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Vorbild für Hessens Landwirtschaft: Wasser sammeln wie in Kalifornien

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Von: Peter Hanack

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Groß wie ein Schwimmbad: Reiner Paul mit Sohn Jannis vor ihrem stattlichen Wasserspeicher.
Groß wie ein Schwimmbad: Reiner Paul mit Sohn Jannis vor ihrem stattlichen Wasserspeicher. © Monika Müller

Erdbeerbauer Paul hat in Hofheim einen riesigen Speicher gebaut und ist damit gut durch den Sommer gekommen – trotz Dürre und Hitze. Es ist eine Investition in die Zukunft.

Auf dem Hof von Erdbeerbauer Paul in Hofheim-Wallau steht der vielleicht größte private Wasserspeicher Hessens. Er fasst 10 000 Kubikmeter. Sein Inhalt hat die Pflanzen auf den ausgedehnten Äckern durch den trockensten Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gebracht. Der Speicher könnte Vorbild für die Landwirtschaft der (gerade beginnenden) Zukunft sein.

Er sieht aus wie ein simpler, aber völlig überdimensionierter Swimmingpool. Ein mannshoher, begrünter Erdwall fasst die gewaltige, viereckige Grube hinter den Wirtschaftsgebäuden von „Paul’s Bauernhof“ im Hofheimer Stadtteil Wallau ein. 50 Meter lang, 33 Meter breit, sechs Meter tief, ausgekleidet mit einer dunkelgrünen, wasserundurchlässigen Spezialfolie. Zehn Millionen Liter Wasser passen hier hinein.

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„Ohne den Wasservorrat aus dem Speicher wären wir wohl kaum durch diesen Sommer gekommen“, ist sich Jannis Paul (21) sicher. Zu 95 Prozent seien die Pflanzen aus dem Speicher bewässert worden, zwölf Wochen lang, jeden Tag. Senior Reiner Paul (57) stimmt seinem Sohn zu: „Vergangenes Jahr, als es mal wieder viel regnete, dachte ich schon, wir hätten das Ding gar nicht gebraucht“, berichtet er. 2022 dann aber umso mehr. „Und von den letzten fünf Jahren waren vier Trockenjahre“, sagt Paul senior. Es werden sicher nicht die letzten gewesen sein. „Die Landwirtschaft wird sich auch bei uns darauf einstellen müssen“, ist er überzeugt.

Pauls haben das getan. Entstanden ist die Idee für einen eigenen Wasservorrat vor sechs Jahren bei einem Kalifornien-Urlaub. „Wir haben dort zwei Erdbeerbetriebe besucht“, berichtet Jannis. „Die hatten auch Becken, noch viel größere als unseres“, sagt er. Solche Speicher seien in dem US-Bundesstaat, wo Hitze und Trockenheit seit jeher das Klima prägen, schon lange Standard.

Konkret wurden die Pläne in Wallau vor drei Jahren. 2020 dann wurde gebaut. 250 000 Euro hat das Becken gekostet. „Eine gewaltige Investition für einen Betrieb wie unseren“, sagt Reiner Paul. Bis sich die Ausgaben amortisieren, rechnet er mit 20 Jahren. Doch das Projekt Wasserspeicher ist nicht allein aus wirtschaftlichen Überlegungen entstanden. „Natürlich sparen wir damit auch Grundwasser, und das wird ja immer knapper und wertvoller“, sagt Jannis.

Vom Speicher aus fließt das Wasser unterirdisch in Rohrleitungen zu den Feldern, wo es in einem weitverzweigten Netz aus Tropfschläuchen direkt an die Wurzeln der Pflanzen gebracht wird. „Wir haben dadurch kaum Verdunstung und sparen rund 60 Prozent Wasser gegenüber einer oberflächlichen Beregnung ein“, erklärt Jessica Hartleib, die Agrarwissenschaften studiert hat und seit fünf Jahren auf dem Hof arbeitet.

Das System stammt aus Israel und ist dort schon lange erprobt. Das bereits jetzt kilometerlange Rohrnetz soll auch auf noch entferntere Äcker ausgedehnt werden, die bislang noch mit Tankwagen beliefert werden müssen.

Gespeist wird der Speicher durch das Regenwasser, das auf die 2500 Quadratmeter großen Dachflächen des Hofs fällt und in eigens dafür verlegten Rohren zum Becken fließt. Auch der Regen, der auf den rund 1000 Quadratmeter großen versiegelten Wirtschaftsflächen niedergeht, wird gesammelt und dem Speicher zugeleitet. Außerdem dürfen Pauls dem nahen Wickerbach Wasser entnehmen – aber nur, wenn der reichlich davon führt. Wasser, das ansonsten durch den Main und Rhein in die Nordsee fließen würde.

45 Hektar groß sind die Erdbeerfelder, die Pauls bewirtschaften. Hinzu kommen Himbeeren, Heidelbeeren, Brombeeren sowie Kartoffeln und – jahreszeitgerecht – Kürbisse. Außerdem betreiben Pauls ein Maislabyrinth. 20 Festangestellte arbeiten hier, hinzu kommen Mitarbeiter:innen in den mobilen Verkaufsständen und in der Erntezeit bis zu 120 Pflücker und Pflückerinnen.

Damit der Hof auch künftig wirtschaftlich betrieben werden kann, braucht es neben vielem anderen eine sichere Wasserversorgung. Dafür haben Pauls bereits einen großen Schritt getan. Um noch mehr Regenwasser nutzen zu können, sollen in den nächsten Jahren auch die Dachflächen der großen Tunnel auf den Feldern an das Sammelsystem angeschlossen werden.

Vielleicht muss dann ja sogar der Speicher noch erweitert werden. Denn so groß dieser auch ist, der aktuelle Sommer hat ihn an den Rand seiner Kapazitäten gebracht. War er Anfang Juli noch bis an den Rand gefüllt, sind aktuell gerade noch rund 15 Prozent des Wassers vorhanden. Immerhin dürften die jüngsten Regenfälle dafür gesorgt haben, dass der Füllstand im Becken wieder zunimmt. Und die Sorgen der Pauls um ihre Pflanzen abnehmen. „Die Wetterextreme werden häufiger werden“, sagt Jannis. „Wenn wir hier weiterhin Lebensmittel erzeugen wollen, müssen wir mit der Natur arbeiten, nicht gegen sie.“

Mit dem Schlauch wird das Wasser direkt an die Wurzeln geleitet: Die Erdbeerpflanzen auf dem Bauernhof der Pauls sind gut durch den Sommer gekommen. Sie tragen sogar jetzt noch Früchte.
Mit dem Schlauch wird das Wasser direkt an die Wurzeln geleitet: Die Erdbeerpflanzen auf dem Bauernhof der Pauls sind gut durch den Sommer gekommen. Sie tragen sogar jetzt noch Früchte. © Monika Müller

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