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Der ermordete Walter Lübcke leitete in den 90er Jahren eine thüringische Jugendbildungsstätte.
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Der ermordete Walter Lübcke leitete in den 90er Jahren eine thüringische Jugendbildungsstätte.

Mordfall Lübcke

Nach Prozess in Frankfurt: Hessischer Ausschuss soll offene Fragen klären

  • Hanning Voigts
    VonHanning Voigts
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Der Lübcke-Ausschuss des Hessischen Landtags muss sich mit dem Verfassungsschutz auseinandersetzen. Es gibt viele offene Fragen zum Handeln der Behörden in dem Mordkomplex an dem Politiker aus Kassel.

Frankfurt - Holger Matt wurde deutlich. Es liege ein „Komplettversagen der Verfassungsschutzbehörden“ vor, sagte der Anwalt im Januar vor dem Oberlandesgericht Frankfurt. Im Strafprozess zum Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) vertrat Matt dessen Angehörige und den Vorwurf des Behördenversagens trug er bei seinem Plädoyer in ihrem Namen vor. Man frage sich, warum Walter Lübcke nicht geschützt worden sei, obwohl er ab Herbst 2015, Jahre vor dem Mord, von Rechten bedroht worden sei, sagte Matt. Und dass der Hauptangeklagte Stephan Ernst und sein Freund Markus H. zum Zeitpunkt des Mordes nicht vom Verfassungsschutz beobachtet worden seien, sei kaum zu verstehen.

Der Lübcke-Prozess ist inzwischen beendet, Stephan Ernst wegen Mordes an Walter Lübcke zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt und Markus H. vom Vorwurf der Beihilfe freigesprochen. Die Familie des CDU-Politikers hält den Freispruch für „kaum zu ertragen“. Doch die Fragen zum Fall Lübcke, die Holger Matt in seinem Plädoyer aufwarf, treiben die Öffentlichkeit weiter um und werden nun den Lübcke-Untersuchungsausschuss des hessischen Landtags beschäftigen. Es gibt viele offene Fragen zum Handeln der Behörden in dem Mordkomplex.

Irmgard Braun-Lübcke im Frankfurter Gerichtssaal. Sie verlor am 1. Juni 2019 ihren Mann, den CDU-Politiker Walter Lübcke.

Hessen: Verfassungsschutz stufte Stefan E. 2009 vor dem Mord an Lübcke in Kassel als „brandgefährlich“ ein

Da geht es zunächst um Lübckes Mörder Stephan Ernst. Der heute 47 Jahre alte Neonazi war dem Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) gut bekannt, noch 2009 war er als „brandgefährlich“ eingestuft worden. Trotzdem verschwand Ernst kurz darauf vom Schirm des hessischen Geheimdienstes, trotz einer Verurteilung im Jahr 2010 wegen eines Überfalls auf eine Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) mit anderen Nazis.

Im Prozess gab Ernst an, sich in dieser Zeit von der rechten Szene gelöst zu haben – und zu dieser Einschätzung kam wohl auch der Verfassungsschutz. Im Prozess, der im Juni 2020 unter großem Medieninteresse begann, stellte sich dagegen heraus, dass Ernst sich kaum von der Naziideologie löste und 2011 an einer Sonnenwendfeier beim Neonazi Thorsten Heise teilnahm. Dem LfV lagen Fotos des Abends vor. Der Ausschuss wird untersuchen müssen, nach welchen Kriterien Ernst als „abgekühlt“ eingestuft wurde und warum das LfV diese Einschätzung auch 2011 nicht änderte.

Die Richter:innen Miriam Adlhoch, Thomas Sagebiel und Christoph Koller. Nicht alles konnte im Lübcke-Prozess aufgeklärt werden.

Im Lübcke-Prozess in Frankfurt freigesprochen: Markus H. hetzte vor dem Mord gegen Lübcke auf Youtube

Auch zu Markus H. gibt es Fragen. Laut einem Bericht des NDR soll das LfV 1998 versucht haben, den heute 44-Jährigen als V-Mann anzuwerben. Damals war H. in der Kasseler Neonaziszene aktiv, in der er auch Stephan Ernst kennenlernte. Gesicherte Fakten zu dem Anwerbeversuch gibt es bis heute nicht – nur die Angabe, dass er nicht zum Erfolg geführt habe.

Ungeklärt ist auch, warum das LfV der Justiz keine vollständigen Informationen über Markus H. weitergab, als dieser sich 2015 vor dem Verwaltungsgericht Kassel das Recht auf eine Waffenbesitzkarte erstritt – und warum die Behörden im Herbst 2015 nicht darauf kamen, dass die rechte Hetze gegen Lübcke mit einem von H. erstellten und hochgeladenen Youtube-Video ihren Anfang genommen hat.

Hessen: Verbindungen zu AfD und NSU des Lübcke-Mörders wurden im Gerichts-Prozess nicht geklärt

Auch das rechte Umfeld von Ernst und H. ist alles andere als aufgehellt. Da ist zum Beispiel Alexander S., früher bei den „Freien Kräften Schwalm Eder“ aktiv, der als Zeuge im Lübcke-Prozess aussagte, mit der Szene gebrochen und mit dem Mord an Lübcke nichts zu tun zu haben. Da sind aber auch Neonazis wie Mike S. und Stanley R., die Ernst seit den 2000er-Jahren aus Kassel kannten. Ob sie vor seiner Tat Kontakt zu Ernst hatten und inwieweit sie Thema in den Behörden waren, ist unklar.

Zudem dürfte die Abgeordneten die Frage umtreiben, warum das LfV trotz des Skandals um den „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) ab 2011 seine Analyse der Neonaziszene nicht verbessert hat. Als Walter Lübcke erschossen wurde, war die Mordserie des NSU fast acht Jahre bekannt, der Abschlussbericht des hessischen NSU-Ausschusses lag vor. Es lag offen zu Tage, dass der Verfassungsschutz die Gefahr durch rechten Terror unterschätzt hatte und über seine V-Leute selbst in die Szene verstrickt war. Dennoch überprüfte das LfV seine Einschätzung von Figuren wie Stephan Ernst offenbar nicht.

Der verurteilte Mörder Stefan E. bei seiner Festnahme am 15. Juni 2019.

Am Rande dürften auch Verbindungen zwischen dem Mord an Walter Lübcke und dem an Halit Yozgat eine Rolle spielen. Yozgat war am 6. April 2006 vom NSU in seinem Kasseler Internetcafé erschossen worden. Bis heute gibt es die Vermutung, dass die Terroristen Helfer aus der lokalen Neonaziszene hatten – also aus dem alten Umfeld von Markus H. und Stephan Ernst. Noch im März sollen erste Sachverständige angehört werden. (Hanning Voigts)

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hatten wir in Bezug auf den Zeugen Alexander S. geschrieben, dass er mit Ernst und H. Plakate für die AfD geklebt habe. Diese Information hat sich als unzutreffend herausgestellt. S. hat keine Plakate für die Partei geklebt. Wir haben diesen Passus daher entfernt. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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