1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Landespolitik

Völkische Siedler auch in Hessen aktiv

Erstellt:

Von: Hanning Voigts

Kommentare

Auch in Hessen gibt es vereinzelte Anhänger der aus Russland stammenden „Anastasia-Bewegung“. Der Verfassungsschutz warnt davor, dass rechte Aussteiger sich radikalisieren könnten.

Wiesbaden – Sie wollen als Selbstversorger auf dem Land leben, suchen eine vermeintlich natürliche Gesellschaftsordnung und orientieren sich an rechter Esoterik: Auch in Hessen sind sogenannte völkische Siedler aktiv, Mitglieder einer Art rechter Aussteiger-Szene. Das hessische Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) weiß aktuell von mehreren Personen aus Hessen, die Kontakte zur völkischen „Anastasia-Bewegung“ haben. Zudem kennt der Inlandsgeheimdienst drei „Familienlandsitzprojekte“, die sich auf die aus Russland stammende Bewegung beziehen.

Die Ideen der „Anastasia-Bewegung“ basieren auf einer Romanreihe des russischen Unternehmers Wladimir Megre. Die seit 1996 erschienenen Bücher, die auch auf Deutsch erhältlich sind, berichten von angeblichen Begegnungen Megres mit der mystischen Figur Anastasia, die von einem „Urvolk“ aus Sibirien abstammen soll. In den esoterischen Büchern wird geschildert, wie ein angeblich ursprüngliches, ländliches Leben im Einklang mit der Natur aussehen soll. Dabei liefert Anastasia Anleitungen für eine patriarchale Geschlechterordnung, das Leben auf dem Land und die Kindererziehung. Die Bewegung hat neben einer ausgeprägten Ablehnung der technischen Moderne auch antisemitische Anteile.

Hessen: Zeitschrift „Lotta“ warnt vor Vernetzung der Anastasia-Bewegung

In Russland und Belarus, aber auch in Österreich und Deutschland, sind mittlerweile rechte Landkommunen entstanden, die sich an der Anastasia-Buchreihe orientieren. Laut einem Bericht der antifaschistischen Zeitschrift „Lotta“ sollen in den vergangenen Jahren mehrere Vernetzungstreffen der Szene in Hessen stattgefunden haben, unter anderem das erste „Anastasia-Festival“ im Oktober 2014 im Werra-Meißner-Kreis. Wladimir Megre selbst, auch darauf weist die „Lotta“ hin, hielt im Jahr 2018 einen Vortrag auf der Frankfurter Buchmesse.

Nicht jedes ländliche Idyll ist so harmlos, wie es aussieht (Symbolfoto). Foto: dpa
Nicht jedes ländliche Idyll ist so harmlos, wie es aussieht (Symbolfoto). Foto: dpa © Swen Pförtner/dpa

Aktuell existieren nach FR-Informationen mindestens zwei ländliche Wohnprojekte, die sich auf die Anastasia-Bewegung beziehen. In Jesberg, Schwalm-Eder-Kreis, gibt es ein Gartenprojekt, dessen Betreiber:innen das Ziel formulieren, „ein Stück Muttererde wieder in einen Lebensraum zu verwandeln“. Über ihre Internetseite haben sie zumindest zeitweise „Inspirations-Seminare“ angeboten. Bereits im Anmeldeformular werden Interessent:innen danach gefragt, ob sie bereits mit der Anastasia-Buchreihe vertraut seien.

Hessen: Honig aus dem rechtsalternativen Wohnprojekt

In Nentershausen, Landkreis Hersfeld-Rotenburg, befindet sich ein ländliches Wohnprojekt, dessen Betreiber gut in der Anastasia-Szene vernetzt ist. Über einen Online-Shop vertreibt er nicht nur Honig und Zedernuss-Öl – der zweite Band der Anastasia-Reihe heißt „Die klingenden Zedern Russlands“ –, sondern auch die Anastasia-Bücher.

In der Antwort des hessischen Innenministerium auf eine aktuelle Parlamentsanfrage der SPD-Fraktion heißt es, abgesehen von den drei genannten „Familienlandsitzprojekte“ seien in Hessen derzeit keine größeren völkischen Siedlungsprojekte bekannt. Es gebe aber eine Handvoll Immobilien, die der rechten Szene „als Anlauf-, Rückzugs-, Veranstaltungs-, Schulungs- sowie Vernetzungsörtlichkeiten dienen“. Das LfV sehe in „extremistischen ,Aussteiger-Projekten‘“ grundsätzlich eine Gefahr, da ideologisch abgeschottete soziale Räume „individuelle und kollektive Radikalisierungsprozesse befördern können“. (Hanning Voigts)

Auch interessant

Kommentare