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Skandale in Hessen: „Die Pickel der Politik“

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Von: Pitt von Bebenburg

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Stadtführer Christian Setzepfandt kennt sich mit Rosemarie Nitribitt bestens aus. Foto: FR
Der Frankfurter Stadtführer Christian Setzepfandt kennt sich mit Rosemarie Nitribitt bestens aus. © FR

Ein Band zeigt, was Skandale ausmacht: Sex, Macht, Geld und Moralvorstellungen. Autorinnen und Autoren sind den Skandalen in Hessen nachgegangen

Natürlich darf Rosemarie Nitribitt nicht fehlen in einem Buch über hessische Skandale. Der Mord an der Frankfurter Prostituierten, die „Zugang zur Hautevolee des Wirtschaftswunders“ hatte, ist schon 65 Jahre her, aber bis heute ein Begriff. Aber was macht einen Skandal zum Skandal? Welche Skandalisierung ist erfolgreich?

Die Kunstfigur Rosemarie

Die Moralvorstellungen der Zeit spielen eine wichtige Rolle. Notwendig sind auch eine bereitwillige Öffentlichkeit für den jeweiligen Vorgang und Veröffentlichungen, die den Skandal vervollständigen. Nicht immer muss dabei der Skandal der Realität gerecht werden. „Wenn die Wahrheit schon im Dunklen liegt, behilft sich die Medienindustrie mit der Kunstfigur, dem Mädchen Rosemarie, nicht dem Menschen, aber dieser Unterschied spielt keine große Rolle“, schreibt der Journalist Christian Steiger, der den Fall aus dem Jahr 1957 für das Buch „Hessische Skandale“ aufgearbeitet hat.

Das Búch

A. Jehn, A. Hedwig, R. Pons: Hessische Skandale. Waldemar Kramer Verlag, 224 S., 24 Euro

Der Band zeigt die ganze Vielfalt, von politischen Skandalen bis zu Kunstskandalen, vom Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche bis zu den großen Korruptionsskandalen der Bundesrepublik. Zugleich lotet er quer durch die Jahrhunderte und Themen aus, welche gemeinsamen Strukturen sich bei Skandalen wiederfinden.

Kombination aus Sex und Macht

Dabei scheint die Kombination aus Sex und Macht seit Jahrhunderten unverändert zu verfangen. Das beginnt nicht erst bei Landgraf Philipp von Hessen im 16. Jahrhundert, dessen Doppel-ehe massive politische Folgen hatte, und es hört nicht auf bei den kurfürstlichen Mätressen im Kassel des beginnenden 19. Jahrhunderts, die als „gemeines Weib, feile Dirne, Berliner Vettel, satanische Gräfin, Natter, Lindwurm, Hydra“ geschmäht wurden, wie der Archivar Karl Murk zeitgenössische Schmähzettel zitiert. Der Fall Nitribitt hat also gewissermaßen eine Tradition. Für die hessischen Archivare Andreas Hedwig, den Präsidenten des Hessischen Landesarchivs, und Rouven Pons, Abteilungsleiter im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt, geht es weniger darum, „den Skandal als weithin wahrgenommenes, sensationelles oder gar verruchtes Ereignis in den Vordergrund zu rücken, sondern die Mechanismen seiner Entstehung und Verbreitung sowie seine Folgeerscheinungen in den Fokus zu nehmen“.

Hedwig und Pons haben den Band gemeinsam mit Alexander Jehn herausgegeben, dem Direktor der Landeszentrale für politische Bildung in Hessen. Ursprünglich war im Herbst 2020 eine wissenschaftliche Tagung unter dem Titel „Hessische Skandale“ im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wiesbaden geplant. Die Corona-Pandemie machte diesem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung. Stattdessen gibt es nun die Publikation, die mit ihrem historischen Blick neue Perspektiven eröffnet.

„Hessische Landespolitik bereichert“

Jehn schreibt: „Skandale sind die ‚Pickel der Politik‘: Gerne würde man sie ausdrücken oder überschminken, aber sie kommen immer wieder durch“. Und auch wenn die hessische Geschichte wie ein Abgrund an Skandalen wirken kann, vom Helaba-Skandal über den Schwarzgeldskandal der CDU bis zu den Verfassungsschutzskandalen rund um rechten Terror – Jehns Fazit fällt durchaus versöhnlich aus: Die Skandale und Affären in der hessischen Geschichte nach 1945 hätten „die hessische Landespolitik bereichert und gleichermaßen aufgemischt“. Die Landespolitik stehe auf einem „soliden Fundament“, urteilt er, weil die Demokratie die hessischen Skandale und Affären „ausgehalten und aufgearbeitet“ habe.

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