ist Vater von vier Kindern und lebt in Darmstadt. pgh

Wir werden uns von einer ganzen Anzahl von Gebäuden trennen müssen. Wir gehen von etwa einem Drittel aus, vor allem Gemeindehäuser und Pfarrhäuser. Wir werden ja auch weniger Pfarrer und Pfarrerinnen haben. Kirchen werden wohl nur in den seltensten Fällen abgegeben, die sind für die Menschen in einem Ort nach wie vor als Identifikationsorte sehr wichtig, egal, wie sie selbst zur Kirche stehen. Da engagieren sich dann auch Initiativen für den Erhalt.

Aufgegeben werden ja auch Schulen wie jetzt im Odenwald, Betreuungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche wie in Hanau oder die Jugendburg Hohensolms bei Wetzlar, die ein privater Schulträger übernommen hat.

Ja, gerade die Aufgabe der Jugendburg war eine sehr schwierige Entscheidung. Mit dieser traditionsreichen Bildungsstätte verbinden sich für viele in der EKHN gute Erfahrungen. Was die Kindertagesstätten angeht, wollen wir die erhalten, die Arbeit dort ist uns sehr wichtig. Wir sind aber bemüht, die Baulast an die Kommunen abzugeben, damit wir die nicht auch noch zu tragen haben. Und die Grundschule im Odenwald, um die es aktuell geht, hatte bei über 50 Plätzen nur noch rund 30 Kinder, da waren die Kosten einfach unverhältnismäßig.

Wenn die Kirche sich an vielen Stellen zurückziehen muss, schwindet dann auch die Sichtbarkeit und ihr gesellschaftlicher Einfluss?

Ein Stück weit wird das wohl nicht zu verhindern sein. Aber wer kann schon in die Zukunft schauen?

Glauben Sie, dass der Trend sich auch umkehren könnte? Dass Menschen angesichts der Krisen wie Klimawandel oder Krieg vermehrt Halt in der Gemeinschaft und im Glauben suchen? Bislang geschieht das ja nicht.

Im Detail geschieht das schon. Wenn Menschen sehen, dass Kirchengemeinden sich etwa bei der Aufnahme von Flüchtlingen engagieren, kann das schon Menschen ansprechen. Wir dürfen die Hoffnung haben, dass Kirche auch wieder für eine größere Anzahl attraktiv wird. Man konnte sehen, dass etwa bei der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal die Menschen zusammengestanden haben und dass die Kirchengemeinden dort den Zusammenhalt auch organisiert und befördert haben. Klimaschutz ist gerade für uns ein großes Thema und wir haben schon früh darauf gesetzt, die Rücklagen nach ethischen Gesichtspunkten anzulegen.

Können Sie sich vorstellen, irgendwann einmal aus der Kirche auszutreten?

Nein, da fällt mir kein Umstand ein, der das bewirken könnte. Jedenfalls nicht, solange wir miteinander über den richtigen Weg reden und streiten können.

Interview: Peter Hanack

Thomas Striegler (65) war viele Jahre lang Finanzdezernent der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Aktuell ist er noch Leiter der Kirchenverwaltung.
Thomas Striegler (65) war viele Jahre lang Finanzdezernent der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Aktuell ist er noch Leiter der Kirchenverwaltung. © Peter Bongard/EKHN

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