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Tanja Brühl ist Präsidentin der TU Darmstadt und Vorsitzende der Konferenz Hessischer Universitätspräsidien.
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Tanja Brühl ist Präsidentin der TU Darmstadt und Vorsitzende der Konferenz Hessischer Universitätspräsidien.

Wissenschaft

„Die Corona-skeptischen Menschen erreicht man kaum noch“ – Universitätspräsidentin Brühl im Interview

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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Die Präsidentin der TU Darmstadt, Tanja Brühl, spricht im Interview über die Notwendigkeit, Wissenschaft verständlich zu vermitteln und die Unterschiede zur Goethe-Uni in Frankfurt.

  • Die Präsidentin der TU Darmstadt ist der Meinung: Die Fragen der Menschen zum Umgang mit der Corona-Pandemie müssen ernst genommen werden, ihrem Wissenschaftsvertrauen könne man entgegengewirken.
  • Corona zeigt es besonders: Gute Forschung muss gut kommuniziert werden. Hier sieht Tanja Brühl noch Luft nach oben.
  • Die Hochschulpräsidentin mit interdisziplinärem fachlichen Hintergrund äußert sich im Interview auch zu den finanziellen Aussichten hessischer Hochschulen.

Wann war die Wissenschaft so gefragt wie in Corona-Zeiten? Es sind große Herausforderungen, vor denen Tanja Brühl und ihre Kolleginnen und Kollegen von den Universitäten stehen. Nicht nur logistisch. Die Präsidentin der Technischen Universität Darmstadt arbeitet nur jede zweite Woche von ihrem Büro aus – wegen Corona wechseln sich zwei Führungsteams ab. Wir treffen sie zum „Kaffeegespräch“ an ihrem Wohnort Frankfurt – coronagerecht im Freien, mit einer Tasse heißen Tees.

In der Corona-Pandemie steigt die Bedeutung der Wissenschaft

Frau Brühl, nie spielte Wissenschaft eine so große Rolle und gleichzeitig waren die Fragen an die Wissenschaft so bohrend wie in Pandemiezeiten. Wie hat sich die Bedeutung von Wissenschaft geändert?

Die Bedeutung von Wissenschaft hat sich gar nicht geändert, aber die Aufmerksamkeit für sie. Die Gesellschaft nimmt Wissenschaft sehr viel stärker wahr. Das sieht man daran, dass zum Beispiel Virologinnen und Virologen in allen Talkshows sitzen. Ich finde es gut, dass Wissenschaft sich vermehrt einbringt, erklärt und vermittelt – und dass sie stärker versucht, allgemeinverständlich Lösungswege aufzuzeigen.

Wie sollte die Wissenschaft mit dieser neuen Aufmerksamkeit umgehen?

Wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssen es als gute Herausforderung verstehen, unsere Arbeit noch verständlicher zu machen. In den letzten zehn, 15 Jahren hat sich da schon viel verändert. Beispiele sind der Podcast von Christian Drosten und Sandra Ciesek und die Youtube-Videos von Mai Thi Nguyen-Kim auf „MaiLab“, die sogar das Bundesverdienstkreuz erhalten hat. Aber insgesamt ist noch viel Luft nach oben. Wir sollten als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht nur an Fachpublikum denken, sondern auch daran, unsere Erkenntnisse immer wieder zu übersetzen: Woran forsche ich, und warum forsche ich daran, und was ist meine genaue Fragestellung? Man kann auch komplizierte Forschung begreifbar machen.

Universitätspräsidentin Brühl: Menschen mit Zweifeln an Corona muss man ernst nehmen

Selbst die Grundlagenforschung?

Ja, selbstverständlich. Ich führe regelmäßig Gespräche mit Menschen, die wir an unsere Universität berufen möchten. Sie beschäftigen sich in der Regel mit sehr komplexen Themen. Ich frage so lange, bis ich alles verstehe. Die eigene Arbeit zugänglich machen, das muss jeder Wissenschaftler und jede Wissenschaftlerin leisten können. Dem einen fällt das schwerer, der anderen leichter. Deswegen unterstützen wir unsere Forschenden auch unter anderem mit Medientrainings, in denen sie lernen, sich verständlicher auszudrücken.

Mit der erhöhten Aufmerksamkeit ist der Wissenschaft auch eine enorme Skepsis entgegengeschlagen. Sie sehen das von Ihrem Büro an der TU aus, wenn sich die „Querdenken“-Bewegung am Karolinenplatz in Darmstadt versammelt. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie deren Slogans sehen?

Als Wissenschaftlerin kann ich schwer nachvollziehen, wie man von abstrusen Verschwörungsmythen geprägt sein kann. Die wirklich coronaskeptischen Menschen erreicht man kaum noch. Aber mir ist wichtig, dass wir mit denjenigen im engen Kontakt bleiben, die Fragen und Zweifel haben. Das Wissenschaftsbarometer, eine repräsentative Umfrage zu Wissenschaft und Forschung von 2020, hat herausgefunden, dass 60 Prozent der Deutschen der Wissenschaft einen hohen oder sehr hohen Stellenwert zuweisen. In der Mehrheit der Bevölkerung genießt die Wissenschaft also großes bis sehr großes Vertrauen.

„Grundlagenforschung braucht Zeit“ – hilft am Ende aber auch gegen Corona

Wissenschaft gerät in Pandemiezeiten unter Druck, schnell zu arbeiten – bei der Entwicklung eines Impfstoffs, von Medikamenten, bei der Erforschung des Virus. Was macht das mit wissenschaftlicher Forschung?

Spannend ist ja, dass der erste Impfstoff von Biontech und Pfizer auf der Grundlagenforschung aufbaut. Die Wahrnehmung, dass da ganz schnell ein ganz neuer Impfstoff aus dem Nichts entwickelt wurde, trifft nicht zu. Ein Sonderforschungsbereich an der Universität Mainz hat vor mehr als zehn Jahren die Grundlage für den Impfstoff entwickelt. Wissenschaft kann man nicht einfach beschleunigen. Grundlagenforschung braucht Zeit. Aber ich sehe auch eine deutliche Entwicklung: Immer öfter arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über die Grenzen ihrer Fachgebiete zusammen. Diese interdisziplinäre, gemeinsame Forschung finde ich richtig, gut und sehr produktiv.

Auch international?

Forschung braucht die besten Köpfe, daher ist sie per se international. Wir reden jetzt viel über Corona, aber wir dürfen den Klimawandel nicht vergessen. Wir dürfen nicht außer Acht lassen, was mit der Künstlichen Intelligenz alles auf die Gesellschaft zukommt. An allen Stellen brauchen wir wissenschaftliche Erkenntnisse und Ideen, wie wir eine bessere Welt gestalten können. Dazu trägt internationale Kooperation bei. Und die bauen wir an der TU Darmstadt intensiv aus. Dabei hilft uns, dass wir gleich in der ersten Runde eines europaweiten Wettbewerbs als europäische Universität ausgezeichnet wurden.

Die Idee der europäischen Universität geht auf Frankreichs Präsident Emmanuel Macron zurück. Es geht darum, gemeinsam die Qualität von Forschung und Lehre zu erhöhen und den Studierenden die Möglichkeit zu eröffnen, in Europa in einem Rahmen zu studieren, der weit über das Erasmus-Programm hinausgeht. Unserer Allianz, die ,Unite!‘ heißt, gehören sieben Universitäten an. Das bedeutet konkret: Ich bin als Studentin in Darmstadt eingeschrieben, kann aber auch Kurse in Helsinki oder Lissabon besuchen. Oder Studierende in Turin können sich für ihr Projekt zu Künstlicher Intelligenz auch mit Studierenden und Forschenden in Grenoble oder Stockholm austauschen.

Corona treibt die Digitlaisierung auch an den Universitäten voran

Das ist in Zeiten der Digitalisierung einfacher geworden.

Richtig. Dennoch fehlt natürlich auch uns der persönliche Austausch. Der Auftakt zu Unite! war im November 2019, ein weiteres Treffen fand im Februar 2020 statt. Seitdem haben wir uns nur noch per Videokonferenz gesehen. Aber das funktioniert vergleichsweise gut. Es geht auch in diesem Rahmen voran.

Wie sehr erschwert die Pandemie das Studieren, gerade auch für internationale Studierende?

Zur Person

Tanja Brühl amtiert seit 2019 als Präsidentin der Technischen Universität Darmstadt. Zuvor war die 51-jährige Frankfurterin von 2012 bis 2018 Vizepräsidentin für Studium und Lehre an der Goethe-Universität Frankfurt. Seit Oktober 2020 ist die TU-Präsidentin für zwei Jahre Sprecherin der fünf hessischen Universitäten, die sich in der Konferenz Hessischer Universitätspräsidien zusammengeschlossen haben. Als Politikwissenschaftlerin hat Brühl promoviert und in Frankfurt Friedens- und Konfliktforschung gelehrt.

In ihren Studien befasste sie sich aber auch mit Biologie, Philosophie, Jura und Erziehungswissenschaften. Bereits 2008 bekam Brühl den 1822-Preis für exzellente Lehre. Damals war sie noch Juniorprofessorin. Im Jahr 2018 nominierte der damalige SPD-Vorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel die parteilose Professorin. Sie war als Wissenschaftsministerin für den Fall eines SPD-Wahlsiegs in Hessen vorgesehen.

Wir haben viele internationale Studierende aus 95 Ländern, unter anderem aus Iran, aus China, aus Indien. Diese Studierenden leiden, wie alle anderen, in der Pandemie. Ein Teil bekommt gar keine Visa, um hier zu studieren. Die, die kommen können, kommen in Pandemiezeiten schwieriger in Kontakt mit den Studierenden aus Deutschland. Es ist schon eine komplizierte Zeit für den internationalen Austausch.

TU-Präsidentin Brühl zum Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft

Der internationale Austausch hat auch einen Rückschlag erlitten, weil die Briten ausgestiegen sind aus dem Erasmus-Programm. Wie schwer wiegt das?

Das finde ich extrem bedauerlich. Ich hoffe, dass sich auf mittlere Frist daran etwas ändert. Ich kann nicht verstehen, dass sich in diesen Zeiten ein Staat aus einer so erfolgreichen internationalen Kooperation zurückzieht.

Kann die Politik wissenschaftliche Empfehlungen eins zu eins umsetzen und damit auch Verantwortung abgeben?

Nicht eins zu eins. Schließlich hat die Politik verschiedene Ratgeberinnen und Ratgeber, muss zuhören und die Interessen der gesamten Gesellschaft im Blick haben. Die politische Entscheidung liegt in einer anderen Sphäre als der Wissenschaft, und das sollte auch so bleiben.

Universität Frankfurt gegen TU Darmstadt: Wo liegen die größten Unterschiede?

Sie haben selber mal mit dem Gedanken an die Politik gespielt, waren vom SPD-Spitzenkandidaten Thorsten Schäfer-Gümbel als Schatten-Wissenschaftsministerin nominiert. Was hätte Sie daran gereizt?

Ich habe diese überraschende Anfrage als Parteilose bekommen. Mich hat damals gereizt, Wissenschaft mitgestalten zu können und die vielfältige Forschung und Lehre in Hessen noch besser aufzustellen.

Sie waren Vizepräsidentin an der Frankfurter Goethe-Uni, sind jetzt Präsidentin in Darmstadt. Was unterscheidet die beiden Hochschulen?

Sehr viel. Die Goethe-Universität ist eine klassische Volluniversität und die größte Universität Hessens. Sie tickt daher ganz anders als die TU Darmstadt. Wir haben zur Hälfte Ingenieurwissenschaften – Maschinenbau, Elektrotechnik, Bauingenieurwesen, Informatik und so weiter. Damit sind wir von den Themen her und auch von den Kolleginnen und Kollegen ganz anders aufgestellt, stärker lösungsorientiert. Es geht immer darum: Hier ist eine Herausforderung, wie können wir sie angehen und lösen? An der TU Darmstadt haben wir 2020 explizite Strategien zur Forschung und zur Internationalisierung entwickelt. In beiden Feldern haben wir den „TU-Darmstadt-Spirit“ als einen großen Erfolgsfaktor identifiziert. Damit meinen wir eine hohe Kollegialität und ein großes Miteinander über die Disziplingrenzen hinweg. Was die TU Darmstadt auszeichnet, und das habe ich in meiner Zeit an der Goethe-Universität weniger erlebt, ist wirklich interdisziplinär zu arbeiten. Wenn wir uns an der TU Darmstadt zum Beispiel mit der Energiewende beschäftigen, binden wir die Politikwissenschaft genauso ein wie die Elektrotechnik, die Materialwissenschaften und so weiter. Das schätze ich sehr und fördere es weiter.

Verschulung der universitären Lehre: Bologna hat auch positive Seiten

Sie verkörpern die Interdisziplinarität in Ihrem Lebenslauf, der von Biologie bis zu den Gesellschaftswissenschaften reicht. Wie sehr hat Sie das geprägt?

Ich habe Biologie und Gesellschaftswissenschaften studiert, aber auch Veranstaltungen in Philosophie, Jura und Erziehungswissenschaften besucht. Das hat meinen Horizont stark erweitert. Gleichwohl ist es zwischen den Disziplinen schwierig, eine gemeinsame Sprache zu finden. Interdisziplinarität war früher schwieriger als heute – entweder man hat das eine oder das andere studiert. Es ist eine Chance des Bologna-Prozesses, dass wir mehr interdisziplinäre Studiengänge haben. In Frankfurt habe ich einen Studiengang unter anderem mit der TU Darmstadt und der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung aufgebaut. Der Masterstudiengang Internationale Studien / Friedens- und Konfliktforschung beinhaltet neben Politikwissenschaft auch Rechtswissenschaften, Philosophie und Naturwissenschaften. Das wäre zu Diplom- und Magisterzeiten nicht möglich gewesen.

Bologna hat aber einen schlechten Ruf. Der Vorwurf lautet, es sei alles verschult worden und die Studierenden würden weniger Selbstverantwortung lernen. Wie sehen Sie das?

Viele Kolleginnen und Kollegen haben verschulte Studiengänge konzipiert. Das war so nicht zwingend vorgesehen. Das ist eine sehr deutsche Interpretation. Das Positive am Bologna-Prozess ist, dass es mehr Struktur gibt. Früher haben viele Studierende ihr Studium kurz vor dem Abschluss abgebrochen. Dadurch, dass jetzt studienbegleitend viele kleine Prüfungen stattfinden, ist dieser Abbrucheffekt deutlich schwächer.

Zur wackeligen Finanzierung von Hochschulen: Präsidentin Brühl sieht „Gesprächsbedarf“

Sie sind Sprecherin aller Uni-Präsidenten und -Präsidentinnen Hessens. Wofür müssen Sie in den nächsten Jahren streiten?

Wir sind als hessische Universitäten in einem engen Austausch mit der Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Frau Dorn. Wir haben im März 2020 noch den Hochschulpakt unterschrieben, der die inhaltliche Ausrichtung und Finanzierung der Hochschulen für die nächsten fünf Jahre festlegt. Damit gibt es einen groben Rahmen. Jetzt stehen Zielvereinbarungsprozesse an, die das Ganze konkret machen sollen. Dabei geht es zum Beispiel um die Verbesserung der Betreuungsrelation, um erfolgversprechende Forschungsbedingungen und um gute Beschäftigungsverhältnisse. Da haben wir Gesprächsbedarf.

Wenn wir auf der einen Seite bestimmte Mittel nur zeitlich begrenzt bekommen, für ein oder zwei Jahre etwa, und auf der anderen Seite langfristige Beschäftigungsverhältnisse haben wollen, ergibt sich ein Spannungsverhältnis. Das lässt sich ich im Augenblick nicht auflösen. Daher ist das ein Thema, das ich mit der Ministerin in den nächsten Tagen besprechen werde. (Pitt von Bebenburg)

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