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Schafzucht in Schwierigkeiten

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Von: Olaf Velte

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Merinoschafe in ihrem Stall im Taunus. Foto: Renate Hoyer
Merinoschafe in ihrem Stall im Taunus. Foto: Renate Hoyer © Renate Hoyer

Die hessischen Schäferbetriebe feiern Jubiläum, stehen aber vor einer ungewissen Zukunft

Es wird eine Jubiläumsfeier mit bitterer Note sein. Nach einem Jahrhundert organisierter Schafzucht in Hessen erscheint die Branchen-Zukunft wenig hoffnungsvoll. Schon das kommende Jahr wird einschneidende Veränderungen mit sich bringen. Wenn sich die Schäferinnen und Schäfer am letzten Augustwochenende 2022 in der mittelhessischen Stadt Hungen zum traditionsreichen Schäferfest – das ebenfalls seit 100 Jahren begangen wird – treffen, stehen die Zeichen auf Abschied.

Der bislang taktgebende Hessische Verband für Schafzucht und –haltung soll in neue Strukturen überführt werden, eine amtlich bestellte Zuchtleitung ist nicht länger vorgesehen. „Das Land Hessen zieht sich aus seiner Verantwortung für die heimische Zucht zurück“, sagt der Vorsitzender Reinhard Heintz, der sich seit mehr als drei Jahrzehnten für die Belange der Schafhaltung einsetzt und das Metier als Herdenbesitzer bestens kennt. 2023 wird er sein Amt nach aufreibenden Jahren zur Verfügung stellen.

Dass vom überlieferten Brauchtum kaum noch etwas übrig geblieben ist, bildet ein betrübliches Resümee. „Es wird alles bürokratischer, anonymer.“ Konnten die Schafhalter:innen bis 1970 – auch das Jahr, in dem sich die Verbände Kurhessen und Hessen-Nassau zum Hessischen Schafzuchtverband zusammenfanden – mit der Vermarktung von Lammfleisch und Wolle noch ihr Auskommen erwirtschaften, beherrschen unkalkulierbar schwankende Marktpreise die heutige Szenerie. Der Wollpreis kann den Schurlohn kaum noch auffangen, die großen Wanderschafherden verschwinden aus den hessischen Landschaften, die Nebenkosten wachsen stetig.

Obwohl die Konditionen für Lammfleisch derzeit ordentlich sind, gilt der Bereich Landschaftspflege als „einzig akzeptable Einkommensmöglichkeit“. Mit der Ansiedlung des Wolfs dürfte auch dies ein Auslaufmodell sein: „Dann ist keine Weidetierhaltung mehr möglich,“ sagt Heintz. Die Aussichten, denen sich die 166 hessischen Züchter:innen und ihre 4982 Herdbuchtiere stellen müssen, sind düster.

Schäferfest in Hungen

In Hungen hat sich 1922 der Oberhessische Schäferverein gegründet, was damals mit einem Festzug gefeiert wurde. Daraus ist das Hessische Schäferfest erwachsen. Vom 26. bis 29. August 2022 steht Hungen im Zeichen dieses Doppeljubiläums.

„100 Jahre organisierte Schafzucht in Hessen“ sowie „100 Jahre Hessisches Schäferfest“ werden mit großem Programm gewürdigt. Zu den traditionellen Veranstaltungen gehören das Landesleistungshüten am Samstag oder der sonntägliche Schäferlauf mit anschließender Krönung des hessischen Schäferkönigspaares. Der Festzug beginnt um 14 Uhr.

Ein „Schäfermarkt“ soll ebenso durchgeführt werden wie Hüte- und Schafschur-Vorführungen. Des Jubiläums gedenken die hessischen Schafhalter um 18 Uhr am Samstag.

Das komplette Programm mit allen Veranstaltungsorten findet sich unter: www.hungen.de ov

Gegenüber den Anfängen habe sich die tierische Vielfalt zu einem Flickenteppich ausgewachsen. Von insgesamt 43 Rassen, „vielen Exoten“ und Kleinstbeständen spricht Heintz, der mittlerweile um den Fortbestand der hessischen „Wirtschaftsrassen“ fürchtet. Von den einstmals stolzen Merinolandschaf-, Schwarzköpfiges Fleischschaf-, Texel- und Suffolk-Zuchten seien nur noch Restbestände anzutreffen. „Das alles ist im Abgang begriffen.“ Stabil im Bestand gehalten hätten sich nur Rhön- und Fuchsschafe.

Das hessische Agrargebiet, im 18. Jahrhundert als „Wolleland“ bekannt, wurde über Epochen von Gutsschäfereien dominiert, den Wanderungen vielköpfiger Herden. Zum ersten „überlokalen Zusammenschluss“ kam es am 8. Februar 1922 in Hungen, wo sich der „Oberhessische Schäferverein“ auf Initiative von Wetterauer und Vogelsberger Hirten gründete. Der Bund setzte sich aus Gemeinde- und Genossenschaftsschäfern zusammen, stellte neben fachlichen auch soziale Hilfen in den Vordergrund. Aus dem feierlichen Umzug anlässlich der Gründung formte sich das heute in zweijährigem Turnus veranstaltete „Hessische Schäferfest“ mit seiner thematischen Verpflichtung.

Ein Jahr später, 1923, kam es bereits zur Ausrufung des Landesverbandes Kurhessischer Schafzüchter. Noch bürgte die erzeugte Wolle für knapp die Hälfte aller Einnahmen, standen Schwarzköpfe, Rhönschafe und das „Deutsche veredelte Landschaf“ (später zu „Merinolandschaf“ umgetauft) im Fokus. 1934 nahm der Landesverband Hessen-Nassau seine Arbeit auf. Die nun einsetzende „planmäßige Zucht“ äußerte sich in der Bildung sogenannter Stammherden, dem Gebrauch des „Herdbuchs“ mitsamt Einzeltier-Kennzeichnung und -bewertung.

Bis zum Ende des Jahrtausends verschwanden Guts- und Gemeindeschäfereien aus dem Landschaftsbild, übernahmen selbstständige Schafhalter-Familien das züchterische Handwerk. Nebenerwerbsbetriebe gewannen an Kontur, die „Koppelschafhaltung“ wurde vorrangige Betriebsform. 7676 Zuchttiere aus vier Rassen bevölkerten 1972 die hessischen Weidegründe, zahlenmäßig angeführt von Schwarzköpfen und Merinos. Es war auch die große Ära des in Kassel beheimateten Schafzucht-Verbandes mitsamt intensiver Herdenbetreuung und umfassenden Beratungsangeboten.

Es ist eine von Mühseligkeiten und Glücksmomenten geprägte Historie, die während des diesjährigen Hungener Schäferfestes sicher durchaus anklingen wird, jedoch kein Pfand mehr auf die Zukunft ist. Ob die Zucht von Schafen, der Fortbestand von Bewährtem, das überlieferte Handwerk des Hirten weiterhin hessenweit möglich sind, ist mehr als ungewiss.

Die Abordnung der hessischen Schäfer nebst Hütehunden während des Hungener Festumzugs 1949. Bild: privat
Die Abordnung der hessischen Schäfer nebst Hütehunden während des Hungener Festumzugs 1949. Bild: privat © privat

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