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Stefan Wesselmann leitet die Trinkbornschule im südhessischen Rödermark. Ans Aufhören habe er keinen einzigen Tag gedacht, sagt er.
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Stefan Wesselmann leitet die Trinkbornschule im südhessischen Rödermark. Ans Aufhören habe er keinen einzigen Tag gedacht, sagt er.

Corona-Stress an der Schule

Schulleiter aus Hessen: „Meinen Beruf kann ich nicht empfehlen“

  • Peter Hanack
    VonPeter Hanack
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Stefan Wesselmann leitet eine große Grundschule in Südhessen. Im FR-Interview spricht er über die Belastung durch Corona, erboste Eltern, böse Anwaltspost und darüber, was sich an Schule dringend ändern muss

Stefan Wesselmann spricht am Autotelefon, als er das Interview gibt. Er ist auf dem Weg zur Sitzung des Hauptpersonalrats der Lehrerinnen und Lehrer beim hessischen Kultusministerium. Dort engagiert sich der 47-Jährige ebenso wie als Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Hessen, ein Ehrenamt, das er seit 2013 inne hat. Er leitet seit 2017 die Trinkbornschule im südhessischen Rödermark, eine der großen Grundschulen in Hessen. Zuvor war er seit 2003 in gleicher Funktion an der Käthe-Paulus-Grundschule in Mainhausen tätig.

Herr Wesselmann, würden Sie Ihren Beruf anderen empfehlen?

Das kann ich derzeit nicht. Dafür sind die Bedingungen einfach zu schlecht.

Würden Sie sogar davon abraten, Schulleiter zu werden?

Man sollte es sich auf jeden Fall sehr genau ansehen und prüfen, ob es das ist, was man wirklich tun will. Die meisten sind ja einst Lehrerin oder Lehrer geworden, weil es ihnen um die Pädagogik geht. Ich wollte jedenfalls nicht Verwaltungsbeamter werden und Sachbearbeiter und Listeneinschicker und Statistikbeantworter.

Ein Stück weit haben Sie damit schon die nächste Frage beantwortet. Auf was lässt man sich denn ein?

Man wird ständig in die Verantwortung genommen für Dinge, für die man nichts kann. Ob das zu wenige Betreuungsplätze sind, weil der Schulträger nicht mehr bieten kann, oder die Corona-Maßnahmen, die man vertreten muss, obwohl man sie nicht erfunden hat. Es sind einfach immer mehr Aufgaben, die auf Schule delegiert werden.

Wie geht es Ihnen als Schulleiter mit Corona?

Seit März vergangenen Jahres müssen wir auf sich ständig ändernde Vorgaben der Politik reagieren. Wir haben am Wochenende oder den Ferien an Planungsszenarien für Schichtunterricht, Wechselunterricht, Distanzlernen und so weiter gesessen und das alles mit Hygienekonzepten hinterlegt. Die Schulleitung musste ständig erreichbar sein für die Schulverwaltung, dazu kamen dann die Feriencamps, die aus dem Boden zu stampfen waren. Abschalten ging nicht, bis dahin, dass die private Handynummer ans Gesundheitsamt gegeben wurde, damit man auch da immer erreichbar war. Zum Glück ist das nun etwas weniger geworden dadurch, dass Schule etwas regelmäßiger läuft.

Schulleiter-Umfrage

Stefan Wesselmann (47) ist seit 2013 Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung Hessen. Seit 2017 leitet er die Trinkbornschule in Rödermark (Landkreis Offenbach), eine der größten Grundschulen in Hessen. Wesselmann ist Lehrer für Deutsch, Mathematik und kathoische Religion. Er ist verheiratet und hat zwei schulpflichtige Töchter.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) hat Schulleitungsmitglieder nach der Zufriedenheit mit ihrem Beruf gefragt. Jedes vierte Schulleitungsmitglied gibt demnach an, den eigenen Beruf „wahrscheinlich nicht“ weiterzuempfehlen, zehn Prozent sagen sogar, sie würden dies „auf keinen Fall“ tun. 80 Prozent beklagen, dass die Kultusministerien der Länder bei ihren Entscheidungen den tatsächlichen Schulalltag nicht wirklich im Blick hätten. Vor allem jüngere Schulleiter:innen zeigen sich frustriert.

Die Umfrage unter Schulleitungen ist zu finden auf www.vbe.de pgh

Wie bewältigen Sie die Aufgaben?

Natürlich ist das belastend, aber es ist auch klar, dass das eben zu machen war. Hinzu kommt aber auch, dass ich erboste Eltern vor mir stehen habe, die unzufrieden sind, oder Anwaltsschreiben bekomme, die Anzeigen androhen, wenn Kinder seelisch oder körperlich zu Schaden kämen, weil sie Masken tragen mussten. Das sind manchmal 18 oder 20 Seiten. Es scheint, als hätten sich manche Kanzleien darauf spezialisiert, solche Schriftsätze für Mandanten aus der „Querdenker“-Szene an Schulen zu verschicken. Oder es kommen Mails mit seitenweisen Fragen und Drohungen, man werde irgendwann zur Verantwortung gezogen. Damit muss ich mich dann auch noch auseinandersetzen, wenn ich es nicht gleich lösche oder in den Reißwolf werfe.

Haben Sie so ein dickes Fell, dass es Ihnen egal ist?

Nein, egal ist es mir nicht, aber ich lasse es nicht so nah an mich ran. Ich lese nicht alles, was da kommt. Den Mut sollte man einfach haben, gewisse Dinge auch einfach mal zu ignorieren. Ich denke, meine jahrzehntelange Erfahrung als Schulleiter hilft mir dabei. Wenn ich mit Kollegen rede, höre ich, dass gerade Jüngere damit mehr Schwierigkeiten haben.

Haben Sie mal drüber nachgedacht, die Funktion aufzugeben?

Nein, nicht einen Tag. Es ist herausfordernd, aber ich mache es dennoch immer noch gerne. Und auch Corona ist ja irgendwann hoffentlich mal vorbei. Ich habe ein tolles Schulleitungsteam, das hilft vieles auszuhalten, was da über einem ausgekippt wird.

Welche drei Dinge müssten sich vor allem ändern, damit Sie den Beruf des Schulleiters wieder empfehlen würden?

Schule muss dringend entbürokratisiert werden, die Schulleitung von Verwaltungsaufgaben entlastet. Und es muss mehr Leitungszeit geben, mehr zeitliche Ressource zum Gestalten, statt nur verwalten. Und der Kultusminister sollte Eltern nichts mehr versprechen, was Schule nicht erfüllen kann.

Interview: Peter Hanack

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