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Thule-Seminar: Mit Hitler gegen Geflüchtete

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Von: Joachim F. Tornau

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Justitia mit Waage und Schwert auf dem Frankfurter Römerberg. In Fritzlar stehen drei Mitglieder des „Thule-Netzwerks“ vor Gericht. Foto: Renate Hoyer
Justitia mit Waage und Schwert auf dem Frankfurter Römerberg. In Fritzlar stehen drei Mitglieder des „Thule-Netzwerks“ vor Gericht. Foto: Renate Hoyer © Renate Hoyer

Am Dienstag hat in Fritzlar ein Prozess wegen Volksverhetzung gegen den Vorstand des rechtsextremen Thule-Seminars begonnen. Es geht um einen als jugendgefährdend indizierten Taschenkalender

Staatsanwalt Martin Gerhard scheint größtmögliche Distanz bringen zu wollen zwischen sich und die Sätze, die er vortragen muss. Als er am Dienstag im Fritzlarer Amtsgericht vorliest, was den gesamten Vorstand des rechtsextremen Thule-Seminars auf die Anklagebank gebracht hat, sind die Anführungszeichen der Zitate überdeutlich zu hören. Es fehlte nur noch, dass Gerhard ob des rassistischen und NS-verherrlichenden Schwulsts das R rollte.

Gemeinschaftliche Volksverhetzung legt die Staatsanwaltschaft dem angeklagten Trio zur Last. Pierre Krebs aus Bad Emstal, der mittlerweile 75 Jahre alte Gründer und Vorsitzende des Thule-Seminars, soll gemeinsam mit seinen Vorstandskolleg:innen Gudrun Schwarz aus Bad Wildungen und Burkhart Weecke aus Horn-Bad Meinberg, beide 72 Jahre alt, für die Veröffentlichung eines Taschenkalenders für das Jahr 2016 verantwortlich gewesen sein. „Mars Ultor“ nannte sich das Werk, benannt nach dem rächenden Kriegsgott aus der römischen Mythologie und wegen seines tiefbraunen Inhalts bereits kurz nach Erscheinen als jugendgefährdend indiziert.

Das 1980 gegründete Thule-Seminar, ein eingetragener Verein mit Sitz in Kassel, versteht sich als neurechte Ideenschmiede. Mit pseudophilosophischen Texten, die üblicherweise hart an der Grenze der Verständlichkeit entlangschrammen, bemüht sich Mastermind Pierre Krebs seitdem um eine Modernisierung und Intellektualisierung des Rechtsextremismus. Vorgeblich jedenfalls. Was nun vor Gericht verhandelt wird, ist klassischer Neonazismus.

Staatsanwalt Gerhard trägt es vor: In dem „Taschenbuchplaner der Avantgarde“, wie der Kalender sich hochtrabend nennt, werden Geflüchtete als „tödliche Bedrohung des […] Erbgutes unseres Volkes“ bezeichnet, als „Fremdrassige“, als „Mischmasse niederer Qualität“, als „Massenvernichtungswaffe“ gegen Deutschland. Mitglieder der Bundesregierung werden als „Rassenverächter und Rassenvernichter“ geschmäht, die deutsche Schuld am Zweiten Weltkrieg wird geleugnet und Adolf Hitler zum Märtyrer stilisiert: Hitler habe sich „im Dienste Deutschlands, ja letztlich wohl auch Europas, vollständig aufgerieben“.

Das Amtsgericht im nordhessischen Fritzlar hatte darin ursprünglich allerdings keinerlei Volksverhetzung erkennen können. Corinna Eichler, die zuständige Richterin, wollte die Anklage gar nicht zur Verhandlung zulassen und musste erst vom Kasseler Landgericht als nächsthöherer Instanz dazu gezwungen werden – neben der Corona-Pandemie ein wesentlicher Grund, warum das Verfahren erst so spät vor Gericht kommt.

Jetzt sitzt Eichler endlich den drei rüstigen Rechtsextremen gegenüber und erlebt wie das Publikum, zu dem auch einige wenige jüngere Gefolgsleute des Thule-Seminars gehören, eine Überraschung: Statt ideologische Verteidigungsreden zu halten, präsentieren sich die Angeklagten, obwohl allesamt von bekannten Szeneanwälten vertreten, eher defensiv. Weecke, der in seiner ostwestfälischen Heimat zuletzt durch gute Verbindungen zur AfD auffiel, beteuert ebenso wie Schwarz, mit der Produktion des Kalenders überhaupt nichts zu tun gehabt zu haben.

Und wer habe dann die Idee gehabt? „Ich!“, ruft Pierre Krebs. Er allein habe die Verantwortung, sagt er. Und er zeigt sich sogar bereit, dafür eine Verurteilung zu akzeptieren. Eine verfahrensbeendende Absprache, bei der für seinen Mandanten nicht mehr als eine Geldstrafe von 150 Tagessätzen herauskäme, wäre okay, erklärt Anwalt Wolfram Nahrath.

Auch Staatsanwalt Gerhard kann sich das vorstellen. Zumal er das Führungstrio des Thule-Seminars wohl ohnehin demnächst vor Gericht wiedersehen wird. Es gebe unterdessen eine weitere Anklage, wegen einer anderen Publikation, sagt er.

Ob es zu dem angedachten Deal kommt, soll sich entscheiden, wenn am Mittwoch weiterverhandelt wird. Bis dahin haben die Verfahrensbeteiligten die Hausaufgabe, den gesamten „Mars Ultor 2016“ zu lesen. 448 Seiten voller Hass und Hetze.

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