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Die Gymnasiasten auf dem Riedberg in Frankfurt haben den Humor bewahrt. Zumindest wirkt das Plakat zum richtigen Tragen von Mund-Nasen-Schutz so.

Bildung

Schulstart mit Sorgenfalten

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
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Zweifel an der Umsetzbarkeit der Maskenpflicht und Kritik am Ausbau der digitalen Infrastruktur begleiten den Beginn der neuen Schuljahrs.

Harsche Kritik von Lehrerverbänden, Eltern und der Opposition begleitet den Schulstart am heutigen Montag. Kultusminister Alexander Lorz (CDU) rät Eltern und Schülern derweil zu Gelassenheit.

Christoph Degen, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, wirft Lorz vor, die Covid-19-Pandemie zu instrumentalisieren, um vom „schulpolitischen Versagen der schwarz-grünen Landesregierung“ abzulenken. Corona sei nicht schuld an dem seit Jahren bestehenden Lehrermangel, das Virus verschärfe die Situation lediglich.

Lorz hatte am Freitag in der Presseekonferenz zum Schulstart gesagt, ohne Corona könne man entspannt ins nächste Schuljahr gehen. Er rechne allerdings damit, dass etwa sechs Prozent der Lehrkräfte nicht für den Präsenzunterricht zur Verfügung ständen, weil sie einer Risikogruppe angehörten. Sie sollten durch Vertretungskräfte ersetzt werden. Nach Einschätzung von Degen aber ist die Unterrichtsgrundversorgung mit gut ausgebildeten Kräften schon lange nicht mehr gewährleistet. Schon jetzt hätten fast 4000 Lehrkräfte keine ausreichende Qualifikation.

Elisabeth Kula von der Linken monierte, die Bildungschancen seien in Hessen bereits heute sehr ungleich verteilt. Die Pandemie verstärke diese Situation. Deshalb müsse dafür gesorgt werden, dass benachteiligte Schülerinnen und Schüler individuell gefördert würden. Dazu gehöre, dass sie den in den vergangenen Monaten versäumten Stoff nachholen könnten und Gelegenheit erhielten, sich sportlich und musikalisch zu betätigen. Dafür sei es unter anderem nötig, Personal einzustellen, das den Kontakt zwischen Schule und den Familien verbessern helfe.

55 600 Erstklässler

Am heutigen Montag beginnt der Unterricht in Hessen für rund 760 000 Schülerinnen und Schüler sowie 60 000 Lehrkräfte. Darunter sind auch 55 600 Kinder, die in dieser Woche eingeschult werden, das sind rund 600 mehr als im vergangenen Jahr.

Lorz rät Erstklässlern und deren Eltern trotz Corona zur Gelassenheit. „Wenn die Eltern die Ruhe nicht bewahren, überträgt sich das auch auf die Kinder“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Kinder müssten schon am ersten Tag ein Gefühl vermittelt bekommen, dass Schule etwas Schönes sei.

Nicht nur die Einschulungsfeiern dürften in diesem Jahr anders verlaufen als üblich, auch der Unterricht selbst steht im Zeichen der Pandemie. So müssen auf dem Schulgelände Masken getragen werden, im Unterricht selbst allerdings nicht. Schulen dürfen davon abweichen und eine Maskenpflicht in den Klassenräumen verordnen oder den Verzicht auf das Maskentragen beispielsweise auf dem Pausenhof erlauben. „Die Maskenpflicht ist ein netter Plan, aber das wird in der Praxis nicht funktionieren“, sagt dazu Stefan Stein, Vertreter der Grundschulen im Landeselternbeirat. „Bei den Kleinen ist es schwer mit der Disziplin, die wollen spielen und fassen sich an.“

Den regulären Schulstart, auch für Erstklässler, befürwortet Stein aber. Dass die Schule wieder regelmäßig stattfinde, sei längst überfällig. „Sonst laufen wir Gefahr, dass wir nachhaltigen Schaden verursachen. Das wäre dann ein Schaden für eine ganze Generation.“

„Die Elternschaft ist tief gespalten“, sagte dazu der Vorsitzende des Landeselternbeirats, Korhan Ekinci. Es gebe viele Eltern, die sich freuten, dass die Schule wieder losgehe. Auf der anderen Seite gebe es Eltern, die ganz große Bauchschmerzen bei der Schulöffnung hätten. „Sie können sich nicht vorstellen, dass die Kinder dort wirklich ungefährdet sein werden.“

Die Landesschülervertretung Hessen ist dennoch froh, dass das Schuljahr regulär beginnt. Geschlossene Schulen und improvisierter Onlineunterricht seien für viele Schüler ein großer Nachteil gewesen.

Kein Plan B

Lehrervertreter werfen der Landesregierung vor, die Sommerferien nicht ausreichend für die Vorbereitung auf den Schulstart genutzt zu haben. So fehle ein Stufenplan, wie ihn beispielsweise Bayern habe, mit festen Regeln dafür, was bei steigenden Infektionszahlen zu geschehen habe. Zudem liege man beim Ausbau der digitalen Infrastruktur weit zurück. Es gebe keinen „Plan B“, wie unterrichtet werden solle, wenn Schulen wieder geschlossen werden müssten.

Zweifel gibt es etwa daran, ob das Schulportal des Landes als Lern- und Kommunikationsplattform ausreiche. Auch in den Schulen fehle häufig WLAN. Zudem hätten noch immer nicht alle Schülerinnen und Schüler die nötigen Endgeräte und Zugang zum Internet. (mit dpa)

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