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Waldexperte warnt: „Totholz brennt wie Zunder“

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Von: Peter Hanack

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Feuerwehrleute im Einsatz bei einem Waldbrand in Münster in Südhessen, nah an einem Munitionsdepot.
Feuerwehrleute im Einsatz bei einem Waldbrand in Münster in Südhessen, nah an einem Munitionsdepot. © dpa

Der Waldökologe Roland Irslinger erklärt, wie Klima- und Brandschutz Hand in Hand gehen. Und warum die Wälder dringend umgebaut werden müssen.

Herr Irslinger, Sie fordern angesichts der Waldbrände allerorten einen Waldumbau. Was muss da geschehen?

Vor allem die Reinbestände an Kiefern und Fichten, wie wir sie auch in Hessen haben, müssen umgebaut werden. Dort können sich Feuer, auch wegen der ätherischen Öle in den Nadeln, viel schneller ausbreiten als in Laub- oder Mischwäldern. Umbau heißt, dass wir beispielsweise Buchen in diese Wälder hineinpflanzen, um eine Überführung in Mischwälder hinzubekommen. Wenn unten erst einmal ein neuer grüner Blattmantel steht, hemmt das die Ausbreitung der Feuer in die Kronen hinein.

Es gibt Bestrebungen, Wälder zu Urwäldern werden zu lassen, indem man sie sich selbst überlässt. Ist das auch ein Weg zu mehr Brandschutz?

Wenn Sie den Wald in Ruhe lassen, dann werden dort alte Bäume absterben und auf dem Boden liegen. Jetzt kann dieses Totholz zwar Wasser aufnehmen, aber auch nur dann, wenn es regnet. In solchen Trockenjahren, wie wir sie jetzt immer häufiger erleben werden, trocknet auch dieses Totholz aus und brennt dann wie Zunder. Die Brennlast wird höher, das Feuer wird dadurch intensiver, wie die Erfahrungen aus Südeuropa und dem Mittelmeerraum zeigen. Dort wurden Wälder aufgrund von Landflucht der Bevölkerung nicht mehr genutzt, das Holz blieb im Wald liegen, und wir haben schwere Brände sehen müssen.

Sie sind Waldökologe. Tut es Ihnen nicht in der Seele weh, diese Urwaldidee aufgeben zu müssen?

Es gibt in Mitteleuropa seit dem Mittelalter keine Urwälder mehr, außer ein paar Resten in der Ukraine oder der Slowakei. Wenn wir den Wald sich selbst überlassen, verwildert er zwar schon, da liegt dann alles durcheinander, aber ein Urwald wird dort vielleicht in 500 oder 1000 Jahren entstehen. Das geht nicht so schnell.

Immerhin ist doch in einem Wald, der sich selbst überlassen wird, die Artenvielfalt viel höher?

Das stimmt so nicht. Ein naturnah bewirtschafteter Wald kann sogar eine größere Vielfalt besitzen. Das hat schon der Sachverständigenrat für Umweltfragen im Jahr 2002 festgestellt.

Aber ein Wald, in dem das Holz liegenbleibt, bindet doch mehr Kohlenstoff, was dem Klima nutzt.

Auch das ist so nicht richtig. Wald altert, Bäume sterben und vermodern. Dabei wird dann natürlich der dort gebundene Kohlenstoff freigesetzt. Ein Wald, in dem alles liegenbleibt, kann nicht viel mehr Kohlenstoff binden als ein naturnah bewirtschafteter Wald. Holt man Holz aus dem Wald und verbaut es, bleibt der Kohlenstoff gebunden, Holzreste kann man verbrennen und dadurch beispielsweise Erdgas und Öl einsparen. Das bringt in der Summe mehr für das Klima, als den Wald sich selbst zu überlassen.

Soll man den Wald also möglichst komplett ausräumen?

Nein, es geht nicht um eine intensivere Nutzung, sondern um eine naturnahe. Das ist der richtige Weg. Es liegen heute 22 Kubikmeter Totholz je Hektar im Wald, das bedeutet einen Verzicht an Holznutzung von zehn Millionen Kubikmetern, zehn Prozent des gesamten Holzertrags, jedes Jahr. Das muss man nicht ändern. Es geht nicht um einen ausgeräumten Wald. Aber eben um einen Laub- oder Mischwald, der zwar eine Artenvielfalt und einen Erholungwert bietet, der aber auch nicht durch Brände vernichtet wird. Denn das nutzt weder der Artenvielfalt noch dem Klima.

Interview: Peter Hanack

Siehe „Schon 180 Waldbrände in Hessen“

Roland Irslinger (73) war von 1982 bis 2014 Professor für Waldökologie an der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg am Neckar. Er forschte in der Mata Atlântica, dem atlantischen Regenwald Brasiliens, und war beratend beim Aufbau des WWF-Goldstandards zur Zertifizierung von Aufforstungsprojekten für den Klimaschutz tätig.
Roland Irslinger (73) war von 1982 bis 2014 Professor für Waldökologie an der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg am Neckar. Er forschte in der Mata Atlântica, dem atlantischen Regenwald Brasiliens, und war beratend beim Aufbau des WWF-Goldstandards zur Zertifizierung von Aufforstungsprojekten für den Klimaschutz tätig. © privat

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