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Tattoos bleiben trotz aller Krisen im Trend

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Bora Inci ist Inhaber des Studios MyStory Tattoos in Frankfurt.
Bora Inci ist Inhaber des Studios MyStory Tattoos in Frankfurt. © Monika Müller

Farbe unter Haut ist auch in Hessen so beliebt wie nie. Ein internationaler Feiertag schafft Aufmerksamkeit für das Tätowieren. Von Tabea Berger.

Es summt und brummt, wenn die Tattoo-Maschine angeschaltet wird. Mit bis zu 120 Stichen pro Sekunde verewigen Künstler:innen Farbe auf der Haut der Kundinnen und Kunden. Ein Trend, der stetig zunimmt.

Etwa jeder Fünfte in Deutschland hat laut einer Studie der Uni Leipzig mindestens ein Tattoo - Tendenz steigend. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre hat sich die Anzahl an Tätowierten laut Umfragen zufolge mehr als verdoppelt. Doch das Geschäft mit der Körperkunst litt in den vergangenen zwei Jahren sehr. Zum einen wegen der Corona-Pandemie. „Das war sehr hart für uns, vor etwa zwölf Monaten stand ich kurz vor der Insolvenz“, erzählt Bora Inci, Inhaber von MyStory Tattoos im Frankfurter Ostend. Die Unsicherheit sei während der Pandemie ein großes Problem gewesen. „Wir wussten einfach nicht, wie es weitergehen soll“, erinnert sich der 40-Jährige. Über sechs Monate war es nicht möglich zu tätowieren, während sich die laufenden Kosten ansammelten. Für viele seiner Kollegen bedeutete dies das wirtschaftliche Aus.

Aber Inci will sich nicht beschweren, denn diese Krise ist zumindest vorerst überstanden. Die Nachfrage war im vergangenen Sommer nach dem Lockdown sehr groß. „Wir haben teilweise mit doppelt so vielen Tätowierern gearbeitet als im Normalzustand“, berichtet er. Neben den festangestellten Tätowierer:innen kooperiert er noch mit internationalen Künstler:innen. Diese arbeiten dann mehrfach jeweils für einige Wochen im Tattoo-Studio. Durch die temporäre Mehrarbeit konnte ein Teil der Corona-Folgen abgefedert werden. Größere Investitionen, wie die Eröffnung eines weiteren Ladens in Wiesbaden, wurden im ersten Pandemiejahr ausgesetzt. Im August des vergangenen Jahres hat er das nachgeholt.

„Ich weiß nicht, wie es im Herbst wieder wird, aber ich bin optimistisch. Sonst macht das Leben auch keinen Spaß“, sagt er lachend. Zu bedenken sei allerdings, dass die Hauptsaison für Tätowierer:innen in den kalten Jahreszeiten liege. Frisch gestochene Tattoos sind besonders anfällig und empfindlich gegenüber Sonnenstrahlen. Schwimmbad, Solarium und Sauna sind in den ersten Wochen tabu. „Wir leben ja eher vom Herbst und Winter, das verträgt sich leider nicht so gut mit dem pandemischen Geschehen“, erläutert Inci.

Aber nicht nur Corona stellt die Tätowierer:innen vor eine Herausforderung. Auch eine neue EU-Verordnung bezüglich der bisher verwendeten Farben führt zu Problemen. Seit 2015 beschäftigte sich die Europäischer Chemikalienagentur (Echa) mit den Gesundheitsrisiken von Chemikalien in Tattoo-Farben und Permanent-Make-up. Mehrere Ausschüsse kamen zu dem Ergebnis, dass „Krebsrisiken und andere negative Auswirkungen auf die Gesundheit nicht ausgeschlossen werden können“, bewiesen wurden sie jedoch auch nicht.

Interationaler Tattoo-Tag

Am 21. März ist der internationale Tattoo-Tag. Die Initiatoren sind in der Schweiz ansässig und wollen mit dem Tag ein Zeichen für Freiheit und Toleranz setzen. Tattoos seien lange Zeit gesellschaftlich geächtet worden und es seien solche Initiativen erforderlich, um Akzeptanz für die Körperkunst zu schaffen. Zu den Unterstützer:innen zählen szenebekannte Tätowierer:innen und Studios aus der ganzen Welt.

Seit dem 4. Januar dieses Jahres sind laut einer neuen EU-Verordnung über 4000 potenziell gefährliche Substanzen wie Konservierungsmittel und Pigmente verboten. Sie wurden insbesondere in Tattoo-Farben und Permanent-Make-Up verwendet. Ihre gesundheitlichen Auswirkungen sind jedoch nicht eindeutig bewiesen.

Auch Verbraucherzentralen weisen auf mögliche Nebenwirkungen einer Tätowierung hin. Grundsätzlich liege noch keine eindeutige, wissenschaftliche Erforschung der Langzeitfolgen von Tätowierungen vor. Es wurden aber Tattoo-Farben in Lymphknoten und in der Leber nachgewiesen. prtb

„Es steht ja nicht fest, ob die verwendeten Stoffe tatsächlich gesundheitsschädlich sind, wir verwenden sie ja schon seit Jahrzehnten und es konnte in keinen Studien ein Zusammenhang festgestellt werden“, sagt Inci. Dennoch stimmten die EU-Mitgliedsstaaten und die EU-Kommission 2020 einem Vorschlag der Echa zu, bestimmte Substanzen zu verbieten. 4000 an der Zahl. Die beschlossene Verordnung trägt den Namen Reach (englische Abkürzung für Registrierung, Bewertung und Zulassung von Chemikalien). Sie gilt seit dem 4. Januar. „Das kam jetzt nicht überraschend. Wir hatten über zwei Jahre Zeit uns darauf einzustellen und damit abzufinden“, sagt Inci.

Auch Heiko Steinbach von Unik- Arts Ink & Metal aus Frankfurt bestätigt das. Dennoch hätten er und seine Kolleg:innen gehofft, dass die Entscheidung noch mal gekippt werde. Es gab massenhaft Petitionen und Einwände von verschiedenen Seiten. Berufsverbände, Farbenhersteller und Verbraucherschutzorganisationen kritisierten die Entscheidung. Farblieferanten versuchten, in eigenen Studien die tatsächlichen Gesundheitsrisiken der Stoffe herauszufinden. Eindeutige und vor allem langfristige Ergebnisse wurden jedoch auch hierbei nicht festgestellt. Also arbeiten die Farbproduzenten nun an Alternativen ohne die umstrittenen Konservierungsstoffe und Pigmente.

Für Schwarz, Weiß, Grautöne und einige Farben gibt es bereits Reach-konforme Alternativen. Doch die Pigmente „Blau 15:3“ und „Grün 7“ stellen eine besondere Herausforderung dar, da es derzeit noch keinen ausreichenden Ersatz gibt und sie in vielen der gängigen Töne enthalten sind. Dieses Problem ist auch der EU bekannt. Deswegen wurde hierfür eine Ausnahmeregelung geschaffen. Die beiden Pigmente dürfen noch bis zum kommenden Jahr verwendet werden. Dadurch soll den Herstellern mehr Zeit zur Farbinnovation gegeben werden. Ob dieser Plan aufgeht, ist der derzeit noch unklar.

„Es gibt schon Hersteller, die Farben anbieten, die den aktuellen Regeln entsprechen. Die sind allerdings dreifach so teuer wie vorher und heiß begehrt“, berichtet Inci. Auch Steinbach steht im Kontakt zu Herstellern, die Reach-konforme Farben herstellen, er will jedoch noch abwarten, ob sie sich bewähren. „Bis dahin arbeite ich im Voraus und steche von den geplanten Tattoos erst einmal die Schwarzanteile. Sobald Farben dann länger ausprobiert wurden und von der Farbpracht wie die alten sind, will ich die Farbe nachträglich hinzufügen“, sagt er. In seinem Studio herrscht eine rege Nachfrage für bunte Tattoos. Rund die Hälfte aller Kunstwerke werde mit verschiedenen Farben gestochen.

Doch im Trend liegen im Moment eher sogenannte Finelines. Hierbei handelt es sich um minimalistische, filigrane Tattoos, die mit sehr dünnen Nadeln gestochen werden. Außerdem sind „Realistic Tattoos“ begehrt. Diese werden möglichst realitätsgetreu gestochen, so dass sie dreidimensional wirken. Da Trends im Gegensatz zur Farbe unter der Haut vergänglich sind, rät Steinbach hiervon eher ab. Die Erfahrung zeige aber, dass die meisten Tattoos ohnehin wegen persönlicher Gründen gestochen würden. So ist es auch bei einer 24-jährigen Frankfurterin. Sie lässt sich im MyStory Tattooshop gemeinsam mit ihrer Schwester nach längerer Bedenkzeit ein Fineline-Tattoo seitlich auf den Brustkorb tätowieren. „Ich finde Tattoos natürlich ästhetisch, aber es hat für uns eine emotionale Bedeutung“, erzählt sie. Sie hätten eine Weile gebraucht, bis sie und ihre Schwester sich auf ein Symbol hätten einigen können. „Ich finde es gut, dass sich die Gesellschaft in Bezug auf Tattoos so langsam wandelt. Sie haben besonders bei Jüngeren kein negatives Image mehr“, meint sie. Ihren Eltern sagen die Schwestern dennoch vorerst nichts von ihren Körperkunstwerken, die seien da einfach noch konservativer eingestellt. Diesen Eindruck haben auch die Tätowierer. „Es kommen nahezu alle Generationen zum Tätowieren, wir haben sogar eine Frau über 80“, erzählt Inci. Dennoch spiele sich das Hauptgeschäft bei Leuten zwischen 18 und etwa 60 Jahren ab.

Unabhängig von Alter und Geschlecht komme es beim Tätowieren neben der Hygiene vor allem darauf an, dass die Chemie zwischen Künstler:in und Kunden und Kundinnen stimme. „Die Sympathie und das Bauchgefühl füreinander muss einfach passen“, sagt Steinbach. Wenn sie passt, kann die Tattoo-Maschine anfangen zu summen und zu brummen.

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