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Kloster Lorsch an der Bergstraße wurde vor 30 Jahren Hessens erstes Welterbe.
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Kloster Lorsch an der Bergstraße wurde vor 30 Jahren Hessens erstes Welterbe.

Unesco

Sensationsfunde in Kloster Lorsch sind nun zu sehen

  • Peter Hanack
    VonPeter Hanack
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Vor 30 Jahren wurde das altehrwürdige Kloster Lorsch Unesco-Welterbe - doch immer wieder gibt es hier noch Überraschungen.

Es klingt nach einer schier unglaublichen Geschichte. Ein Loch, 1,80 Meter im Durchmesser, auf dem Gelände des Klosters Lorsch. Es ist ein alter Brunnen, der zugeschüttet werden soll, um die umliegende, zum Weltkulturerbe der Unesco zählende Bausubstanz zu sichern. Hermann Schefers, damals wie heute Leiter der Welterbestätte, beschließt, vorher noch einmal einen Blick in das dunkle, rund zehn Meter tiefe Rund zu werfen.

Allerdings ist es nicht er selbst, der in die vertikale, enge und feuchte Röhre hinabsteigt – sondern Katarina Papajanni, die Baudenkmalpflegerin der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen. „Denn Frau Papajanni“, sagt Schefers heute, „die findet immer etwas, auch wo eigentlich gar nichts zu finden ist.“

Die Feuerwehr hilft beim Erkunden

Aber in dem Brunnen ist etwas zu finden. „Herr Schefers hatte die Feuerwehr engagiert, die haben mich an einem Seil hinuntergelassen“, berichtet die Denkmalpflegerin. Die Brunnenwand ist bewachsen, das Licht schwach, die Luft schlecht. Doch Papajanni sieht, was kaum zu sehen ist: Der Brunnenschacht ist nicht aus gewöhnlichen Steinen gemauert. Hier wurden zahlreiche Fragmente verbaut, die einmal zur Klosterkirche gehörten. Darunter Reliefs der ehemaligen Chorschranken. Und – das ist die noch größere Sensation – sogar zwei lebensgroße Figuren, ein Dekan und ein Atzmann: eine aus zahlreichen Kirchen bekannte Pultträgerfigur, wie sie aus Lorsch bis dahin nicht überliefert war.

Seit 30 Jahren ist das Kloster nun Welterbestätte, damals war es die erste in Hessen. Aus diesem Anlass gibt es zahlreiche Vorträge, am 13. Dezember, dem Tag der Aufnahme in die Unesco-Welterbeliste, dann einen Festakt mit zahlreicher Prominenz samt Podiumsdiskussion. Highlight des Jubiläumsjahres aber ist die von der Frankfurter Agentur „Exposition“ unter der Leitung von Sabine Gutjahr gestaltete Ausstellung in der Zehntscheune des Kloster: Dort sind sie nun für alle Interessierten zu sehen: die Fundstücke aus dem Brunnen, der einst zugeschüttet werden sollte und sich als Quell zahlreicher Geschichten zur bewegten Historie des Klosters erwiesen hat.

Die Welterbestätten

In Hessen gibt es sieben Welterbestätten (in Klammern das Jahr der Aufnahme in die Unesco-Liste): das Kloster Lorsch (1991), die Grube Messel als erstes Weltnaturerbe Deutschlands (1995), das Obere Mittelrheintal (2002), der Limes (2005), der Kellerwald am Edersee (2011), der Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel (2013) und die Mathildenhöhe Darmstadt (2021).

Bundesweit sind aktuell 48 Welterbestätten in die Unesco-Liste eingetragen. Deutschland kann jedes Jahr eine Stätte bei der Unesco nominieren. Über eine Aufnahme in die Welterbestätten-Liste entscheidet das Welterbezentrum der Unesco in Paris.

Die Unesco ist die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Insgesamt umfasst die Welterbestätten-Liste der Unesco 1154 Stätten in 167 Ländern (Stand Juli 2021).

Am Kloster Lorsch gibt es ein Museumszentrum, das ganzjährig geöffnet ist. Das Gelände des ehemaligen Klostern ist frei zugänglich und kann kostenlos besichtigt werden. Außerdem gibt es ein Freilichtmuseum.

Die Sonderausstellung „Geschichte schöpfen – Quellen aus einem Brunnen“ wird bis 30. Oktober 2022 gezeigt. pgh

Alle Infos : Kloster-Lorsch.de

In der langgestreckten Zehntscheune sind die von Karen Keller und Katarina Papajanni in jahrelanger Arbeit restaurierten Relikte einer jahrhundertelangen Klostergeschichte in ein seltsam heimelig anmutendes Licht getaucht. Die beiden Figuren – der Diakon und der Atzmann – wurden aus ihren Bruchstücken zusammengesetzt und werden von eisernen Stangen gehalten.

Lebensgroße Abbildungen ähnlicher Figuren aus anderen Orten reihen sie in eine lange Historie ein. Immer wieder wird die eigentümliche Auffindsituation in Fotografien dokumentiert – die profane Verwendung als Baumaterial kontrastiert mehr als deutlich mit der kunstvollen Ausarbeitung der steinernen Kirchenfragmente.

Übles Wüten in der Kirche

Es muss ein übles Wüten gewesen sein, damals zu Mitte des 18. Jahrhunderts, als die Klostermauern und -gebäude für den Abriss freigegeben worden waren. Das Klosterleben war längst erloschen, da machten sich die Menschen der näheren und weiteren Umgebung daran, aus dem alten Gemäuer Neues zu errichten – Häuser, Gartenmauern oder eben auch den Brunnen.

Als das einfach zu verwendende Steinmaterial aus Mauern und Wänden dem Ende zuging, müssen einige auf die Idee gekommen sein, auch die kunstvollen Reliefs und sogar die aufwendig aus Stein gehauenen Figuren ganz (unter-)irdischen Zwecken zuzuführen. Sie zerschlugen die bis dahin intakten Menschendarstellungen und machten die Brocken für den Brunnenschachtbau passend. Ein Vorgehen, das Welterbestätten-Leiter Scherfes noch immer ungläubig den Kopf schütteln lässt.

Und der Brunnen birgt noch mehr Geheimnisse. Ganz unten, knapp über dem Wasserspiegel, befindet sich eine Nische, die von zwei großen Stützen in der Brunnenwand gebildet wird. Eine davon hat eine Einkerbung. Was hier als steinerne Befestigung dient, war einst ein Altar. Und die Kerbe, die darin zu erkennen ist, war einst der Ort, an dem die Reliquie ihren Platz hatte. Diese Altartafel wird wohl für immer am Grunde des Brunnens bleiben. Sie zu bergen, das wäre einfach zu schwierig.

Siehe dazu das Interview: „Natürlich ist das ein Prestigegewinn“

Ein alter Brunnen barg erstaunliche Funde - Ausstattungsreste der zerstörten KLosterkirche.
In diesem Brunnen, zehn Meter tief, wurden die Fragmente der Klosterkirche verbaut.
Der Atzmann: eine lebensgroße Steinfigur, die ein Pult trägt.

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