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Terror von Hanau: Niemand prüfte, ob Ferhat noch lebte

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Von: Pitt von Bebenburg

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Eine Gedenkstelle für die Opfer des rassistisch motivierten Terrors von Hanau. Der Polizei wird vorgeworfen, „die Angehörigen über Stunden hinweg über die Identität der Mordopfer im Unklaren gelassen und ihnen verwehrt zu haben, zu angeordneten Obduktionen gehört zu werden und von den Ermordeten Abschied nehmen zu können“.
Eine Gedenkstelle für die Opfer des rassistisch motivierten Terrors von Hanau. Der Polizei wird vorgeworfen, „die Angehörigen über Stunden hinweg über die Identität der Mordopfer im Unklaren gelassen und ihnen verwehrt zu haben, zu angeordneten Obduktionen gehört zu werden und von den Ermordeten Abschied nehmen zu können“. © Nicolas Armer/dpa

Angehörige der Terroropfer von Hanau prangern in einem Schriftsatz an das Innenministerium Polizei-Versäumnisse an. Beamte sollen mehrmals über den angeschossenen Mann gestiegen sein, ohne seine Atmung zu prüfen.

Die Angehörigen der Opfer von Hanau dringen darauf, dass der Hessische Innenminister Peter Beuth (CDU) Fehler der Polizei beim Vorgehen nach dem Terroranschlag von Hanau einräumt. In einem Schriftsatz ihrer Anwälte Rupert von Plottnitz und Günter Frankenberg werfen sie der Polizei erneut vor, nicht überprüft zu haben, ob der von Kugeln getroffene Ferhat Unvar noch lebte.

Die Anwälte halten der Polizei auch vor, „die Angehörigen über Stunden hinweg über die Identität der Mordopfer im Unklaren gelassen und ihnen verwehrt zu haben, zu angeordneten Obduktionen gehört zu werden und von den Ermordeten Abschied nehmen zu können“. Das geht aus dem jüngsten Schreiben der Anwälte ans Ministerium hervor, das in Kopie an die Staatsanwaltschaft Hanau ging und der Frankfurter Rundschau vorliegt.

Die Juristen haben ein Amtshaftungsverfahren eingeleitet, das bisher nicht vorankommt. Die Staatsanwaltschaft Hanau hatte es abgelehnt, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Die Argumentation der Anklagebehörde überzeugt von Plottnitz und Frankenberg jedoch nicht.

Sie verweisen auf Videoaufzeichungen. Darauf sei zu sehen, wie Polizisten an dem Tatort, einem Kiosk neben der Arena-Bar in Hanau-Kesselstadt, zweimal über den angeschossenen Ferhat Unvar gestiegen seien, ohne sich um ihn zu kümmern, seinen Puls zu fühlen oder seine Atmung zu kontrollieren. Ihnen sei es offenbar darum gegangen, den Tatort abzuschirmen und einen Sichtschutz aufzustellen.

„Wir fragen uns ständig, wie lange Ferhat noch gelebt hat und wie es ihm ging“, sagte die Mutter Serpil Unvar am Freitag im Untersuchungsausschuss des Landtags. Die Staatsanwaltschaft stützte sich auf die Feststellungen eines Arztes, wonach Ferhat „binnen etwa einer Minute nach der Schussabgabe, also um 22.01 Uhr seinen Verletzungen erlegen“ sei.

Die Anwälte machen darauf aufmerksam, dass es widersprüchliche Angaben zum Todeszeitpunkt des 23-jährigen Hanauers gebe. Der Leitende Notarzt habe ihn um 23.21 Uhr als verstorben bezeichnet. In der Sterbeurkunde des Standesamts werde der Todeszeitpunkt mit 3.10 Uhr in der Nacht angegeben.

„Im Ergebnis bleibt festzuhalten, dass im Falle des Tatopfers Ferhat Unvar die polizeiliche Amtspflicht, sich als Erstes über den gesundheitlichen Zustand des zunächst schwer verletzten Opfers zu vergewissern und zeitnah eine Erstversorgung zu ermöglichen, verletzt wurde“, konstatieren die Anwälte von Plottnitz und Frankenberg.

Im zweiten Komplex beklagen sie, dass die Angehörigen die ganze Nacht über nicht informiert worden seien, dass ihre Kinder, Geschwister oder anderen Familienmitglieder unter den Todesopfern waren. Zudem habe sie niemand darüber in Kenntnis gesetzt, dass die Ermordeten obduziert werden würden. Nach Angaben der Angehörigen wurden die Toten vollständig aufgeschnitten und kamen „notdürftig zusammengeflickt“ zum Bestattungsunternehmen, wie es Çetin Gültekin, der Bruder des ermordeten Gökhan Gültekin, am Freitag im Untersuchungsausschuss ausdrückte.

Damit verstießen die Behörden nach Auffassung der Anwälte gegen das „Totenfürsorgerecht der Angehörigen der Ermordeten“. Von Plottnitz und Frankenberg können die Argumentation der Staatsanwaltschaft nicht nachvollziehen, „aus Gründen einer besonderen Eilbedürftigkeit sei es nicht möglich gewesen, die Angehörigen der Mordopfer über die Anordnung der Obduktionen zu informieren, sie zu hören und ihnen Gelegenheit zu geben, sich von den Mordopfern zu verab-schieden“. Eine solche Eilbedürftigkeit hätte es nur geben können, wenn noch nach möglichen weiteren Tätern gesucht worden wäre. Nach dem Auffinden der Leichen des Täters und seiner Mutter in der Täterwohnung am Morgen am Donnerstag, 20. Februar 2020, 3.40 Uhr, habe es dafür aber keinen Grund mehr gegeben.

Außerdem argumentieren die Anwälte, die Obduktionen hätten erst am 20. Februar um 13 Uhr begonnen und sich bis Samstag, 22. Februar, 14.50 Uhr hingezogen. Daher habe es Zeit gegeben, dass sich die Angehörigen von ihren Toten hätten verabschieden können. Dies gelte insbesondere für Ferhat Unvar, bei dem die Obduktion erst am Samstag um 9.30 Uhr begonnen habe.

Es sind nur zwei der Punkte, die die Angehörigen der Polizei vorwerfen. Zu den gravierenden Anschuldigungen gehört der Umstand, dass der Notruf der Hanauer Polizei in jener Nacht nicht richtig funktionierte und dass ein Notausgang am Tatort Arena-Bar verschlossen war. Nach Einschätzung der Hinterbliebenen hätten mehrere der neun getöteten Menschen gerettet werden können, wenn es diese Missstände nicht gegeben hätte.

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