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Uniklinik Mainz: „Ohne Entlastungstarifvertrag könnten wir weniger Leistung bringen“

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Von: Jutta Rippegather

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Christian Elsner, Uniklinik Mainz. Uniklinik Mainz
Christian Elsner, Uniklinik Mainz. Uniklinik Mainz © privat

Vorstand Elsner über Erfahrungen mit dem Entlastungstarifvertrag an der Unimedizin Mainz und was er den Tarifparteien in Frankfurt empfiehlt.

Herr Elsner, die Mainzer Uniklinik war die bundesweit erste mit einem Entlastungstarifvertrag. Verdi strebt einen solchen jetzt auch für die Uniklinik Frankfurt an. Haben sich die Frankfurter Kollegen schon nach Ihren Erfahrungen erkundigt?

Im Kreis der Unikliniken sind wir generell in Abstimmung zum Thema „Best Practice“ und anderem.

Und empfehlen Sie einen solchen Weg? Ist das Best Practice?

Man muss einen Entlastungstarifvertrag differenziert sehen und das Instrument vorsichtig einführen, damit es Sinn ergibt. Wir hatten mit Verdi durchaus längere Diskussionen über die Ausgestaltung. Man muss aufpassen, dass man Feuer nicht mit Benzin löscht.

Was ist in diesem Fall das Benzin?

Wenn zu viele Leute auf einmal ihre Entlastungstage nehmen, werden die verbliebenen noch stärker belastet. Dann hat keiner gewonnen. Es liegt ja auch nicht daran, dass Unikliniken oder auch andere Kliniken kein Personal einstellen wollen. Die Budgets sind da. Doch wenn man die Leute nicht bekommt, was wäre dann die Alternative? Die Patienten nicht versorgen? Das wollen wir alle nicht. Deshalb muss man das Instrument dosiert, differenziert und vernünftig einführen.

Wie dosiert die Uniklinik Mainz dies?

Indem wir uns auf eine stufenweise Einführung geeinigt und Evaluationszeitpunkte vereinbart haben, in denen wir uns den Vertrag neu anschauen werden. Und indem wir die Bereiche individuell betrachten – die Stationen sind etwas anderes als die OPs. Da muss man unterscheiden. Wir haben uns auf ein stufenweises Konzept geeinigt, wie viel Urlaub gewährt wird. Eine Organisation muss auch Zeit haben, sich an die Neuerung zu gewöhnen. Es darf nicht übertrieben werden.

Ist inzwischen der Entlastungstarif überall in Mainz eingeführt?

Ja, wir haben ihn relativ schnell breit eingeführt. In fünf bis zehn Prozent der Bereiche hatten wir noch Diskussionen über die konkrete Umsetzung. Inzwischen profitieren rund 2300 Leute in der stationären Pflege und beim Funktionspersonal.

Ist der bürokratische Aufwand gestiegen?

Da muss man tatsächlich aufpassen. Wir haben es so aufgebaut, dass bei den Pflegekräften und OP-Mitarbeitenden kein Aufwand entsteht. Abgeleitet von den Patientenzahlen wird der Freizeitausgleich generiert und gutgeschrieben, die Mitarbeitenden müssen lediglich noch einen Antrag stellen. Wir versprechen uns Erleichterungen durch die neuen Dokumentationsstandards, die derzeit für die Arbeit der Pflegekräfte in Kliniken eingeführt wird. Dadurch wird sicherlich noch mehr Transparenz und Belastungsgerechtigkeit geschaffen werden können. Auch diese neue Form der Dokumentation wollen wir dann automatisiert nutzen.

Zur Person

Christian Elsner ist Arzt und Gesundheitsökonom. Seit dem Jahr 2019 arbeitet er als kaufmännischer Vorstand an der Unimedizin Mainz. Verantwortlich ist Elsner unter anderem für die Ressorts Baumasterplan, IT, Personal, Recht, Finanzen und Technologietransfer.

Die Uniklinik Mainz war im Dezember 2019 die bundesweit erste Klinik, die mit Verdi einen Tarifvertrag abschloss. Mit der Festlegung auf Sollzahlen von Besetzungen in der Pflege, Regelungen für einen Belastungsausgleich und der Zusage für 41 neue Stellen im patientenfernen Bereich.

Die Uniklinik Jena hat eine solche Vereinbarung seit April 2020, die Berliner Charité schloss sie nach 50 Tagen Streik im November 2021 an, in

Düsseldorf einigten sich die

Tarifparteien nach elf Wochen Streik am 20. Juli. jur

Gibt es Vorbilder bei der Dokumentation?

Nein, auch da wollen wir bundesweit eine Vorreiterrolle einnehmen. Das machen wir mit einer erfahrenen Firma, die unter anderem mit Lufthansa Dienstplanungen macht.

Die Uniklinik hat ja nicht unendlich viel Personal. Können die Beschäftigten tatsächlich die zu viel geleistete Arbeit abfeiern?

Man muss darauf achten, dass die Tage nicht am Stück, sondern dosiert genommen werden. Im Gegensatz zum normalen Urlaub verfallen diese Tage bei uns nicht. Wir haben eine Vereinbarung, wie viel man in diesem Jahr nehmen kann. Das wird so organisiert, dass die Verbliebenen nicht überlastet werden.

Was hat sich im Klinikalltag geändert? Müssen Sie auf Leistungen verzichten?

Wir sind mit der Zahl unserer Pflegestellen noch nicht auf dem Niveau, auf dem wir sein wollen. Aber ich glaube schon, dass die Zufriedenheit der Mitarbeiter:innen zugenommen hat. Wir stellen fest, dass die Leute gerne zu uns kommen – wegen des Gesamtkonzerts an Maßnahmen. Wir haben auch einen sehr guten Entgelttarifvertrag. Das führt zu Verbesserungen. Nein, ohne Entlastungstarifvertrag könnten wir nicht mehr Leistung bringen, sondern weniger. Wir haben dadurch mehr neue Mitarbeitende gewinnen können, als wir Tage verloren haben, die zusätzlich freigenommen wurden.

Das klingt nach einem Lernprozess. Bis zur Einigung mit Verdi gab es fünf Tarifrunden, es drohte Streik. Daraus lässt sich folgern, dass Sie anfangs nicht so begeistert von der Idee eines Entlastungstarifs waren. Sind Sie jetzt überzeugt?

Ich würde nicht sagen, dass das Instrument alle Probleme lösen kann. Es ist eines von vielen, das man dosiert und immer wieder evaluierend einsetzen muss. Bei uns in Mainz wird es im Moment mit Augenmaß beider Tarifparteien eingesetzt. Das würde ich auch den Frankfurter Tarifparteien empfehlen. Erwartet haben wir nicht, dass dieser Effekt eintritt, aber gehofft. Sicher waren wir uns nicht.

Die Uniklinik Mainz war Vorreiterin, andere Unikliniken wie Jena, Düsseldorf oder die Charité in Berlin folgten. Müssen mittelfristig alle Kliniken in diese Richtung denken?

Idealerweise gelingt uns mit unserem Konzert an Maßnahmen, dass überhaupt keine Belastungssituationen mehr entstehen. Dann erübrigt sich dieser Mechanismus von selbst. Ich strebe einen Gesamtzustand an, in dem ein solcher Vertrag überflüssig wird. Ziel ist, dass Überlastungen im System überhaupt nicht mehr auftreten.

Wie lässt sich das erreichen?

Wir müssen den Pflegeberuf weiter attraktiver machen. Es ist schon eine ganze Menge gelaufen – es gibt ein deutliches Lohnplus. Aber das ist noch längst nicht genug. Wir in Mainz bieten zusätzlich attraktive Nebenleistungen wie Urlaub und Mobilität. Wir wollen noch mehr in der Richtung machen. Wir wollen den Beschäftigten auch mehr Flexibilität bei den Arbeitszeiten ermöglichen. All das erhält die Freude am Beruf. Der Entlastungstarifvertrag ist eines von vielen Elementen. Nicht die allein heilbringende Lösung, aber er fügt sich gut in unser Konzert an Maßnahmen ein.

Interview: Jutta Rippegather

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