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Russischlehrer aus Hessen: „Die Jugendlichen leben in zwei Informationswelten“

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Von: Peter Hanack

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In Hessens Schulen ist der Krieg in der Ukraine ein großes Thema. Im Russischunterricht noch mehr.
In Hessens Schulen ist der Krieg in der Ukraine ein großes Thema. Im Russischunterricht noch mehr. © dpa

Stefan Höhbusch unterrichtet Russisch und Religion in Marburg. Im Interview spricht er über Schulpartnerschaften mit Moskau, Konflikte in Familien und die Hoffnung auf Frieden in der Ukraine.

Stefan Höhbusch ist Russischlehrer. Zusammen mit Kollegen und Kolleginnen hat er einen offenen Brief geschrieben. Er wirbt darin um Rücksicht und Verständnis für Kinder und Jugendliche mit russischen Wurzeln. Und hofft, dass nicht alle Brücken nach Russland fallen.

Herr Höhbusch, wie sieht es zurzeit in Ihrer Russischklasse aus?

Sehr stark in den Vordergrund gerückt ist da der Krieg in der Ukraine und die Situation der Schülerinnen und Schüler.

Wie setzt sich die Klasse zusammen?

Wir haben an der Schule insgesamt rund 100 Russischlernende. Davon kommen zwei Drittel aus einer Familie, die aus der Ukraine, Russland oder Kasachstan stammt. Viele sind sehr direkt betroffen, haben noch Familienangehörige in ihren jeweiligen Herkunftsländern. Bei einigen sind Verwandte untergekommen, die aus der Ukraine geflüchtet sind. Ihnen ist also sehr nahe, was Krieg bedeutet. Viele erleben die Spannungen, die wir jetzt in der Weltpolitik haben, ganz direkt in ihren Familien.

Wie äußert sich das?

Eine Schülerin berichtete, dass ihre Mutter jetzt keinen Kontakt mehr mit ihren Eltern in Russland hat. Oma und Opa, so erzählte das Mädchen, haben der Mutter gesagt, sie sei nicht mehr ihre Tochter, sie sei eine Verräterin, und sie wollten mit ihr nichts mehr zu tun haben, weil sie auf die Propaganda des Westens hereingefallen sei. Einige der Jugendlichen leben in zwei Informationswelten. Da wird zu Hause russisches Propagandafernsehen geschaut, wo eine ganz andere Sicht auf diesen Krieg gezeigt wird als in den deutschen Medien.

Gibt es im Unterricht Konflikte zwischen Jugendlichen mit ukrainischen und russischen Wurzeln?

Ich habe das von Kolleginnen und Kollegen aus anderen Schulen gehört. Unsere Schüler und Schülerinnen haben es bislang geschafft, diesen Konflikt nicht in die Lerngruppe hinein zu lassen. Es gibt nicht die Russen und die Ukrainer. Es gibt ein gemeinsames Erschrecken über dieses Krieg und eine gemeinsame Sehnsucht nach Frieden. Einige Russischstämmige haben mir aber von Situationen erzählt, wo sie oder ihre Geschwister an anderer Stelle aufgefordert wurden, sich gegen Putin und Russland zu positionieren, wo sie als Russen beschimpft oder in eine Kollektivhaftung für die kriegerischen Aggressionen Russlands genommen wurden.

Was können Sie als Lehrer tun, um mit der Situation umzugehen?

Diesen Formen von Stigmatisierung und Diskriminierung müssen wir entschieden pädagogisch entgegenwirken. Wir dürfen nicht vergessen, dass es sich bei den Kindern und Jugendlichen nicht um Russinnen und Russen in Deutschland handelt, sondern um Deutsche mit bi- oder multikulturellen Identitäten, die in ganz unterschiedlichen ethnischen Zugehörigkeiten ihrer Familien in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion wurzeln.

Wie sehen das Ihre Kollegen und Kolleginnen?

Uns als Verband der Russischlehrer geht es darum, alle Kollegen und Kolleginnen auch in anderen Fächern dafür zu sensibilisieren, dass die Kinder und Jugendlichen in besonderer Weise von diesem Krieg betroffen sind. Sie sollten nicht, auch nicht nur scherzhaft, dafür mitverantwortlich gemacht werden. Man sollte sie auch nicht verpflichten, eine bestimmte Position zu beziehen. Es geht vielmehr darum, gemeinsam mit allen Schülerinnen und Schülern die Ursachen des Krieges zu verstehen, eine eigene Position auf der Grundlage der Menschenrechte zu entwickeln und zu lernen, kritisch mit Meldungen und Fotos insbesondere in den sozialen Medien umzugehen. Ich sehe auch eine besondere Chance gerade für die russischsprachigen Schüler und Schülerinnen, in eine aktive Rolle zu kommen, indem sie sich an den Schulen um die aus der Ukraine ankommenden Kinder und Jugendlichen kümmern.

Verlangen Ihre Schüler und Schülerinnen von Ihnen eine klare Positionierung?

Ich mache deutlich, dass ich eine ganz klare Haltung dazu habe. Es handelt sich um einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg, der durch nichts gerechtfertigt ist. Auf dieser Basis können wir miteinander diskutieren.

Haben Sie selbst familiäre Beziehungen in den russischsprachigen Raum?

Überhaupt nicht. Ich bin im Ruhrgebiet groß geworden und habe Russisch gewählt, weil es ja irgendeine Fremdsprache sein musste. Die Liebe dazu kam erst später. Beziehungen gibt es heute vor allem zu Bekannten und Freunden, die ich selbst bei Schüleraustauschen kennengelernt habe, und zu unserer Partnerschule in Moskau, wo meine Kolleg:innen und ich versuchen, die Kontakte auf privater Ebene irgendwie aufrecht zu erhalten. Auf dieser Ebene tut mir der Konflikt natürlich persönlich weh, wenn man sieht, wie lang aufgebaute Kontakte und Brücken jetzt zerstört werden durch diese Politisierung auch des privaten Raums. Es ist sehr schwierig, miteinander zu sprechen, wenn Menschen aus zwei ganz unterschiedlichen Narrativen und ganz unterschiedlichen Sichtweisen auf diesen Krieg zusammentreffen.

Sie haben das Beispiel aus der Familie ihrer Schülerin ja geschildert.

Dennoch sollten wir versuchen, die persönliche Beziehungsebene aufrecht zu erhalten. Über diesen Krieg und diese schrecklichen Verbrechen sollten wir nicht alle privaten, zivilgesellschaftlichen Kontakte abbrechen. Das sind die Kontakte, auf die wir eine Beziehung nach dem Krieg und vielleicht auch nach Putin wieder aufbauen müssen.

Ihre Schule hat eine Partnerschaft mit einer Schule in Moskau. Hat diese Partnerschaft eine Zukunft?

Austausche zurzeit sind nicht möglich, auch sind die Schulen sehr politisiert, Gespräche schwierig. Das letzte Mal waren wir 2019, noch vor Corona, dort. Die Lehrkräfte dort müssen sehr aufpassen, was sie sagen, denn sie stehen ständig unter Beobachtung. Trotzdem hoffe ich, dass die Partnerschaft weiter bestehen kann. Das versuchen wir, indem wir auf privater Ebene Kontakt halten, weil wir das für die Völkerverständigung für wichtig halten.

Interview: Peter Hanack

Siehe „An Hessens Schulen gibt es bald Ukraine-Unterricht für die Geflüchteten“

Stefan Höhbusch (45) unterrichtet Russisch und evangelische Religion an der Martin-Luther-Schule in Marburg. Er ist Vorsitzender des Hessischen Russischlehrerverbands, der rund 100 Mitglieder zählt. pgh
Stefan Höhbusch (45) unterrichtet Russisch und evangelische Religion an der Martin-Luther-Schule in Marburg. Er ist Vorsitzender des Hessischen Russischlehrerverbands, der rund 100 Mitglieder zählt. pgh © privat

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